«Ich verkünde stolz, ich bin schwul.» Mit diesen Worten hat sich Lettlands Aussenminister Edgar Rinkevics via Kurznachrichtendienst Twitter nun zu seiner Homosexualität bekannt. Erst vor wenigen Tagen outete sich auch Apple-Chef Tim Cook. Er ist der einzige Manager an der Spitze der 500 grössten US-Unternehmen, der den Gang an die Öffentlichkeit gewagt hat. Für die USA ist das Bekenntnis offenbar provokant. Doch wie ist es in der Schweiz? Ist Homosexualität hierzulande noch ein Karrierekiller?

Fakt ist: «Diese Frage kann man nicht mit einem einfachen ‹Ja› oder ‹Nein› beantworten», sagt Luzius Sprüngli, Präsident von «Network», dem Schweizer Verein schwuler Führungskräfte. Ein Problem: Es gibt keine gesicherten Daten für die Schweiz, auch wenn die Universität Genf derzeit an einer Erhebung arbeitet.

Eine Studie aus Deutschland weist nach, dass grosse Unternehmen tendenziell offener für lesbische und schwule Mitarbeiter sind. Zumindest hätten jene Firmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern eher offen homosexuelle Führungskräfte, so Sprüngli. Es gäbe auch Anzeichen, wonach private Arbeitgeber toleranter seien als die öffentliche Verwaltung. Sprüngli warnt aber davor, die Ergebnisse aus Deutschland auf die Schweiz zu übertragen. Die Unternehmenskultur ist dort eben noch einmal anders gelagert als hierzulande.

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«In Künstlerkreisen und in der Politik unumstritten»

Tatsächlich ist Homosexualität in Schweizer Unternehmen oft einfach gar nicht Thema. Laut dem Schweizer Headhunter Guido Schilling steht Homosexualität in der Praxis oft nicht zur Debatte. Als Herausgeber des Schilling-Reports untersucht der prominente Netzwerker regelmässig Geschäftsleitung und Verwaltungsräte der 100 grössten Schweizer Unternehmen. Homosexualität sei bei der Besetzung von Spitzenpositionen von marginaler Bedeutung. Bei der Diskussion um Vielfalt dominieren zwei andere Themen die Agenda: die Frauenquote und Internationalisierung.

Schilling fügt aber an, dass die Zeit wohl Besserung bringen werde. «Homosexuelle Führungskräfte sind in Künstlerkreisen und in der Politik mittlerweile unumstritten.» In der Wirtschaft sei man erst am Anfang, wobei manche Branchen weiter seien als andere.

— Edgars Rinkēvičs (@edgarsrinkevics) 6. November 2014

Der Personalberater rät Firmen dazu, das Thema aktiv anzugehen: «Je offener ein Unternehmen ist, desto attraktiver sei es als Arbeitgeber.» Die Offenheit gegenüber Homosexualität sei wichtig im Wettkampf um Fachkräfte: «Ambitionierte Talente können frei wählen, wo sie sich beruflich einbringen – und sie wählen einen Arbeitsplatz, der sich ihnen und den Arbeitskollegen gegenüber sehr offen gibt.»

Firmen tragen Toleranz in die Welt

Offenheit ist aber nicht nur nützlich im Kampf um Fachkräfte, sie hilft auch den Mitarbeitern. «Viele – vor allem grössere – Unternehmen haben eine ‹Diversity Policy›», sagt Sprüngli. Der 51-jährige Marketingberater erläutert: «Diese schützt und fördert ganz explizit die Vielfalt der Mitarbeiter.» Je mehr Unternehmen sich diese Offenheit auf die Fahnen schreiben, desto einfacher werde es, als Schwuler oder als Lesbe am Arbeitsplatz geoutet zu sein und Karriere zu machen.

Globale Firmen haben ausserdem das Potential, Toleranz in die Welt zutragen. Im neusten WEF-Report sagt Kenneth Roth, Generaldirektor von Human Rights Watch: «Weil zahlreiche Firmen international tätig sind, können sie zu Oasen des Respekts für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen werden, auch in jenen Gesellschaften, in denen das Thema bisher tabuisiert oder kriminalisiert ist.»