Zwei Minuten später und Roland Squaratti wäre heute nicht hier. Am Tag, der sein Leben veränderte, arbeitete er im Gemeindebüro. Er wollte nur kurz etwas mit dem Zivilschutz besprechen und machte sich auf ans andere Ende des kleinen Ortes Gondo im Wallis. Seit Tagen schüttete es, der kleine Bach im Ort war zu einem reissenden Fluss geworden. Squaratti eilte durch den Regen. Und dann brach hinter ihm das Dorf weg. In ein paar Sekunden begrub ein riesiger Erdrutsch ­einen Drittel von Gondo unter sich. 13 Tote forderte die Natur. Obschon das Ereignis fast 13 Jahre zurück liegt – beim Gemeindepräsidenten Squaratti sitzen Schock und Trauer immer noch tief. Zwei Brüder verlor er bei dem Erdrutsch am 14. Oktober 2000. Man hat sie nie gefunden.

Extremes Wetter nimmt zu

Extremes Wetter suchte auch in den letzten Tagen die Schweiz heim. Klare Bäche und Flüsse verwandelten sich zu reis­senden braunen Fluten, Seen traten über die Ufer, Erdrutsche machten zahlreiche Strassen und Schienen unbefahrbar – ein Steinschlag legte die Gotthard-Bahnlinie sowie andere Verkehrsachsen lahm.

Gondo blieb von den Unwettern verschont. «Dieses Mal sitzen wir auf der glücklichen Seite der Berge», sagt Squa­ratti. «Aber grundsätzlich sind wir immer wachsam. Das extreme Wetter hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.» Das zeigen auch Studien der Versicherer und der Bundesverwaltung.

«Als Gebirgsland ist die Schweiz von jeher einer Vielzahl von Naturgefahren ausgesetzt», erklärt Andreas Möri, Leiter Geologische Landesaufnahme beim Bundesamt für Landestopografie Swisstopo. Doch in den letzten Jahren habe die Zahl von aus­serordentlichen Ereignissen zugenommen. Erdrutsche, Steinschläge, Felsstürze zerstörten Land und zum Teil auch Existenzen. Dass es zu immer mehr solchen an sich normalen Vorgängen komme, liege «an der Häufung von statistisch aussergewöhnlichen Wetterereignissen» sowie daran, auch «an exponierten Stellen Infrastrukturen zu errichten», so Möri. Im Gebirge spielt zudem das Schmelzen des Permafrostes eine wichtige Rolle. Es führt dazu, dass der zum Teil bebaute Boden instabiler wird. Rund ein Dutzend Seilbahnen stehen laut verschiedenen Schätzungen deswegen unter besonderer Beobachtung.

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Das Phänomen, welches momentan zumindest die Versicherer noch stärker be­schäftigt, ist das Hochwasser. Die rekordhohen Pegelstände in Deutschland, die gar Zwangsevakuierungen zur Folge hatten, führen das Zerstörungspotenzial der Flüsse drastisch vor Augen. Die Schweiz blieb trotz höchsten Alarmstufen vor ähnlich verheerenden Flutwellen verschont. Allerdings ist der Hochwasser-Sommer 2005 hierzulande noch in frischer Erinnerung. Überschwemmungen führten zu Schäden von 4 Milliarden Franken. 2,3 Milliarden trugen die Versicherer. Es war die teuerste Naturkatastrophe der letzten 40 Jahre.

Kosten könnten sich vervierfachen

Es könnte aber noch schlimmer kommen, wie die Experten aus der Abteilung Naturgefahren des Rückversicherers Swiss Re berechneten. Wenn ein solches Hochwasser ein urbanes Gebiet wie Zürich überschwemme und noch grös­sere Teile der Schweiz erfasse, dann könnten sich die Kosten vervierfachen. Eines von vielen Worst-Case-Szenarien: Die Sihl staut sich am Zürcher Hauptbahnhof. Wasser, Schwemmholz, alles sammelt sich. Der Fluss tritt über die Ufer, erreicht die Bahnhofstrasse, die Keller laufen voll.

Auch wenn solche Katastrophen als «Extremereignisse» eingestuft werden, die nur etwa einmal in 100 Jahren eintreten – «das Gefahrenpotenzial solcher Ereignisse wächst», sagt auch Bruno Kuhn, Leiter Versicherungen beim Berner Konzern Mobiliar – und parallel dazu die Kosten. «Die Baudichte nimmt zu, die Werte nehmen zu», so Kuhn. Das habe mit dem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum der Schweiz zu tun.

Die Versicherer nehmen inzwischen eine neue Rolle ein. Statt nur noch im Schadensfall einzuspringen, kümmern sie sich auch um die Prävention. Nur so lassen sich die Kosten unter Kontrolle halten. «Mir ist wichtig, dass man eine warnende Funktion einnimmt», so Kuhn. Gleichzeitig müsse auch von staatlicher Seite dafür gesorgt werden, dass die Öffentlichkeit über die verschiedenen Risiken informiert werde und sich entsprechend dagegen rüste. Doch damit seien die Versicherungen nicht aus der Verantwortung genommen. Die Forschungs­teams der Unternehmen widmen sich daher verstärkt dem Thema, wie man Schäden durch Naturgewalten im Vorfeld schon minimieren kann. Swiss Re erarbeitete ein mögliches Überschwemmungsmodell, das die Schäden bei Hochwasser begrenzen könnte. Bei Zurich sitzen die Experten gerade an einer Studie zu Naturkatastrophen in der Schweiz. Im Herbst sollen die ersten Erkenntnisse dazu an die Öffentlichkeit, heisst es von der Versicherung. Bei Mobiliar erarbeitet man in Kooperation mit der Universität Bern Möglichkeiten, Risiken frühzeitig zu erkennen und zu bekämpfen.

Prävention im Berner Oberland

Dass das funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus dem Berner Oberland. In Wilderswil schwoll der Bach Lütschine während des Hochwassers 2005 zu einer Wassermenge an, die eigentlich nur alle 300 Jahre vorkommt. Er trat über die Ufer und verursachte Schäden von 120 Millionen Franken. Nach dem Hochwasser wurde an der Lütschine ein neues Dammsystem gebaut, um die Ortschaften vor dem Hochwasser zu schützen und künftige Schäden zu vermeiden. Der Bau kostete 870000 Franken. Gleich zweimal danach folgte der Test. 2007 und 2011 verwandelte sich der Bach in einen reissenden Fluss. Doch nennenswerte Schäden entstanden nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass durch die Investition von 870000 Franken Schäden von mehr als 200 Millionen verhindert werden konnten.

Auch in Gondo ist seit dem verheerenden Erdrutsch einiges passiert. Die ETH Zürich entwarf ein Sicherungskonzept, um solche Katastrophen zu verhindern. Seit 2004 steht die Ortschaft wieder. Zwei Jahre lang habe man an den neuen Systemen gebaut, erzählt Squaratti. Über neue Wasserableitungssysteme könne sich der Hang nun entwässern, bevor es zu Instabilitäten komme. «Das System wirkt, die Leute haben das Vertrauen zurückgewonnen», erzählt er. Es sei seitdem schon ein paar mal zu ähnlichen Wetterverhältnissen gekommen. Der Hang, an den das Dorf gebaut ist, habe gehalten. Doch 100 Prozent sicher fühlt Squaratti sich nie. Die Ereignisse vor 13 Jahren hätten ihn gelehrt: «Die Natur kann so riesige Kräfte entwickeln. Da ist man als Mensch daneben eben doch manchmal machtlos.»

 

 

Gefahrenkarten: Erfassung der Risikoregionen in der Schweiz

Übersicht
Zur Prävention von Naturkatastrophen arbeiten Bund und Kantone seit 1997 daran, Gefahrenkarten für die Schweiz zu erstellen. Denn auch wenn man durch Baumassnahmen Schäden verhindern kann, Unterhalt und Erstellung kosten einiges. Daher ist die Raumplanung gefragt. Auf den Gefahrenkarten erfassen die Experten die Risiken verschiedener Orte und Regionen für Hochwasser, Erdrutsche, Steinschlag und Lawinen.

Aufgabenteilung
Zuständig für die Koordination ist das Bundesamt für U mwelt (Bafu). Es unterstützt die Kantone auch finanziell bei den eigenen Massnahmen zur Prävention. Die Kantone sind gesetzlich verpflichtet festzustellen, welche Gebiete durch Naturgefahren und schädliche Einwirkungen erheblich bedroht sind. Dies beinhaltet die Erstellung der Karten und das Führen eines Ereigniskatasters, in dem sie sämtliche Vorkommnisse festhalten.

Prognosen
Bisher sind rund 85 Prozent der Schweiz mit Gefahrenkarten erfasst, schon bald soll der Prozess abgeschlossen sein. Aus den Karten können Experten ablesen, welche Flächen beim nächsten Unwetter vielleicht überschwemmt werden könnten. Ebenso, wo Lawinen herunterkommen oder welcher Hang ins Rutschen geraten könnte, soll man aus ihnen schon vorzeitig erkennen.

3-D-Modelle
Auch erdwissenschaftliche Grundlagen spielen eine Rolle bei der G efahrenprävention. So arbeitet etwa das Bundesamt für Landestopografie swisstopo daran, die geologischen Bedingungen genau zu untersuchen. «Neben den analog verfügbaren Informationen in Kartenform sind heute zunehmend digitale Daten und dreidimensionale Visualisierungen gefragt», so Andreas Möri, Leiter Geologische Landesaufnahme. Solche 3-D-Modelle machen die geologischen Erkenntnisse optisch fassbar und erlauben Gefahrenbeurteilungen als Basis für Risikoanalysen. «Wer die geologische Vergangenheit unseres Lebensraums im Detail kennt, der kann auch die Zukunft besser planen», so Möri. Dies gelte insbesondere auch für die Analyse von Naturgefahren.

Adresse
Die Gefahrenkarten für die gesamte Schweiz sind im Internet einsehbar:
www.bafu.admin.ch/naturgefahren/ 11421/index.html?lang=de