Am insgesamt positiven Halbjahresresultat der Bank Vontobel klang einzig der Ausblick auf das Gesamtjahr 2007 etwas verhalten. Machen Sie sich Sorgen um einen Gewinnrückgang im 3. Quartal?

Herbert Scheidt: Wir rechnen mit einem soliden Ergebnis, und das ist angesichts dessen, dass wir im August eine wirklich erschütternde Finanzkrise erlebt haben, von der wir auch noch weitere Wellen spüren werden, eher mutig.


Ist die Bank Vontobel in die Kreditmarktkrise involviert?

Scheidt: Nein, wir sind nicht direkt betroffen, weil wir solche Wertschriften nicht bei uns im Portfolio haben – weder für unsere Kunden, noch für uns selbst. Aber wir sind – wie jede andere Bank auch – Teil eines Finanzsystems, und in diesem System gibt es Ungleichgewichte. Diese haben kurzfristig und völlig unerwartet zu einem enormen Liquiditätsengpass geführt.


So ganz unerwartet kam die Krise doch nicht, die Blase im US-Immobilienmarkt war deutlich.

Scheidt: Unerwartet, weil niemand wusste, wo die Korrektur der Kredit-Risikoprämien am Ende ankommen und welche Wirkung sie dort zeigen würde. Man war in der seligen Hoffnung, man habe die Risiken so breit in der Welt verteilt, dass niemand echt davon betroffen werde – sie praktisch atomisiert. Und plötzlich hat man festgestellt, die sind zwar atomisiert, aber tauchen trotzdem in Portfolios wieder auf, wo man sie nie vermutet hätte.

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Taucht bei Vontobel noch irgendwas auf?

Scheidt: Nichts. Wir haben das genauestens recherchiert, das können Sie sich vorstellen. Und wir haben kein Exposure in diesem Subprime-Markt.


Investoren scheinen anders zu denken, die Aktie der Bank Vontobel hat seit Anfang August fast 10% an Wert verloren ...

Scheidt: Die Aktie entwickelte sich bis Juli sehr erfreulich. Die Marktturbulenzen wirkten dann auf alle Finanzinstitute. Vor dem Hintergrund unseres Wachstums und unserer Solidität lässt sich der Kursrückgang aber nicht erklären.


Eine grössere Krise wurde durch das Eingreifen der Zentralbanken verhindert. Lässt dies nicht auch den Schluss zu, dass die Probleme grösser sind, als alle derzeit vermuten?

Scheidt: Die Zentralbanken mussten agieren, weil sie gesehen haben, dass der Liquiditätsmarkt unter den Banken nicht mehr funktioniert hat. Dies sendet natürlich ein grosses Signal an den Markt. Aber es ist ein bisschen so wie bei einem Unfall, wenn die Ambulanz gerufen wird. Die fährt dann mit einem lauten Tatüütataa hin und jeder weiss, da war ein Unfall – aber keiner weiss, was geschehen ist und ob und wie viele Verletzte es gegeben hat –, und ist beunruhigt. Aber es ist dennoch besser, dass die Ambulanz geholfen hat!


War die Notversorgung der Ambulanz ausreichend oder liegt der Patient «Finanzmarkt» noch auf der Intensivstation?

Scheidt: Ich sehe keine grosse, nicht zu bewältigende Krise. Aber der Mechanismus, den es braucht, um die Bewertung der Kreditpreise wieder ins Lot zu bringen, der steht noch vor uns und kann hie und da noch für weitere Turbulenzen sorgen.


Vontobel hat das grösste Exposure im Investment Banking – ein Bereich der üblicherweise stärker auf Verschlechterungen des Umfelds reagiert als das Private Banking oder das Asset Management. Droht von dieser Seite ein Ergebniseinbruch?

Scheidt: Unser Investment Banking besteht zu massgeblichen Teilen aus dem Geschäft mit strukturierten Produkten. Diese entwickeln, emittieren und verkaufen wir an andere Geschäftsbanken, grosse Vermögensverwalter, Family Offices usw. Insofern ist die Verbindung zum Privatbankgeschäft praktisch eins zu eins gegeben und das Investment Banking ist so nicht volatiler als das Private Banking.

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Wie haben sich die Marktturbulenzen auf Ihr Derivatgeschäft ausgewirkt?

Scheidt: Das Absatzvolumen hat sich in der Anfangsphase der Marktturbulenzen leicht reduziert, aber in turbulenten Marktsituationen kommen die Vorteile von strukturierten Produkten erst richtig zum Tragen. Entsprechend sind wir zuversichtlich, dass die Akzeptanz von strukturierten Produkten weiter steigen wird.


Ist Vontobel im deutschen Derivatemarkt schon unter den ersten zehn Anbietern?

Scheidt: Unserem Ziel kommen wir erst langsam näher, was daran liegt, dass der deutsche Markt für Derivate sehr stark wächst. Das Ziel steht, aber an manchen Zielen arbeitet man eben etwas länger.


Halten Sie an den Plänen zur Expansion nach Italien und Spanien fest?

Scheidt: Momentan konzentrieren wir uns auf Italien, wo wir bereits eine Asset- Management-Gesellschaft haben. In Spanien haben wir aufgrund einer nicht vollzogenen steuerlichen Veränderung, was derivate Strukturen angeht, den Markteintritt etwas verschoben.

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Planen Sie Akquisitionen? Sie wollen schliesslich die Kundenvermögen bis 2010 auf über 100 Mrd steigern, und von irgendwoher muss das Geld ja kommen …

Scheidt: Wir haben insgesamt jetzt schon rund 120 Mrd verwaltete Vermögen, wenn man die 40 Mrd Custody-Gelder dazu nimmt. Aber ich denke, wir werden die angestrebten 100 Mrd Kundenvermögen durch Kooperationen, mit organischem Wachstum und auch durch Akquisitionen hinbekommen.


Haben Sie neue Namen für Akquisitionen und/oder Kooperationen im Fokus?

Scheidt: Im Fokus haben wir immer welche! Was mögliche Akquisitionen angeht: Ja, wenn sich etwas Sinnvolles ergibt, würden wir auch zukaufen. Und bei Kooperationen ist es immer sehr wichtig, dass man wirklich eine Win-win-Situation schafft. Und wenn es dann mit einem Partner so weit sein sollte, würde ich gerne sofort mit Ihnen darüber sprechen!

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Bleibt also nur noch das teure organische Wachstum, was ihren Geschäftsaufwand noch weiter erhöht ...

Scheidt: Die gestiegenen Kosten, die wir im 1. Halbjahr 2007 ausgewiesen haben, ergeben sich aus der im 2. Halbjahr 2006 getätigten Akquisition von Lombard Odier Darier Hentsch. Ein weiterer Kostenfaktor war die Expansion des Private Banking nach Mittel- und Osteuropa.


Wie viele Mitarbeitende haben Sie dort?

Scheidt: Derzeit sind es rund 30 Leute. Vor ein oder anderthalb Jahren waren es erst 10. Dies zeigt, dass wir in dem «War for Talents» in der Lage sind, sehr gute Mitarbeiter für uns zu gewinnen.


Womit locken Sie neue Mitarbeitende?

Scheidt: Die Leute kommen zu uns, weil wir in der Region neben den Grossbanken die aktivsten und schon seit vielen Jahren vertreten sind. Das Gehalt ist unter dem Strich ein Hygienefaktor, das stimmen muss und nicht massgeblich unter dem der Konkurrenz liegen darf.

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Sie hatten noch nie so viele Mitarbeitende wie heute, es sind rund 1200.

Scheidt: Neben dem Ausbau der Beratungskapazitäten führten auch die Kooperation mit Raiffeisen und die Übernahme der Custody-Funktionen zu diesem Personalanstieg. Dieses Custody-Geld ist aber interessantes und sehr attraktives Geld für uns, weil es unsere Gesamtstückkosten senkt und uns Erträge bringt.


Also beunruhigt Sie das gestiegene Kosten-Ertrags-Verhältnis nicht?

Scheidt: Uns beunruhigen nur Sachen, die wir nicht vorhergesehen haben! Aber diese Cost-Income-Ratio liegt völlig in unserer Planung.


Kann sich das nicht zu einem nur schwierig zu reduzierenden Kostenfaktor auswirken, wenn die Ertragsseite nachlässt?

Scheidt: Jede Cost-Income-Ratio arbeitet. Es gibt Phasen, in denen der Markt nicht in derselben Art und Weise mitspielt wie in den letzten Jahren, und dann steigt das Kosten-Ertrags-Verhältnis eben. Daher gibt man die Ratio auch vernünftiger Weise als Bandbreite an, denn es ist unmöglich, sie zu fixieren und es wäre auch unternehmerisch falsch. Als Unternehmer stehen wir ja immer zwischen der Wahl, machen wir jetzt was oder machen wir nichts? Und ein guter Freund hat immer gesagt, «Unternehmer kommt von etwas unternehmen und nicht von etwas unterlassen». Und wenn wir etwas unternehmen, dann kostet das eben auch Geld.

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Steckbrief

Name: Herbert Julius Scheidt
Funktion: CEO Bank Vontobel
Jahrgang: 1951
Wohnort: Zürich
Familie: Verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Handelskaufmann, B.A. und M.A. in Economics, University Sussex, MBA Uni New York

Karriere

1979–1982: Volkswirt bei der Welternährungsorganisation (FAO), Rom
1982–2002: Diverse leitende Funktionen bei der Deutschen Bank in Deutschland, New York, Milano und Schweiz. Zuletzt Head of Private Banking International und CEO Deutsche Bank Schweiz in Genf.
Seit 1. Oktober 2002: CEO der Vontobel-Gruppe

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Bank Vontobel

Breit abgestützt: Die Vontobel-Gruppe gliedert sich in die drei Geschäftsfelder Private Banking, Asset Management und Investment Banking. Im 1. HJ 2007 erwirtschaftete die Bank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Konzerngewinn von 168,4 Mio Fr. (+27%). Der Nettoneugeldzufluss betrug 2,5 Mrd Fr., die betreuten Kundenvermögen stiegen um 11% auf 79 Mio Fr. Vontobel verfügt über 1,4 Mrd Fr. eigene Mittel, die Eigenkapitalrendite liegt bei 24,3%. Der Geschäftsaufwand stieg im 1. HJ um 42%, die Kosten-Ertrags-Relation erhöhte sich auf 62,6% (60,7%).

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Familiär gestützt: Die 1924 gegründete Bank Vontobel ist mehrheitlich im Privatbesitz verblieben. Die Familie Vontobel hält direkt und indirekt rund 40% der Aktien, zirka 34% der Aktien sind im Streubesitz, der Rest in Händen von Partnern und Management.