Für wie realistisch hält der Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen (VSE) die Energiestrategie 2050 des Bundesrates?

Kurt Rohrbach:
Der VSE unterstützt grundsätzlich den vom Bund beschlossenen Umbau des Schweizer Energiesystems. Ohne den Ersatz der bestehenden Kernkraftwerke muss die Versorgungssicherheit in Zukunft anderweitig gewährleistet werden. In seiner Studie «Wege in die neue Stromzukunft» skizziert der VSE drei konsistente und durchdachte Szenarien, wie der Schweizer Strommix im Jahr 2050 aussehen könnte. An dieser Studie misst er nun alle Vernehmlassungsvorlagen.

In welchen Bereichen weicht die Strategie des Verbandes entscheidend von jener des Bundesrates ab?
Der VSE setzt sich dafür ein, dass die Gesamtenergieeffizienz verbessert wird, nicht nur die Stromeffizienz. Aus Sicht der Gesamteffizienz ist der Strom Teil der Lösung des Energieproblems; es ist geradezu fahrlässig, ihn einseitig zu diskriminieren. Der Verband unterstützt deshalb die Weiterführung bestehender marktnaher Ansätze wie etwa wettbewerbsorientierter Massnahmen und Zielvereinbarungen. Ich denke, dass effizientes Verhalten am besten mit möglichst marktähnlichen Lösungen zu erreichen ist.

Was muss aus der Sicht des VSE geschehen, damit die anvisierten Ziele der Strategie termingerecht erreicht werden?
Entscheidende Voraussetzung ist eine breite Akzeptanz. Viele Zielkonflikte sind schon jetzt offensichtlich, und es werden noch mehr dazukommen. Die Schweizer Bevölkerung, Wirtschaft und Politik müssen die verschiedenen Anliegen gegeneinander abwägen und Entscheide fällen: Wie soll zum Beispiel Natur- und Landschaftsschutz gegenüber der Erzeugung von erneuerbaren Energien gewichtet werden? Welche Komforteinbussen im täglichen Leben akzeptiert jede und jeder, um Energie zu sparen – etwa bei der Mobilität? Die Hauptthemen sind Energieeffizienz, Netzausbau und erneuerbare Energien. Der VSE liefert mit seinen drei Szenarien wichtige Grundlagen für eine breite Diskussion. Vor dieser Gesamtbeurteilung und letztlich der Wahl können wir uns als Gesellschaft nicht drücken.

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Besteht für die grossen Energieversorgungsunternehmen (EVU) wie die BKW diesbezüglich heute genügend Planungssicherheit?
Die Strombranche investiert langfristig in ihre Projekte. Sie ist gewohnt, mit Unsicherheiten bezüglich Wirtschaftsentwicklung, technischer Entwicklung oder Kundenverhalten umzugehen. Wichtig ist, dass am Schluss nicht die gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen zum grössten Unsicherheitsfaktor werden. So gesehen ist jedes EVU, egal ob gross oder klein, auf einen verlässlichen Gesetzesrahmen angewiesen. Der VSE schätzt die Totalinvestitionen für den Umbau des Energiesystems auf bis zu 150 Milliarden Franken.

Zurzeit ist der Aus- und Umbau des Schweizer Stromnetzes in aller Munde. Was für eine Vision hat dazu der VSE?
Wer es ernst meint mit dem Ausstieg, darf nicht gegen den Ausbau der Netze sein. Deshalb haben wir unter dem Titel «Fast Track» schon im Sommer 2011 gefordert, dass die Gesetze und Verordnungen sofort so angepasst werden, dass die Verfahren beschleunigt werden und die Finanzierung rasch geregelt wird. Grundsätzlich gibt es zwei Themenkreise: Der eine ist die Rolle, welche die Schweiz im europäischen Stromverbund spielen will und kann, der andere die veränderte Aufgabe der Verteilnetze vor dem Hintergrund einer immer stärker fragmentierten und weniger planbaren Produktion.

Werden die bestehenden Netze aufgrund der zunehmenden Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien nicht schon bald an ihre Kapazitätsgrenzen stossen?
Es gibt Unterschiede zwischen dem Übertragungs- und dem Verteilnetz. Das Höchstspannungsnetz als Teil des europäischen Verbundes muss tatsächlich rasch ausgebaut werden. Hier haben wir schon heute Engpässe. Die Probleme werden nicht kleiner, denn die gewaltigen Variationen der Stromflüsse beispielsweise zwischen Zeiten hohen und geringen Windaufkommens bringen das Netz schon jetzt oft an die Grenzen. Der konkrete Ausbaubedarf ist im Ausbauplan «Strategisches Netz 2020» definiert.

Und welche Herausforderungen bestehen auf den unteren Netzebenen?
Auf den unteren Netzebenen besteht unsere Herausforderung vor allem darin, die unregelmässig anfallende Energie der neuen erneuerbaren Technologien ins System zu integrieren. Die Netze müssen dazu intelligenter werden als sie heute sind. Dann können wir den Lastfluss besser steuern und so zusätzliche, enorm teure Ausbauten verhindern.

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Welches sind aus der Sicht des VSE die am dringendsten einzuleitenden Ausbauschritte bei den Netzen?
Im Höchstspannungsnetz sind die nötigen Schritte längst bekannt und auch eingeleitet, bloss werden die Ausbauprojekte durch Einsprachen und Verzögerungen zum Teil jahrzehntelang blockiert. Wir müssen hier endlich vorwärtsmachen können.

Was für ein Kostenszenario hat der VSE bezüglich des notwendigen Ausbaus der nationalen Transport- und Verteilnetze?
Der VSE hat drei verschiedene Szenarien gerechnet. Bis 2035 ist der Investitionsbedarf in allen Szenarien ähnlich hoch und beträgt rund 70 Milliarden Franken; davon über 50 Prozent für Netzerhalt, über 20 Prozent für Zubau an Produktion; den Rest braucht es für den Zubau bei den Netzen und den Erhalt der Produktion. Von 2035 bis 2050 gibt es grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Szenarien. Die Fachleute rechnen damit, dass im günstigsten Fall zusätzliche Investitionen in der Höhe von rund 50 Milliarden Franken notwendig sind, im aufwendigsten Szenario sind es über 80 Milliarden Franken.

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Gibt es diesbezüglich eine Kooperation mit der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid?
Die Swissgrid ist – wie ihre Eigentümer – Teil der Branche. Sie wurde in der Studie «Stromzukunft» bei der Erarbeitung der Themen rund ums Netz konsultiert und hat ihr Wissen eingebracht. Speziell diskutiert wurden auch die Auswirkungen der Szenarien auf das Swissgrid-Netz, also die Höchstspannungsebene. Die Umsetzung des Ausbauplans «Strategisches Netz 2020» von Swissgrid ist eine wichtige Voraussetzung, damit die Szenarien in der Studie Sinn machen.

Stellt in naher Zukunft aber nicht das Problem der Speicherung von Strom eine der grössten Herausforderungen dar?
Ja, gerade bei stark schwankender Produktion kann die Speicherung des Stroms beziehungsweise die Anpassung an den Konsum zum Schlüsselfaktor werden. Die Schweiz hat für diesen Fall eine gute Ausgangslage. Durch die bestehenden und im Bau befindlichen Pumpspeicherkraftwerke können kurzfristige Überschüsse absorbiert und bei Engpässen gezielt bereitgestellt werden. Je grösser der Zubau von Wind- oder Solarkraftwerken mit unregelmässiger Stromproduktion ist, umso wichtiger wird die Konsumanpassung.

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Inwieweit sind die europäischen Versorger in naher Zukunft gefordert?
Die grosse Herausforderung für die europäischen Versorger besteht nun darin, dass das Bereithalten von Leistung noch nicht so abgegolten wird, dass auch genügend investiert wird. Das muss sich längerfristig ändern. Unregelmässig anfallende Energien sind heute Trittbrettfahrer. In Zukunft werden sie ihren Beitrag zur Systemstabilität leisten müssen, sonst funktioniert das Ganze nicht. Es kann ja nicht so weitergehen, dass – wie heute – subventionierte Photovoltaik genau die erneuerbare Wasserkraft aus dem Markt drängt, die sie eigentlich für die Speicherung bräuchte.

Genügen dazu beim Strom die vorhandenen Pumpspeicherwerke? Oder sind in Zukunft auch regionale Speichermöglichkeiten erforderlich?
Diese Frage ist sehr komplex. Denn es hängt sehr viel von der Preisentwicklung in allen Energiemärkten ab. Nicht nur der Preis des Stroms, sondern auch der Reservekapazität, aber auch der Preis des Erdgases, der Kohle sowie der CO₂-Zertifikate haben einen Einfluss. Gleichzeitig wird an vielen Technologien der Speicherung geforscht. All diese Preise und die Kosten der Speicherung werden bestimmen, ob und welche Speicher zum Einsatz kommen, ob gasbefeuerte Kraftwerke die Netzstabilität sicherstellen werden oder halt auch die dezentrale Produktion zurückgefahren werden muss.

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Was für einen Stellenwert hat der jährlich organisierte Schweizer Stromkongress von Mitte Januar in Bern für den VSE?
Der Kongress ist die Plattform der Branche, der jährliche Spitzenanlass der Stromwirtschaft mit hochkarätigen Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Hochschulen. So konnten wir dieses Jahr erneut unsere Energieministerin Bundesrätin Doris Leuthard für ein Key-Note-Referat gewinnen. Ich bin auch gespannt auf das Referat von Elcom-Präsident Carlo Schmid und freue mich besonders auf Christoph Frei, den Generalsekretär World Energy Council.

Was ist das primäre Ziel dieses nationalen Events der Strombranche?
An diesem Anlass bringen der VSE und die Electrosuisse nicht nur die Meinungsführer aus Politik und Wirtschaft zusammen, sondern es werden auch die aktuellsten Standpunkte zur Strommarktliberalisierung sowie die Zukunft der Stromversorgung in der Schweiz und Europa ausgetauscht.

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Der Mensch

Name: Kurt Rohrbach

Funktion: Präsident Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), Aarau, und Verwaltungsrats-Vizepräsident BKW AG, Bern

Alter: 57

Wohnort: Büren an der Aare

Familie: Verheiratet

Ausbildung: Studium der Ingenieur-wissenschaften an der ETH Zürich

Karriere: Nach dem Studium (dipl. El. Ing. ETH) ab 1980 bei der BKW FMB Energie AG in verschiedenen Positionen tätig. 1992 Leiter der Energiedirektion und Mitglied der Geschäftsleitung. Von 2001 bis 2012 Vorsitzender der Konzernleitung der BKW. Zurzeit Vizepräsident des Verwaltungsrates. Zudem Mitglied/Präsident verschiedener VR von Partnerwerken, Beteiligungsgesellschaften und Unternehmen der Branche sowie von Verbänden.