Schwierige Zeiten für die Schweizer Hotellerie: In den ersten acht Monaten des Jahres hat sie gegenüber 2008 über 1,7 Mio Logiernächte oder 6,4% eingebüsst. Das entspricht einem Umsatzeinbruch von rund 200 Mio Fr. Kurzfristig stehen von den rund 100000 Stellen in der Hotellerie rund 10% auf dem Spiel, befürchtet man in der Branche.

Besonders hart trifft es die Stadt- und Geschäftshotellerie. In den Wirtschaftsmetropolen Genf und Zürich fehlen 2009 gegenüber dem Vorjahr bis heute gegen eine Viertel Million Logiernächte, was einem Minus von über 11% in Genf und 7% in Zürich entspricht. Ähnlich düster sind die Zahlen in Luzern und Bern. Das Seminar- und Kongressgeschäft ist, vor allem wegen der Krise in der Finanz- und Autoindustrie, vielerorts um 30% und mehr eingebrochen.

Luxushotels locken mit Extras

Das bekommen Hotels wie das Four Points by Sheraton in der Zürcher Sihlcity zu spüren, das zu 80% vom Geschäftstourismus lebt. Um den gegenwärtigen Umsatzeinbruch von 17% gegenüber dem Rekordjahr 2008 (Fussball-Europameisterschaft) aufzuholen, werden über das Kundenbindungsprogramm der Inhaberkette Starwood in bestimmten Perioden doppelte Meilen an die Gäste verteilt. «Dazu bieten wir Mehrwerte und Gratis-Zusatzleistungen wie Internet- und Telefonnutzung oder Kaffee und Gipfeli an», sagt Hoteldirektor Theophil Bucher, der von einer Vergünstigung der Zimmertarife jedoch absieht. Das gilt auch für die meisten Konkurrenten. In Luzern offeriert das Fünfstern-Hotel Palace bis Weihnachten eine spezielle Seminar-Pauschale mit zusätzlichen Leistungen und schickt die Business-Gäste kostenlos in den Spa- und Fitnessbereich.

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Für Guglielmo Brentel, Präsident des Verbands Hotelleriesuisse, sind solche Aktionen vorbildlich. «In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist der Unternehmergeist jedes einzelnen Hoteliers besonders gefordert», so seine Überzeugung. Von simplen Preissenkungen rät Hotelleriesuisse auch für die bevorstehende Wintersaison, die gemäss den Basler Konjunkturforschern (BAK) einen weiteren Logiernächterückgang um 2,6% bringen dürfte, deshalb klar ab.

Besonders unter Zugzwang, die Gästeschaft mit innovativen Ideen zurück zu gewinnen, steht die am stärksten leidende Luxushotellerie. Die unter der Marke Swiss Deluxe Hotels (SDH) auftretenden 39 renommiertesten Schweizer Fünfstern-Betriebe rechnen heuer mit einem Logiernächterückgang um 10%. «Preisnachlässe helfen im Premiumsegment nur wenig und sind strategisch bedenklich», warnt SDH-Geschäftsführer Fiorenzo Fässler. Stattdessen werden eher Zusatznutzen wie Zimmerupgrades, Gourmet-Diners oder Kochkurse mit Gault-Millau-Spitzenköchen aus der SDH-Gastronomie offeriert. Fässler: «Beliebte Spezialangebote unserer Ferienhotels sind zum Beispiel exklusive Gästewanderungen oder Skitouren zusammen mit der Hoteldirektion.»

Auch die 28 Schweizer Luxushotels des Marketingverbunds Relais & Chateau sehen von Preisrabatten ab und offerieren stattdessen Mehrwerte wie VIP-Transfers, Champagner im Zimmer, exklusive Weindegustationen oder sogar Ballonfahrten.

Rabatte für die Frühbucher

Trotz der Dumping-Warnung von Hotelleriesuisse ist, zumindest bei der Kundschaft, eine massiv erhöhte Preissensibilität im Markt unbestritten. Davon profitieren die mittel- und unterklassigen Hotels, wo die Rückgänge geringer ausfallen. Die spanische Kette NH Hoteles zum Beispiel, die hierzulande mit fünf Stadthotels im Vier- und Dreistern-Segment vertreten ist, bewegt sich praktisch auf dem Vorjahresniveau. «Wir haben neue Geschäftspartner dazugewonnen, die bisher im Fünfstern-Segment gebucht haben», sagt die NH-Verkaufsmanagerin Monika Sledz. Die Kette möchte die Chance nutzen und positioniert sich zurzeit weltweit und in der Schweiz als günstige Alternative für Geschäftskunden. Neben 25%-Rabatten für Frühbucher werden auch neue Online-Dienste für Firmenkunden beworben.

Auf der Überholspur befindet sich die französische Kette Accor, mit 39 Häusern die grösste Hotelbetreiberin in der Schweiz. Während Hotelleriesuisse-Präsident Guglielmo Brentel Schliessungen von Betrieben erwartet, baut Accor hierzulande ihre Präsenz im Mittelklasse- und Budget-Bereich kräftig aus.

2009 wurden in Basel, Lugano und Lausanne je ein Dreistern-Hotel der Marke Ibis, in Luzern ein Hotel der Budget-Marke Etap eröffnet. 2010 kommen je zwei weitere Ibis (Genf, Delsberg) und Etap (Genf, Winterthur) dazu.

Investitionen in allen Segmenten

Dass die mittel- und langfristigen Aussichten für die Schweizer Hotellerie nicht so schlecht sein können, belegt die nach wie vor hohe Investitionsbereitschaft. Gemäss Guglielmo Brentel, der auf die Wintersaison 2010/11 eine Erholung der Nachfrage erwartet, rechnet die Branche in den kommenden fünf Jahren mit einem jährlichen Anstieg der Bauinvestitionen von rund 4%. Dies betrifft alle Segmente. Gemäss einer Umfrage bei den Mitgliedern prognostiziert etwa Swiss Deluxe Hotels für die kommenden zwei Jahre Investitionen von 700 Mio Fr. Dazu kommen diverse Grossprojekte von ausländischen Investoren.

Auch die Ketten bleiben nicht untätig: Accor-Chef Georges Schneider kann sich bis 2020 sogar eine Verdoppelung von 39 auf 80 Schweizer Hotels vorstellen.

 

NACHGEFRAGT Georges Schneider, Generaldirektor Accor Schweiz
«Weitere Vorstösse mit Novotel und Mercure»

Sie können sich vorstellen, die Zahl der Schweizer Accor-Hotels auf 80 zu verdoppeln. Wie soll das im übersättigten Markt gelingen?

Georges Schneider: Der Erfolg unserer neuen Hotels zeigt: An guten Innenstadtlagen mit Anschluss an den öffentlichen Verkehr sind Economy- und Low-Budget-Hotels auf Anhieb ein Renner. Dieses Potenzial möchten wir weiter nutzen. Helfen sollen dabei auch Franchiseverträge mit der Marke Ibis und der neuen Zweistern-Marke All Seasons. Auch mit Novotel und Mercure stossen wir weiter vor.

Wie ist die Nachfrage für solche Franchisingverträge?

Schneider: Wir sind - Krise hin oder her - dauernd in Verhandlungen mit diversen Hoteliers.

Wovon profitieren denn Ihre Franchise-Partner?

Schneider: Sie profitieren in vielerlei Hinsicht. Während sich alleinstehende Schweizer Hotels über fremde Online-Hotelportale vermarkten und hohe Distributionskosten tragen müssen, betreibt Accor einen eigenen globalen und vielsprachigen Online-Auftritt sowie ein physisches Verkaufsnetz. Das erhöht die Verkaufskraft und senkt die Vertriebskosten der einzelnen Hotels. Kommt hinzu, dass die wichtigsten Zielmärkte der Schweizer Hotellerie nach wie vor die angrenzenden Länder sind. Dort sind die Accor-Hotelmarken besonders gut bekannt.

Müssen sich also immer mehr Schweizer Hotels einer Kette anschliessen?

Schneider: Es gibt zwei Entwicklungen: Junge Hoteliers, die mit innovativen Nischenkonzepten erstaunliche Erfolge erzielen. Sie brauchen keine Kette. Daneben gibt es viele kaum rentable Hotels, die unter Bewahrung ihrer Identität mit einer starken Marke praktisch über Nacht auf Erfolg getrimmt werden könnten. Wir bieten mit Ibis, All Seasons und Mercure die dafür geeigneten Marken.