Neuer Zündstoff für die Pensionskassendebatte: Martin Janssen, einer der führenden PK-Experten der Schweiz, fordert mehr Wettbewerb unter den Kassen. «Heute verhalten sich viele Anbieter uneffizient und arbeiten intransparent.» Janssens Vorschlag: Die Arbeitnehmer sollen zwar weiterhin von Gesetzes wegen dazu verpflichtet sein, Vorsorgebeiträge - wie bisher gemeinsam mit dem Arbeitgeber - zu leisten. «Die Versicherten müssten ihre Vorsorgebeiträge aber nicht zwingend in die Pensionskasse ihres Arbeitgebers einzahlen, sondern sollten unter konkurrierenden Anbietern wählen können», fordert Janssen, der als Professor am Institut für Schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich lehrt und Leiter der Beratungsgruppe Ecofin ist.

Noch in dieser Woche geht Janssen gemeinsam mit dem Think Tank Avenir Suisse in die Offensive: In einem Fachpapier wird er die Herausforderungen für die Pensionskassen darlegen und für eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten plädieren.

Viele Anbieter, hohe Kosten

Janssens Vorschlag liegt quer zum aktuellen System der beruflichen Vorsorge. Heute trifft der Arbeitgeber oft im Alleingang die Entscheidung, ob die Angestellten im Rahmen einer Pensionskasse versichert sind oder sich einer Sammelstiftung, etwa einer grossen Versicherung wie Swiss Life, anschliessen müssen. Viele grosse Firmen wie der Pharmakonzern Roche, der Maschinenbauer Rieter, Migros, aber auch Kantone und grosse Gemeinden betreiben eigene PK. KMU schliessen sich meistens einer Sammelstiftung an.

Insgesamt existieren schweizweit rund 2200 selbstständige Stiftungen. «Unter dem heutigen System fallen für die Erwerbstätigen verschiedene Kosten an, die ihre Altersguthaben unnötig schmälern», bemängelt Janssen. «Beispielsweise die Infrastruktur aller Kassen, die hohen Kosten der eingekauften Dienstleistungen oder die im Durchschnitt gute, für den einzelnen Versicherten aber vielleicht unpassende Anlagestrategie.» Insgesamt führe dies bei gegebenem Risiko zu einer zu kleinen Rendite und zu einer zu tiefen Rente. «Könnten die Angestellten ihre Pensionskasse selber wählen, würden die Renten insgesamt erhöht werden», glaubt Janssen. Es sei schade, dass die Kraft von Wettbewerb und Transparenz nicht genutzt werde, um die Renten der Versicherten zu erhöhen.

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Die Arbeitnehmer sollen bei der freien PK-Wahl nicht auf sich allein gestellt sein: Janssen zufolge muss der Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden. «Er muss seine Mitarbeiter beraten, wie sie ihre eigene Anlagestrategie im Rahmen der Vorschriften optimal gestalten können, etwa mithilfe standardisierter Anlageprodukte, die abhängig von Alter und Risikobereitschaft eingesetzt werden können.»

Janssens Vorschlag ist nicht neu: Bereits vor fünf Jahren erarbeitete seine Ecofin mit Econcept im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) eine Machbarkeitsstudie. Sowohl die BVG-Kommission wie auch der Bundesrat sprachen sich danach gegen eine freie PK-Wahl aus. Jetzt, im Abstimmungskampf um die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,4%, kommt das Thema erneut zur Sprache.

Wenig begeistert auf die Idee reagiert BSV-Direktor Yves Rossier. Sein Hauptkritikpunkt: «Die freie PK-Wahl wäre nicht vereinbar mit dem staatlichen Sicherheitsfonds, der heute dafür sorgt, dass die Vorsorgeguthaben im Insolvenzfall gesichert sind.» Wenn jeder selber entscheiden könne, wo er sein Vermögen anlege, werde es Personen geben, die sehr risikobehaftete Anlagestrategien wählten. «Wenn sie damit scheitern, werden diejenigen mit den konservativen Strategien sicher nicht bereit sein, für die Risikofreudigen geradezustehen», sagt Rossier. Dasselbe Problem ortet der BSV-Chef auch anderswo: «Das Solidaritätsprinzip zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wäre ebenfalls vorbei. Kein Arbeitgeber wäre mit einer PK-Sanierung einverstanden, wenn die Ursache für die Unterdeckung in der riskanten Anlagestrategie der Angestellten liegt.» Aus diesen Gründen wäre der Sicherheitsfonds beim Modell der freien PK-Wahl nicht mehr tragbar. Dass Parlament und Volk den Sicherheitsfonds zugunsten der PK-Wahlfreiheit abschaffen, erachtet Rossier als höchst unwahrscheinlich. Skeptisch zeigt sich auch der Pensionskassenverband (Asip). Janssens Argument, viele kleine Stiftungen führten zu höheren Verwaltungskosten, teilt Asip-Direktor Hans Peter Konrad nicht und kontert: «Die Kosten bei der freien PK-Wahl würden sogar steigen, da der Aufwand für die Verwaltung unterschiedlicher Einzelanschlüsse unverhältnismässig höher ist als derjenige eines betrieblichen Kollektivs.» Auch für die Versicherer würden Mehrkosten entstehen: «Der Wettbewerb um die einzelnen Versicherten würde massive Werbekosten mit sich bringen», prophezeit Konrad. «Jede einzelne Person müsste mit kostenintensiven Werbeunterlagen und Beratungen überzeugt werden.»

«Soziale Ziele wären gefährdet»

Ins selbe Horn stösst der Versicherer Swiss Life. «Einerseits würde die freie PK-Wahl die Prinzipien des Drei-Säulen-Modells untergraben», befürchtet Swiss-Life-Sprecher Zeno Geisseler. Die betriebliche Vorsorge in der 2. Säule würde sich der privaten Vorsorge in der 3. Säule angleichen. «Andererseits wären die sozialen Ziele des BVG gefährdet und die Sozialpartnerschaft würde an Bedeutung verlieren», glaubt Geisseler.

Vorbehalte hegt auch Axa Winterthur. «Aus unserer Sicht ist die freie PK-Wahl heute keine Alternative», sagt Konzernsprecher Olivier Michel. «Sie würde die Stabilität des Vorsorgesystems gefährden und zu Kostenerhöhungen führen.» Interessant wären dagegen mehr Möglichkeiten bei der Wahl der Anlagestrategie in der gesamten überobligatorischen beruflichen Vorsorge - also bei den Sparanteilen über der Lohnobergrenze von 82080 Fr. Das Obligatorium betrifft Lohnbestandteile zwischen 23940 und 82080 Fr., die durch das Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen-und Invalidenvorsorge (BVG) geschützt sind.

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