Der grösste Erfolg im hiesigen Bildungssystem der letzten Jahre war die Gründung der Fachhochschulen. Die Zahl der Absolventen hat seit 2000 um 84% zugenommen (siehe Tabelle). Mitte der 1990er-Jahre wurden die Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschulen (HWV) und die Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) in Fachhochschulen überführt. Seither erhalten Berufsleute, sofern sie ihre Lehre mit einer Berufsmatura krönen, Zugang zum Hochschulsystem.

Heute umfasst die sogenannte Tertiärstufe Universitäten und Fachhochschulen - «gleichwertig, aber andersartig», wie das auf Amtsdeutsch heisst. Das von vielen Politikern und Bildungsforschern längst totgesagte, aber ebenso bewährte System der Berufslehre mit Praxis und Schule wurde damit buchstäblich zu neuem Leben erweckt. Obwohl immer mehr Grundschüler mit dem Gymnasium liebäugeln, wurden 2009 zwar 43% mehr Berufsmaturanden gezählt als 2000, aber lediglich 17% mehr Gymnasiasten mit Matura.

Statt beide Gruppen gegeneinander auszuspielen und die in Europa vergleichsweise tiefe Maturaquote von 20% zu beklagen, lohnt sich ein anderer Vergleich: Die Zahl arbeitsloser Jugendlicher, aber auch Akademiker liegt in der Schweiz deutlich tiefer als in EU-Staaten, die auf eine rein schulische Ausbildung setzen. Im Grundsatz ergänzen sich die theoretisch abstrakte Bildung an den Universitäten, die praxisnahe Ausbildung an Fachhochschulen und die vielen Möglichkeiten beruflicher Weiterbildung ideal. Dass es Mängel gibt und vieles zu tun bleibt, wird wohl niemand bestreiten.

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Grenzen schwinden langsam

Für manche Berufe ist ein Studium an einer Universität Bedingung, etwa für Ärzte oder Anwälte. Trotzdem muss es Unterschiede zu einem Studium an einer Fachhochschule geben. «Andernfalls würden wir auf eine Einheitshochschule zusteuern, die weder die Vorzüge der wissenschaftlich geprägten Universität noch die Vorteile der praxisnahen Fachhochschule aufweist», so der deutsche Politikwissenschafter Arnd Morkel. «Versteht sich die Universität als Standortfaktor industrieller Produktion, scheidet sie aus dem Kreis der geistigen Mächte aus und überlässt das Feld den Fachidioten und Interessenvertretern.»

Trotzdem schreiben Unternehmen eine Stelle häufig für Absolventen sowohl von Universitäten als auch von Fachhochschulen aus, ohne eine der beiden Schulen zu bevorzugen. So macht auch der Nestlé-Konzern grundsätzlich keinen Unterschied. Beide hätten eine sehr gute Ausbildung. Entscheidend seien die Person selber und deren Entwicklungspotenzial, erklärte Claudia Thumm, Personalchefin von Nestlé Schweiz, kürzlich. Davon hänge ab, wie die Absolventen die erworbenen Kompetenzen umsetzen.

Der Bildungsauftrag an die Universitäten ist jedoch klar: Sie sollen auf hohem Abstraktionsniveau unterrichten und sich vorwiegend der Grundlagenforschung widmen. Die Fachhochschulen hingegen bieten ein anwendungsorientiertes Studium und konzentrieren sich auf angewandte Forschung, was ohne enge Kontakte mit Unternehmen nicht möglich ist.

Zu Beginn der beruflichen Laufbahn liegen die Löhne von Ökonomen und Ingenieuren von Fachhochschulen und Universitäten bzw. den beiden ETH in Zürich und Lausanne nahe beieinander. Erst später verdienen Absolventen der Universitäten in vielen Unternehmen mehr, weil sie eher die Chance haben, in die höchsten Managementstufen aufzusteigen.

Mittlerweile ist es aber keine Ausnahme mehr, dass Universitäten und Fachhochschulen gemeinsam Forschungsprojekte übernehmen und ihre Beiträge den jeweiligen Stärken anpassen.

Doch die Grenzen der beiden Institute sind nicht immer haarscharf gezogen: Es gibt an Universitäten noch Professoren, die lieber verständliche Bücher, auch Lehrmittel, schreiben, als in den wissenschaftlichen Publikationen für einen begrenzten Kreis akademisch Interessierter zu publizieren. Und manche Professoren an Fachhochschulen erweisen sich besonders oft in technischen Disziplinen als derart begeisterte Forscher, dass sich das Schwergewicht zunehmend Richtung Grundlagenforschung verschiebt.

Abschlüsse gleichen sich an

Mit zunehmender Berufserfahrung gleichen sich häufig auch die Aufgaben von Ökonomen oder Ingenieuren mit Fachhochschul- oder universitärem Abschluss an. Diese Entwicklung wird gerade im wirtschaftlichen Bereich durch die berufliche Weiterbildung gefördert. In den Vorbereitungskursen für das Diplom als Wirtschaftsprüfer, Experte in Rechnungslegung und Controlling oder Steuerexperte sitzen Berufsleute mit Fachausweis sowie Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten einträchtig nebeneinander.

Im Unterschied zu den beiden Hochschultypen zählt die höhere Berufsbildung in der Schweiz zur Sekundarstufe II, ebenfalls die Höheren Fachschulen. Sie bieten Lehrgänge mit einem Diplom als Abschluss ausschliesslich berufsbegleitend an. Auftrieb erhielten sie in letzter Zeit durch den Beschluss der Banken- und Versicherungsverbände, ihnen die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter anzuvertrauen. Damit haben die Verbände nicht nur einen erheblichen Einfluss auf die Prüfungen, sondern auch auf die Ausbildung.

Anwärter auf ein eidgenössisch anerkanntes Diplom - etwa als Marketingleiter oder PR-Berater - oder einen Fachausweis - etwa als Exportfachmann/-frau - können sich auf die Prüfung vorbereiten, wo und wie sie wollen.

Das Interesse an höherer Berufsbildung ist enorm: Letztes Jahr wurden über 12000 Fachausweise und an die 10000 Diplome verliehen, eingeschlossen jene der Höheren Fachschulen. Diese Art Weiterbildung ist nach wie vor die beliebteste und oft auch einzige Möglichkeit für Berufsleute, sich zu spezialisieren. Sie alle haben offensichtlich erkannt, dass eine abgeschlossene Berufslehre längst nicht mehr reicht, um ein Leben lang auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben. Zudem ist die persönliche Rendite höherer Berufsbildung weit besser nachgewiesen als jene eines Hochschulstudiums. Experten für Rechnungswesen und Controlling verdienen heute leicht über 120 000 Fr., Zehntausende mehr als Kaufleute ohne berufliche Weiterbildung.