Wurden eigentlich nach der Wiedervereinigung auch beim ökonomischen Prozess gravierende Fehler gemacht?

Klaus von Dohnanyi: Ja. Als sich Länder gebildet hatten, entstand zwischen diesen Ländern ein Standort-Wettbewerb, der auf die ganze Fläche in den Ländern ausgerichtet war. Ich habe damals dafür plädiert, dass der Bund, sagen wir an 15 Standorten, bundeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaften einrichtet und diese mit Universitäten und Wissenschaft verknüpft, um auf diese Weise Cluster zu bilden, also Wachstumskerne. Ich habe das im Jahr 2004 ja noch einmal in einer Bilanz wiederholt. Erst heute machen wir das in Deutschland stärker, dass wir uns auf Wachstumskerne stützen. Aber der auf die Fläche gerichtete Ehrgeiz der Länder war sozusagen ein eingebautes Problem, das sich aus den politischen Strukturen ergab.

Es gab aber auch gravierende Fehlentscheidungen.

Von Dohnanyi: Ja. Der zweite wesentliche Fehler war es, die Treuhandanstalt beim Finanzminister anzusiedeln. Der hat der fiskalischen Seite des Wiederaufbaus ein viel zu grosses Gewicht gegeben. Man hat versucht, die Unternehmen zu restrukturieren, ohne zu überlegen, welche Märkte sie überhaupt erreichen können. Der Finanzminister hatte eine zu grosse Bedeutung. Es ging aber um ein wirtschaftspolitisches Problem und nicht um ein finanzpolitisches.

Gab und gibt es im Westen nicht auch das Gefühl, nun gehe alles Geld in den Osten und man selbst bleibe zurück?

Von Dohnanyi: Ich finde nicht, dass das auf der westdeutschen Seite sehr stark ausgeprägt war. Es ist natürlich immer so: Wenn Sie etwas aufbauen, ist es neu. Deswegen sind manche Fabriken im Osten Deutschlands heute moderner als im Westen. Und trotzdem sind Wirtschaftsleistung und Löhne im Westen noch deutlich höher. Auch wenn die langsame Angleichung inzwischen gestoppt scheint.

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Ist es noch sinnvoll, weiterhin so hohe Transfers an den Osten zu zahlen?

Von Dohnanyi: Die gehen ja runter. Ab 2019 gilt nur noch der normale Finanzausgleich, und dann werden auch die Unterschiede zwischen Ost und West neu betrachtet werden. Aber im Ganzen gesehen ist die Aufgabe noch nicht erfüllt. Wir haben immer noch eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit. Es gibt fast keine Unternehmenszentralen im Osten. Das dauert noch eine Weile, auch wenn man die Dauer zunächst unterschätzt hat.

Was hat man falsch eingeschätzt?

Von Dohnanyi: Na ja, man hat gedacht, der nackte Markt werde das alles schon richten. Aber der Markt ist ein grausames Instrument. Wenn sie den ungeordneten Markt loslassen auf schwache Leute, dann sind diese Leute weggefegt, ehe sie sich umgucken können. Das ist immer so gewesen. Der Markt kann ein brutales Instrument sein, deswegen müssen wir ihn organisieren und zähmen, wie in der sozialen Marktwirtschaft. Über den Osten ist damals der Markt ja wie ein Tsunami hereingebrochen. Ich habe das bei der ostdeutschen Firma Takraf erlebt, die unter anderem auch Eisenbahndrehkräne herstellt. Über Nacht wurde dann nicht mehr bei Takraf, sondern bei Krupp oder bei Mannesmann gekauft, weil deren Kräne eine Hydraulik hatten, unsere nicht. Und D-Mark kostete ja alles. All das bleibt eine traumatische Erfahrung vieler Ostdeutscher.

Das zentrale Bild der Wiedervereinigung ist das der «blühenden Landschaften», das Kanzler Helmut Kohl dem Osten prophezeit hat. Wie verhält es sich damit aus heutiger Sicht?

Von Dohnanyi: Es stimmt ja, es stimmt, denn die Landschaften blühen ja wirklich. Das Problem sind die Beschäftigung und die Arbeitsplätze. Aber wenn Sie sich die Städte angucken und die Pflege der Landschaften: Ich war gerade in Leipzig und bin dann zurückgefahren an einem sonnigen Tag. Also das ist wunderschön, das ist unvergleichlich. Ich kenne das Gebiet ja aus dem Januar 1990, ich bin ja faktisch mit dem Mauerfall rüber gegangen. Das war ein anderes Land. Heute «blühen» die Landschaften wirklich. Der Fehler, den man gemacht hat, ist, dass man nicht gesehen hat, wie schwach diese ostdeutsche Industrie unter dem Druck des Weltmarktes sein würde. Selbst so ein relativ erfahrener Mann wie Rohwedder hat ja noch geglaubt, das Vermögen der DDR sei 600 Mrd wert. Und es war null wert.

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Wie lange dauert es, bis man eine vollständige Angleichung zwischen Ost und West erreicht?

Von Dohnanyi: Insgesamt vielleicht 50 Jahre? Also noch etwa 30 Jahre? Das wiederum hängt sehr stark davon ab, wie wir jetzt mit dieser Phase nach der Krise umgehen. Denn die Welt wird ja durchgeschüttelt. Es ist eine andere Welt, die entsteht. Wenn man da nicht dabei ist, dann kann man sich darüber beklagen, kann mit Oskar Lafontaine eine grosse Schnauze haben: Aber das nutzt dann nichts.