Philipp Hildebrand, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), bezeichnet die neuen Kapitalvorschriften namens Basel III als «gute Basis» für die «Too big to fail»-Problematik. Nun bräuchten die systemrelevanten Grossbanken aber noch «einen zusätzlichen Verlust-Puffer». Das gilt insbesondere für die kleine Schweiz mit ihren zwei Grossbanken. Hildebrand brachte das Klumpenrisiko auf den Punkt, als er vor einigen Monaten mit Blick auf die grosse UBS-Krise im Herbst 2008 sagte: «Die Kugel ging ziemlich nahe am Kopf vorbei.»

Risiko ist nicht gleich Risiko

Doch zwei Jahre nach dem Fast-Crash des globalen Finanzsystems zeigt sich, dass die Grossbanken sanft angepackt werden. Weder Basel III noch der noch offene Schweizer Zusatzpuffer bereiten ihnen Kopfzerbrechen.

Bis jedoch die zuständige «Too big to fail»-Expertenkommission Ende Monat ihre Empfehlungen abgibt, halten sich die Grossbanken mit Jubelmeldungen zurück. «Wir werden die geforderten Standards erfüllen», sagt ein UBS-Sprecher wortkarg. Auch bei der CS heisst es lediglich, zusätzliches Eigenkapital könne mit Gewinnen selbst erarbeitet werden. Doch der Kampf dürfte entschieden sein, gewonnen haben Grübel und die Grossbanken, verloren Hildebrand und die für die Systemstabilität verantwortliche Notenbank.

Entscheidend ist, dass ein Franken Risiko nicht gleich einem Franken Risiko ist, sondern vom jeweiligen Geschäft abhängt. Eine Hypothek im Inland gilt als viel sicherer als ein ungesicherter Ausland-Kredit. Entsprechend müssen die Banken für die Hypothek deutlich weniger Eigenkapital bereitstellen und können es stattdessen in riskantere Investments stecken. Man spricht von risikogewichteten Assets. Dabei schnitten die Schweizer Grossbanken schon immer gut ab. Ihr Kernkapital liegt heute über 16% (siehe Grafik), und auch unter Basel III, wenn gewisse Kapitalformen nicht mehr zum Kernkapital zählen, werden UBS und Credit Suisse zu den hoch kapitalisierten Banken zählen.

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Würde hingegen die absolute Grösse zum Massstab für die Eigenkapitalberechnung genommen, stünden die Schweizer Grossbanken an einem Scheideweg. Für ihre immer noch riesigen Bilanzen benötigten sie dann viel mehr frisches Kapital, als sie am Kapitalmarkt aufnehmen könnten. Es bliebe nur noch der Ausweg, aus Geschäften auszusteigen und die Bilanzen zu verkleinern. Die Leverage Ratio fördert das Kernproblem zutage. Das Eigenkapital von UBS und CS macht derzeit nur rund 4% der ungewichteten Risiken aus, die sogar noch höher wären, würde das inländische Kreditgeschäft nicht ausgeklammert.

Leverage Ratio vom Tisch?

Vor der Krise hatte lediglich Island noch grössere Banken im Verhältnis zur eigenen Wirtschaftskraft. Die addierten Bilanzsummen aller Banken machten das Achtfache des Schweizer BIP aus. Die US-Banken kamen zusammengezählt nicht einmal auf das einfache US-BIP.

Trotz dieser Exponiertheit hält aber die Expertenkommission an risikogewichteten Kapitalregeln fest. «Die Leverage Ratio ist Folklore», begründet ein Mitglied, das nur anonym Auskunft gibt und sich als Anhänger eines liberalen Finanzsystems bezeichnet. «Die Verschuldungsgrenze war auch in Basel kein Thema mehr. Das belegt, dass sie nur ein Nebenschauplatz ist.» Auch ein anderes Mitglied, das der Nationalbank nahesteht, gibt zu, dass die Verschuldungsobergrenze «etwas in die Zukunft verschoben worden» sei. Vom Tisch sei sie aber nicht. Weil die Risikobeurteilung und -messung immer mit Unsicherheiten behaftet sein werde, brauche es die Obergrenze Leverage Ratio als Ergänzung und als Absicherung gegen massive Fehlentwicklungen.

Coco für den Krisenfall

Statt Grössenbeschränkungen empfehlen die Experten Hybridkapital namens «Contingent Convertibles» (CoCos), das sind Obligationen mit Zwangswandlung in Aktien im Krisenfall. Für die hochkapitalisierten UBS und Credit Suisse sollten CoCo-Milliarden einfach am Markt zu erhalten sein. Ein Schutz gegen «Too big to fail» ist das für die kleine Schweiz nicht. In einer nächsten Krise könnte das Land für eine Rettung ihrer beiden Grossbanken zu schwach sein.

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