Die Regierung hat zur Ankurbelung der Tourismusindustrie neue Programme gestartet. Welche Erwartungen haben Sie für die touristische Entwicklung im krisengeschüttelten Griechenland?

George Nikitiades: Wir gehen für 2011 von deutlich über 5 Prozent mehr einreisenden Touristen aus. Das ist eine konservative Berechnung. Gleichzeitig erwarten wir nach zwei Jahren mit einem Minus auch wieder höhere Einnahmen aus dem Tourismus.

Was sind die Gründe für diese optimistische Prognose?

Nikitiades: Die Strategie zur Gewinnung von neuen Touristen wurde geändert. Sie ist jetzt verstärkt nicht nur auf die Hauptsaison im Sommer ausgerichtet, sondern zielt auf sämtliche 52 Wochen im Jahr. Es werden alternative Promotionsmethoden angewendet, um vermehrt Ferienreisende in unser Land zu bringen. Die knapperen finanziellen Mittel werden mit einem klaren Fokus eingesetzt und nicht einfach nach dem Giesskannenprinzip. Grosse Erwartungen setzen wir in die Billig-Fluggesellschaften, die Griechenland vermehrt in ihren Flugplan aufnehmen. Diese Carriers wollen mindestens eineinhalb Millionen zusätzliche Touristen aufs griechische Festland und die Inseln transportieren.

Derzeit leidet das Land aber unter einem negativen Image, hervorgerufen durch Streiks und Gewalttaten.

Nikitiades: Damit das skizzierte Szenario auch wirklich eintrifft, braucht es ein Bild von Griechenland, das sich vom jetzigen deutlich unterscheidet. Zudem wollen wir mit Erleichterungen für die Kreuzschifffahrt und einer Absenkung der Mehrwertsteuer in der Tourismusbranche die Zahlen markant steigern. Mit diesen fiskalischen Massnahmen können die Hoteliers ihre Preise senken.

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Ist das bei den Buchungen bereits spürbar?

Nikitiades: Ja, die Zahl der Reservationen liegt über dem Vorjahr. Mit dazu trägt auch die erfreuliche Entwicklung im russischen Markt bei. Wir erwarten nach einem Zuwachs von über 50 Prozent im vergangenen Jahr eine mindestens gleich hohe Wachstumsrate auch 2011.

In anderen wichtigen Ländern, wie etwa Grossbritannien, müssen die Leute wegen scharfen staatlichen Sparprogrammen den Gürtel enger schnallen.

Nikitiades: Das ist richtig, aber nach unseren Beobachtungen sparen die Menschen in diesen Staaten zuletzt beim Ferienbudget. Optimistisch stimmt uns auch, dass die weltweite Zahl der Touristen dank der Erhöhung in den Schwellenländern stark steigt. Im europäischen Markt entwickelt sich Grossbritannien derzeit sicher nicht wie gewohnt, dafür gibt es positive Signale aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Es gibt neue Promotionskampagnen, die auf das Kongressgeschäft, den Agro-Tourismus oder Kulturreisen ausgerichtet sind. Wie sieht das konkret aus?

Nikitiades: In den beiden Grossstädten Athen und Thessaloniki versuchen die Hotels mit Günstigangeboten am Wochenende vermehrt Leute anzulocken, die an den griechischen Kulturschätzen interessiert sind. An diesen Orten befinden sich bedeutungsvolle archäologische Grabungen und Ausstellungen, wie etwa im neu geschaffenen Akropolis-Museum. Zudem gibt es über das ganze Jahr verteilt unzählige Events, die mit dem historischen Griechenland in Verbindung stehen. Das Altertum wird aber auch kombiniert mit dem aktuellen Nightlife, Wellness und Gastronomie. Allein rund um Athen stehen den Touristen über 16 Kilometer Meeresstrand zur Verfügung, der mit sportlichen und kulinarischen Angeboten vielfältig genutzt wird. In Thessaloniki widmen sich kulturelle Anlässe im Jahresrhythmus verschiedenen Regionen, angefangen 2011 mit dem Mittleren Osten und den arabischen Ländern, gefolgt von China und Russland. Wir visieren diese Länder nicht zufällig an. Das sind alles Märkte mit einem grossen touristischen Potenzial. Ein besonderes Augenmerk legen wir auch auf den Kongresstourismus.

Sei den Olympischen Spielen von 2004 gibt es Pläne, das Kongressgeschäft speziell in Athen auszuweiten. Ein grosses Tagungszentrum für mehrere Tausend Besucher konnte bisher aber nicht realisiert werden. Sind das nicht schlechte Voraussetzungen zur Forcierung dieser Tourismussparte?

Nikitiades: Wir haben soeben das Projekt für ein grosses Kongresszentrum verabschiedet, das Räume für bis zu 5000 Personen vorsieht. Zur Förderung des Kongressgeschäfts werden zudem regionale Büros aufgebaut.

Welche Vorzüge kann Griechenland im Vergleich zu gewichtigen Kongressstädten wie Paris oder London ausspielen?

Nikitiades: Sand, Strand und Sonne sind ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Es gibt kein anderes Land, das über so viele archäologische Schätze verfügt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis gehört im Kongressgeschäft zu den besten weltweit.

Gibt es andere Initiativen, die Sie verfolgen?

Nikitiades: Der Religions-Tourismus wurde bisher zu wenig gefördert. Millionen von christlich-orthodoxen Gläubigen würden gerne religiöse Kultstätten wie etwa den Berg Athos besichtigen.

Pläne zur Aktivierung von touristischen Ideen gab es in der jüngsten Vergangenheit immer wieder, nur wurde der grösste Teil davon nicht realisiert. Weshalb soll es diesmal anders sein?

Nikitiades: Die interaktiven Medien werden zur Promotion unserer Sehenswürdigkeiten nun wesentlich intensiver genutzt. Unter dem Stichwort Religions- Tourismus finden sich alle Orte, kombiniert mit den benachbarten Beherbergungsmöglichkeiten. Gleiches gilt für die anderen touristischen Nischenmärkte bis hin zu Kletterferien auf einer griechischen Insel.

Das letzte Jahr brachte ein gemischtes Bild für die Inseln und die Region um Athen, die unter Streiks und Bombenanschlägen litt. Gerät das bei den Touristen derart schnell in Vergessenheit?

Nikitiades: Streiks ereignen sich überall in Europa. Natürlich halten solche Unannehmlichkeiten einige Leute von einem Ferienaufenthalt in Griechenland ab. Unter den Touristen, die im letzten Jahr unser Land besucht haben, wird man aber kaum einen finden, der wegen diesen temporären Arbeitsniederlegungen besondere Probleme hatte. Wo es negative Auswirkungen für die Reisenden gab, haben wir uns speziell um die Bedürfnisse der Gäste bemüht. Es wurde ein Gesetz verabschiedet, das Kompensationsleistungen für Touristen vorsieht, die wegen Streiks nicht heimreisen können.

Die Regierung will mit deutlich über 100 Millionen Euro regionale Tourismusprojekte fördern. Gibt es dabei Prioritäten?

Nikitiades: Im Vordergrund steht die Ankurbelung der touristischen Aktivitäten insgesamt. Es geht darum, gewisse Ausfälle aus wichtigen Märkten wie Deutschland und Grossbritannien durch die Erschliessung von aufstrebenden Tourismusnationen zu kompensieren. Ein gutes Beispiel dafür ist Russland, wo wir im laufenden Jahr bereits über eine halbe Million Ferienreisende erwarten. Demnächst werden wir spezifische Akquisitionsanstrengungen in China starten.

Das betrifft vor allem die Hauptsaison im Sommer. Wie wollen Sie diese relative kurze Zeitperiode verlängern?

Nikitiades: In erster Linie soll dies über die bessere Betreuung des Kreuzfahrtengeschäftes geschehen. Projekte für neue Hafenanlagen werden mit erster Priorität behandelt. Unser Ziel ist es, diese Tourismussparte während dem ganzen Jahr zu pflegen. Dafür braucht es Incentives für die Läden in Rhodos oder Kreta, damit sie auch im November oder Dezember geöffnet sind.

Wie sieht es mit dem kommerziell interessanten Seniorenmarkt in Europa aus?

Nikitiades: Wir erstellen derzeit eine Studie, die sich auf das Alterssegment der 55- Jährigen Plus konzentriert. Es bestehen Kontakte zu gewichtigen Tour-Operators, ebenso wie Pensionskassen, die Reisen für Senioren subventionieren. Zypern hat in dieser Hinsicht bereits Erfolge vorzuweisen. Entsprechend arbeiten wir mit solchen Organisationen zusammen.