Wohl keine andere Persönlichkeit der Antike hat die westliche Zivilisation so stark geprägt wie der griechische Dichter Homer. Mit seinen Epen Ilias und Odyssee hat er im 8. Jh. v. Chr. die europäische Literatur und Kultur begründet.

Homers Schilderung des Krieges um Troja und der abenteuerlichen Rückkehr des Odysseus in die Heimat gelten als Anfang und Antrieb aller westlichen Literatur. Das künstlerische Niveau dieser Epen hat eine zeitlose Qualität. Im Zentrum stehen Achilleus und Odysseus, ihre Gegner, Gefährten und natürlich die Götter. Die Themen sind so aktuell wie je, da für uns die wesentlichen Werte bis heute Gültigkeit haben: Was zählt, sind Leistung und Erfolg, Schönheit und Ausstrahlung, Redegewandtheit und Umgangsformen, Leidenschaftlichkeit, Stolz, Selbstachtung und Würde.

Ästhetische Suggestivkraft

Homer war nicht nur griechischer Nationalpoet. Die Römer verehrten ihn genauso wie die Byzantiner, und in Europa trat er von der Renaissance bis in die Gegenwart erneut als Dichterfürst hervor. Seine literarischen Werke dienten als grösste Inspirationsquelle für Künstler und Kulturschaffende. Meisterwerke von Künstlern wie Cranach, De Chirico, Böcklin oder Sigmar Polke, aber auch von Schriftstellern wie Joyce, Giraudoux, Sartre und Christa Wolf kreisen um Themen aus der Ilias und der Odyssee. Die Faszination dauert bis heute an: Das steigende Interesse an den eigenen Wurzeln in einer zunehmend multikulturell geprägten Umwelt hat in den letzten Jahren eine Fülle von Büchern, Filmen, Dramatisierungen sowie Radio- und Fernsehsendungen zum Thema Homer hervorgebracht. Fiktives und Gesichertes haben sich dabei zunehmend vermischt. Die facettenreiche Ausstellung «Homer: Der Mythos von Troja in Dichtung und Kunst» im Antikenmuseum Basel möchte hier Klarheit schaffen. Auf rund 1000 m2 Ausstellungsfläche vermitteln 230 Kunstwerke aus rund vier Jahrtausenden ein Homer-Bild von grosser intellektueller und ästhetischer Suggestivkraft. Hochrangige antike Leihgaben werden durch spätere Rezeptionsbeispiele ergänzt.

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«Homer und seine Zeit» thematisiert die Person des Dichters und fragt nach den Fakten und Legenden, die sich um seine Person ranken. Sechs Büsten repräsentieren die vier Homer-Typen, in denen die Antike das Aussehen von Homer – rein fiktiv, aber sehr suggestiv – einzufangen versuchte.

Legenden und Fakten

Im zweiten Teil der Schau werden mithilfe von Kunstwerken und Grabbeigaben die politischen Umbrüche zur Zeit Homers um und nach 800 v. Chr. aufgezeigt. Einige herausragende Objekte aus der anschliessenden orientalisierenden Epoche (7. Jh. v. Chr.) verdeutlichen den Wandel und die enorme Ausbreitung an Wert, Wissen und Materialen. Es war dies der Beginn der Kolonisation, die Homer mit seiner Odyssee verarbeitet hat. Anhand von mehreren Funden aus dem Archäologischen Nationalmuseum in Athen wird der Fundus an alten Mythen und Formeln greifbar, bei dem sich auch noch Homer ganz selbstverständlich bediente.

Die Darstellungen auf Spitzenvasen – u. a. aus dem Louvre in Paris, dem British Museum in London und dem Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia in Rom – machen deutlich, dass die Ilias lediglich 51 Tage im Geschehen um Troja thematisiert.

Getrennt behandelt werden in der Schau die Darstellungen der vor der Ilias liegenden Ereignisse (Paris-Urteil, Entführung der Helena, erste Kriegsjahre), diejenigen, die in der Ilias geschildert werden (von Agamemnon und Chryses bis zum Bittgang des Priamos zu Achilleus) und jene Handlungsdarstellungen, die nach dem 24. Gesang der Ilias spielen (Selbstmord des Aias, Trojanisches Pferd, Eroberung und Fall von Troja).

Antike und moderne Kunstwerke sind thematisch so zusammengestellt, dass spannende Bildvergleiche möglich sind. So stehen etwa Vasen mit der Darstellung des Paris-Urteils dem Gemälde von Lucas Cranach gegenüber. Die antiken Versionen des Sirenen-Abenteuers lassen sich wiederum mit Arnold Böcklins Version aus Berlin vergleichen. Die jüngsten gezeigten Werke sind die vier monumentalen Tafeln «Der Traum des Menelaos» (1982) von Sigmar Polke und das Video «Odysseus in Ithaca» (2006) von Peter Rose. Von September 2008 bis Januar 2009 wird die Ausstellung in Mannheim gezeigt.

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