Im Herbst 2008 musste die Eidgenossenschaft die Grossbank vor dem Zusammenbruch retten. Nur wenige Monate später brach die Finma mit der Herausgabe von UBS-Kundendaten Schweizer Recht, um eine drohende Strafklage gegen die UBS in den USA abzuwenden. Doch die UBS blieb weiter im Visier der Amerikaner, bis der Streit im letzten Sommer mit einem Abkommen zwischen den USA und der Schweiz beigelegt wurde. Die UBS schien aus dem Schneider - doch dann stellte das Bundesverwaltungsgericht das Abkommen wieder in Frage.

Jetzt liegt die Entscheidung beim Parlament. Es ist verständlich, dass viele Politiker langsam genug haben. Doch es bleibt ihnen kaum eine andere Wahl, als die bittere Pille noch einmal zu schlucken. Der Ball kann auch nicht einfach an die UBS zurückgespielt werden. Denn die Schweiz muss auf dem internationalen Parkett ein verlässlicher Partner bleiben, der Verträge einhält.

Allein schon aufgrund dieser Erfahrungen in den letzten zwei Jahren sollte die Politik ein Interesse daran haben, das «too big to fail»-Problem rasch anzugehen. Der Bund hat bereits eine Expertenkommission beauftragt, um Lösungen zu erarbeiten. Allerdings besteht die Gefahr, dass in diesem Gremium viel diskutiert wird, die Vorschläge dann aber in irgendeiner Schublade verschwinden. Die beiden Grossbanken setzen sich hinter den Kulissen massiv für ihre Interessen ein. Doch Lösungen sind dringend notwendig, will die Schweiz nicht wieder in die Geiselhaft einer einzigen Grossbank geraten. Die Schweiz ist nicht die UBS.

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Für die nationalen und internationalen Regulatoren hat die «too big to fail»-Problematik erste Priorität. Gesucht werden Wege, um das Risiko für das gesamte Finanzsystem zu beschränken, das von systemrelevanten Instituten ausgeht. Es ist richtig, dass alle möglichen Massnahmen geprüft werden, von strengeren Eigenmittelvorschriften als bei anderen Banken bis hin zu Sollbruchstellen. Systemrelevante Banken können nicht nur grosse Schäden anrichten, wenn sie ins Schlingern geraten. Sie haben auch eine starke Versuchung, hohe Risiken einzugehen. Gehen ihre Wetten auf, erzielen sie hohe Gewinne. Läuft es dagegen richtig schief, tragen die Steuerzahler die Verluste.

In der Schweiz hat sich vor allem Philipp Hildebrand, der neue Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), das Thema «too big to fail» auf die Fahnen geschrieben. Nach dem Motto «Es darf keine Tabus geben» bringt er sogar Grössenbeschränkungen für die Institute ins Spiel. Er wagt die Machtprobe gegen die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse, und wirft sein ganzes Renommé, das er im In- und Ausland geniesst, in die Waagschale.

Hildebrand kann dafür sorgen, dass das Interesse der Öffentlichkeit an der Problematik wach gehalten wird. Und er kann national und international wichtige Impulse geben. Doch das Zeitfenster ist kurz, um neue Regeln zu setzen, denn bereits ist wieder scheinbare Normalität eingekehrt: Die Finanzmärkte sind zur Ruhe gekommen, die Banken finden zurück zur Profitabilität - und die Politiker haben mit der hohen Staatsverschuldung andere Sorgen.

Dies darf aber nicht dazu führen, dass die Regulierungsbemühungen im Sande verlaufen. Dieses Risiko besteht, wie die früheren Finanzkrisen belegen. In diesen triumphierten die Interessen der Finanzindustrie über die Interessen der Öffentlichkeit an einem sicheren Finanzsystem. Nur: Eigentlich wäre ein nachhaltigeres Finanzsystem auch im Sinne der betroffenen Banken, die sich gegen schärfere Regeln wehren. Denn es ist möglich, dass die nächste Krise die Kapazitäten der Geld- und Fiskalpolitik übersteigt und die staatliche Rettung von systemrelevanten Banken nicht mehr möglich ist.

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Besonders für kleine Länder wie die Schweiz besteht diese Gefahr des «too big to rescue». In der Schweiz ist allein die Bilanzsumme der Grossbank UBS viermal so gross wie das Bruttoinlandprodukt (BIP). Zum Vergleich: In den USA erreicht die Bilanzsumme der grössten Bank Citigroup nur 15% des BIP. Damit zeigt sich eine weitere Dimension des Problems: In einem solchen Fall wären die Grossbanken nicht zu gross, sondern die Schweiz schlichtweg zu klein, um die Institute vor dem Untergang zu bewahren.