Der deutsche Chef Léo Apotheker baut den US-Konzern Hewlett-Packard um: Der weltgrösste Computer-Hersteller könnte sich von seinem PC-Geschäft trennen und stattdessen Milliarden in den Kauf eines britischen Software-Spezialisten stecken. Zugleich will sich Hewlett-Packard im Wettbewerb mit Apples iPhones und iPads sowie Smartphones mit dem Google-Betriebsystem Android geschlagen geben.

Das Geschäft mit Geräten mit dem eigenen mobilen Betriebsystem webOS solle eingestellt werden, teilte das Unternehmen mit. Die Umsatz- und Gewinnprognose für das laufende Jahr senkte der Konzern teils kräftig. Die Anleger konnte Hewlett-Packard mit den Ankündigungen zunächst nicht überzeugen: Die Aktie ging auf eine scharfe Talfahrt und verlor mehr als sechs Prozent.

HP teilte zunächst wenig Endgültiges mit, doch schon die Überlegungen kündigen einem drastischen Wandel an. Der Konzern prüfe alle Optionen für den Geschäftsbereich inklusive einer kompletten oder teilweisen Abspaltung, hiess es.

Ausserdem bestätigte der US-Konzern Gespräche über den Kauf der britischen Software-Firma Autonomy. Für den Spezialisten für Programme, mit denen grosse Unternehmen ihre Datenbestände besser im Griff behalten können, bietet HP 25,50 britische Pfund je Aktie in bar und zahlt damit einen Aufschlag von 50 Prozent zum Durchschnittspreis der vergangenen drei Monate, wie aus den am Freitag vorgelegten Angebotsunterlagen hervorgeht. Damit werde Autonomy insgesamt mit 7,1 Milliarden Pfund bewertet.

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Autonomy begrüsst Übernahme

«Zusammen mit Autonomy wollen wir die Art und Weise, wie strukturierte und unstrukturierte Daten verarbeitet, analysiert, optimiert, automatisiert und geschützt werden neu erfinden», sagte Apotheker. Autonomy verfüge über ein attraktives Geschäftsmodell, inklusive starker Cloud-Lösungen. Dabei werden die Daten von Unternehmen nicht mehr lokal abgelegt, sondern sind im weltweiten Netzwerk gespeichert.

HP hat bereits die Autonomy-Führung auf seiner Seite. «Dies ist ein bedeutungsvoller Tag in der Unternehmensgeschichte von Autonomy», sagte Unternehmenschef und Gründer Mike Lynch, der das Unternehmen weiter führen soll. Unter dem HP-Dach könne die Technologie seiner Firma auf den Weltmarkt gebracht werden. Das Autonomy-Management, das selbst gut neun Prozent des Aktienkapitals hält, bewertet das Angebot als angemessen und sinnvoll. Daher werde den Anteilseignern uneingeschränkt empfohlen, das Angebot anzunehmen.

TouchPad konnte sich nicht etablieren

Der Wandel passt in die Strategie, die Apotheker in den vergangenen Monaten ausgegeben hatte: Fokus auf das lukrative Geschäft mit Software und Dienstleistungen, effizienteres Wirtschaften, mehr Wert für Aktionäre. Denn die Anleger waren zuletzt unzufrieden mit dem sinkenden Aktienkurs und schwachen Erträgen. Bereits mehrfach musste der Konzern die Prognosen für das Geschäftsjahr zurückschrauben.

Mitte Mai hatte der frühere SAP-Chef Apotheker in einem internen Schreiben vor einem «weiteren schwierigen Quartal» gewarnt und gemahnt, Ausgaben auf ein Minimum zu beschränken. Jetzt wurde die Umsatzprognose erneut gekappt.

Abgesehen davon, dass die PC-Produktion an sich eine schlechtere Rendite abwirft als Software oder Dienstleistungen, hat HP zudem Probleme im Geschäft mit Privatkunden. Vor allem Apple macht dem weltgrössten PC-Bauer zu schaffen: Der Tablet-Computer iPad lockt Kunden von Notebooks weg. Das HP-Tablet TouchPad konnte sich nicht als Rivale etablieren - und wird jetzt offenbar auch keine weitere Chance bekommen.

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Jahresgewinnziel zurechtgestutzt

Die gleichzeitig vorgelegten Zahlen für das dritte Geschäftsquartal untermauerten die Probleme, die Hewlett-Packard zu dem grossen Umbau drängten. Der Umsatz legte lediglich von 30,7 auf 31,2 Milliarden Dollar zu. Beim Gewinn wurde zunächst lediglich der Betrag pro Aktie genannt. Er legte von 75 auf 93 US-Cent zu.

Der Umsatz soll im Gesamtjahr nun noch 127,2 bis 127,6 Milliarden Dollar erreichen, zuvor lag die Zielmarke noch bei 129 Milliarden Dollar. Der Gewinn je Aktie soll in der Spanne zwischen 3,59 und 3,70 Dollar herauskommen, zuvor hatte HP noch mindestens 4,27 Dollar angepeilt.

Chef unter Beobachtung

Apotheker hatte im vergangenen November das Ruder vom geschassten Vorgänger Mark Hurd übernommen und steht deshalb unter besonderer Beobachtung: Hurd hatte das Unternehmen nach einer undurchsichtigen Affäre mit einer externen Mitarbeiterin vor einem Jahr verlassen müssen. Bei den Investoren hatte das Bestürzung ausgelöst. Denn Hurd hatte HP mit Kosteneinsparungen zu Milliardengewinnen getrieben und den Konzern durch Zukäufe zur weltweiten Nummer eins der Branche gemacht.

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Der Umbau wurde einige Stunden vorher nach einem Bericht der Finanznachrichtenagentur Bloomberg bekannt. HP veröffentlichte danach eine Mitteilung noch vor US-Börsenschluss.

(laf/tno/kgh/awp)