Was bringt die weitere Liberalisierung des Postmarkts?

Michel Kunz: Die Öffnung des Briefmarktes wird den Privatkunden eine grössere Auswahl und vorab den Geschäftskunden gewisse Preisvorteile bringen. Eine neue Studie über die Briefmarktliberalisierung in der EU zeigt, dass keine grossen Marktanteilverschiebungen zu erwarten sind. Auch der seit 2004 vollständig geöffnete Schweizer Paketmarkt hat kein Erdbeben verursacht: Wir haben trotz aktiver Konkurrenz einen Marktanteil von 75%, bei den Privatkunden hat sich wenig geändert. Doch der Kunde hat die Wahl. Der weiteren Öffnung durch die EU können wir uns wohl nicht entziehen.

Sie haben wenig Bedenken betreffend der kompletten Briefmarktöffnung?

Kunz: Was mir mehr Sorgen macht, ist der generelle Rückgang des Briefvolumens durch die elektronische Substitution. Kürzlich, an einem Treffen aller Post-CEO, war von einem Rückgang von 5% pro Jahr die Rede. Bisher waren es in der Schweiz jährlich rund 1 bis 2%, wegen der Rezession sind es seit Beginn des Jahres zwischen 3 und 4%. Selbstverständlich versuchen wir, den Rückgang mit Angeboten im elektronischen Bereich zu kompensieren, aber wir können die Umsatzverluste damit allein nicht wettmachen.

Muss sich die Schweiz auch auf Rückgänge wie in der EU gefasst machen?

Kunz: Ja. Ich glaube nicht, dass die Volumenrückgänge im Briefmarkt in Zukunft weiter bei 1 bis 2% bleiben werden. Vielmehr gehe ich davon aus, dass wir das Niveau von 3 bis 4% halten werden.

Das heisst: Ein Rückgang um einen Drittel in den nächsten zehn Jahren?

Kunz: Darauf müssen wir uns einstellen. Dies kostenseitig auffangen zu können, wird schwierig. Es ist ja nicht so, dass die Briefträger mit der Hälfte weniger Volumen plötzlich doppelt so schnell laufen können, weil sie ja weiterhin fast jedes Haus bedienen müssen. Natürlich automatisieren wir so gut wie möglich und optimieren unsere Arbeits- und Logistikprozesse. Das hat aber seine Grenzen, sodass wir am Ende auch Preiserhöhungen ins Auge fassen werden müssen.

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Dass Sie im nächsten Jahr die Preise erhöhen, ist schon gesetzt.

Kunz: Im Paketbereich ist dies fürs nächste Jahr leider unumgänglich. Bei den Briefen ist es aufgrund der Volumenrückgänge absehbar, dass wir in den nächsten Jahren Preiserhöhungen beantragen werden müssen. Der genaue Zeitpunkt ist hier jedoch offen.

Die angekündigte Postinitiative will einerseits bei den Poststellen die Infrastruktur festlegen und andererseits eine Banklizenz ermöglichen. Wie lautet Ihr Standpunkt?

Kunz: Beim Thema Banklizenz gehen wir mit der Initiative einig. Eine Verankerung des Poststellennetzes in der Verfassung geht uns zu weit. Wir möchten auch in Zukunft eine gute und flächendeckende postalische Grundversorgung anbieten, das ist der eigentliche Sinn und Zweck des Unternehmens Post. Das darf aber nicht heissen, dass die Infrastruktur für die Grundversorgung in der Verfassung über mindestens ein Jahrzehnt festgeschrieben wird. Die dritte Forderung - einen vollständigen Stopp bei der Liberalisierung - halten wir für nicht machbar. Denn der weiteren Öffnung durch die EU kann sich die Schweiz wohl nicht entziehen. Wir plädieren jedoch dafür, dass der Entscheid für eine definitive Marktöffnung frühestens drei Jahre nach Inkrafttreten des neuen Postgesetzes gefällt wird.

Dennoch zeigt sich die Post zufrieden, dass die neue Postgesetzgebung bei der Infrastruktur keinen generellen Zugang will. Angesichts rückläufiger Volumen könnte sie doch froh sein, wenn die Briefzentren durch Dritte besser ausgelastet werden.

Kunz: Wir sind jederzeit bereit, mit Dritten zusammenzuarbeiten. Doch wir möchten nicht, dass das reguliert und die Preise von Behörden bestimmt werden. Wir wollen als Unternehmen im Wettbewerb solche Geschäftsangelegenheiten mit unseren potenziellen Kunden selber aushandeln.

Im neuen Postgesetz vorgesehen und unbestritten ist die Umwandlung der Post in eine private AG. Damit wird die Post steuermässig wie jedes andere Unternehmen behandelt. Wo fallen neben der Mehrwertsteuer zusätzliche Steuerabgaben an?

Kunz: Bis heute zahlt die Post im Bereich des Universaldienstes keine Steuern, dafür überweisen wir dem Bund jährlich einen Teil des Gewinns. Bisher waren nur die Wettbewerbsdienste steuerpflichtig. Künftig würden alle Bereiche besteuert werden.

Sind dafür Ende Jahr keine Überweisungen an den Bund mehr fällig?

Kunz: Über die Gewinnverwendung entscheidet der Eigner, in unserem Fall der Bundesrat. Ein wesentlicher Teil der Abgabe an den Bund und auch an die Kantone wird künftig in anderer Form geschehen, nämlich als Unternehmenssteuer. Die Ertragskraft der Post kann nicht alle Begehrlichkeiten befriedigen.

Wie hoch sind die Steuern?

Kunz: Es ist damit zu rechnen, dass die direkten Steuerabgaben rund 20 bis 23% des Gewinnes betragen werden. Und zwar nicht nur an den Bund, sondern auch an Kantone und Gemeinden.

Wenn die Post also einen Gewinn von 800 Mio Fr. erzielt, dann müsste sie demnach Steuern in der Höhe von 200 Mio Fr. abliefern. Das ist etwa der Betrag, den die Post bisher jährlich dem Bund überwiesen hat.

Kunz: Ja. Es ist klar, dass wir darüber hinaus kaum einen wesentlichen zusätzlichen Betrag werden abliefern können. Hinzu kommen weitere kantonale und kommunale Abgaben wie beispielsweise eine Grundstückgewinn- sowie eine Handänderungssteuer, wenn wir Liegenschaften mit Gewinn verkaufen würden.

PostFinance ist das Wachstumsfeld der Post schlechthin. Wie erleben Sie den Widerstand gegen die Banklizenz light? Jetzt, da eine volle Banklizenz vom Tisch ist?

Kunz: Im Parlament ist ganz klar spürbar, dass die Bankenlobby funktioniert. Die Meinungen, die für einen Status quo sprechen, sind schon weitgehend gemacht. Es wird schwierig sein, dies noch zu ändern und bisherige Gegner mit unseren guten Argumenten zu überzeugen. Offensichtlich erachten es ausgerechnet Banken als existenzbedrohend, wenn ein weiterer Anbieter auf den Markt tritt, der breiten Rückhalt in der Bevölkerung geniesst.

So gesehen müssten Sie doch froh sein, um dass in der laufenden Initiative eine Banklizenz gefordert wird?

Kunz: In einer Abstimmung an der Urne, da bin ich überzeugt, würde die Forderung nach einer Banklizenz eine Mehrheit finden. Deshalb wäre es mir lieber gewesen, wenn eine artreine Initiative gestartet worden wäre.

Auch PostFinance leidet unter der Krise. Wird es dieses Jahr nochmals eine Wertberichtigung geben?

Kunz: Wir gehen nicht davon aus. Im 1. Quartal hatten wir eine Wertberichtigung ausgewiesen, nach heutigem Wissensstand erwarten wir keine weiteren grösseren Ausfälle.

Trifft die Rezession das Paket- oder das Briefgeschäft stärker?

Kunz: Das Paketgeschäft ist zu 90% ein Binnengeschäft, das entwickelte sich im 4. Quartal 2008 noch gut; im 1. Quartal und bis heute war es leicht rückläufig, aber nur im einstelligen Prozentbereich von rund 1 bis 2%. Bei den Briefen haben wir den Einbruch sehr viel schneller gespürt, weil die Geschäftskunden beispielsweise bei der adressierten Werbung schnell die Bremse angezogen haben und gleichzeitig mangels Inseraten natürlich auch die Zeitungen viel dünner geworden sind.

Sehen Sie schon eine Wende?

Kunz: Nein, wir spüren vielmehr eine Verlagerung zu günstigeren Produkten. Institute und Unternehmen, die vorher noch A- oder B-Post benutzten, wechseln zu unseren günstigeren Massenpostangeboten, wo der Versand bis zu sechs Tage dauern darf.

Wo werden Sie dieses Jahr investieren?

Kunz: Im Herbst wollen wir entscheiden, ob wir eine stattliche Anzahl Poststellen mit Beratungszentren für PostFinance ausbauen. Das wäre dann eine grössere Investition und kein Abbau, wie uns leider immer wieder vorgeworfen wird. Im Anschluss an die Neukonzeption der Briefverarbeitung sind zurzeit keine Grossinvestitionen vorgesehen. Dieses Jahr steht eine Reihe von kleineren Investitionen an. Es handelt sich dabei um Firmenübernahmen, Immobilien oder Investitionen in die Informatik.

Machen Sie das abhängig von einer Banklizenz light?

Kunz: Nein, wir haben einen enormen Kundenzuwachs bei PostFinance. Der Beratungsaufwand steigt, die Nähe zum Kunden erleichtert die Beratung.