«Warum wird die Liebe problematisiert?» Theo Wehner, der ETH-Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, schüttelte den Kopf. Die Liebes- und die Friedensfähigkeit des Menschen seien die beiden grossen zivilisatorischen Errungenschaften. Die Liebe sei etwas Wunderschönes, und dies dürfe man ja nicht geringschätzen. Liebe sei eine wichtige Form der Anerkennung, und Anerkennung sei im heutigen Berufsleben absolute Mangelware. Deshalb sei «Hass am Arbeitsplatz» das eigentliche Problem. Peter Keller, der Personalverantwortliche von Coop Schweiz, pflichtete den Ausführungen Wehners weitgehend bei. Doch im Alltag hat Keller bei Liebesverhältnissen in der gleichen Abteilung immer wieder Schwierigkeiten beobachtet. Coop sei zwar darauf bedacht, dass sich die Mitarbeitenden wohl fühlten - und dies belegen laut Keller die Mitarbeiterbefragungen. Doch sei der Lebensmittelkonzern weder ein Ehevermittlungs- noch ein Eheberatungsinstitut.

Genau, meinte auch Matthias Mölleney, der vor der Gründung seiner Firma peopleXpert Personalchef von Swissair, Centerpulse und Unaxis war. «Die zentrale Frage lautet: Wenn schützt man - das Liebespaar oder die Abteilung?» Deshalb hätten viele Konzerne Regeln aufgestellt: Erstens sollte ein Liebespaar nicht in der gleichen Abteilung tätig sein, und zweitens würden asymmetrische Beziehungen zwischen einem oder einer Vorgesetzten und einer hierarchisch untergeordneten Person nicht akzeptiert. Es gibt aber auch die ominösen Ausnahmen, wie bei der Kanalreinigung spezialisierte Marquis-Gruppe. Beatrix Marquis ist Finanzchefin, ihr Mann ist CEO, und es funktioniert. Bereits die Schwiegereltern führten das KMU gemeinsam. «Wir haben eine klare Aufgabenteilung. Ich bin für die Finanzen und das Personal zuständig, und wenn wir Entscheidungen treffen, dann schauen wir das möglichst sachlich an», erläutert Marquis. Für Wehner ist dies ein Erfolgsrezept für Liebe am Arbeitsplatz: Gesunder Menschenverstand, gemeinsame Interessen und gegenseitige Anerkennung.