Er habe sich für Qualität entschieden und biete diese seinen Gästen. Niemand zweifelt diese Worte an, wenn sie aus dem Mund von Emanuel Berger stammen. Schliesslich wurde der Direktor des Interlakner Luxushotels Victoria-Jungfrau im vergangenen Jahr in New York zum Welthotelier des Jahres gekürt. Eine solche Auszeichnung verpflichtet.

Allerdings kann sie auch nicht verhindern, dass Berger seine zweifelsfrei vorzügliche Qualität immer weniger Gästen bieten kann. Die Zahlen für das Jahr 2003 sehen düster aus. Um 9,9% sind die Gästefrequenzen der börsenkotierten Grand Hotel Victoria-Jungfrau AG zurückgegangen. Das bedeutet einen Umsatzverlust von 8,5%.

Investitionen statt Dividende

Neben dem Victoria-Jungfrau gehört auch das Palace in Luzern zur Gruppe. Dort ist der Umsatz wegen eines Umbaus sogar um über 16% eingebrochen. Zusammen weisen die beiden Hotels eine Zimmerbelegung von 52% aus.

Damit liegen sie unter dem Schweizer Durchschnitt der Erstklasshotels. Gemäss dem Bundesamt für Statistik lag 2003 die Belegungsrate der verfügbaren Zimmer mit Nachtpreisen über 200 Fr. bei 56%. Aufgrund des schwachen Ergebnisses erachtet es der Verwaltungsrat als Gebot der Sorgfalt, den Aktionären dieses Jahr keine Dividende auszuzahlen. Erst recht nicht, weil für den bevorstehenden Ausbau des Palace Luzern 13 Mio Fr. veranschlagt sind.

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An der fehlenden Investitionsbereitschaft können die negativen Betriebszahlen der Gruppe also nicht liegen. Bereits im vergangenen Dezember wurde im Victoria-Jungfrau die für 17 Mio Fr. renovierte Wellnessanlage in Betrieb genommen. Könnte es am Ende sein, dass die Gelder falsch investiert worden sind? Wellness-Einrichtungen sind in den letzten Jahren in fast allen besseren Schweizer Hotels zum Standard geworden und haben dadurch an Besonderheit eingebüsst. «Je mehr Hotels eine Wellness-Anlage in Betrieb nehmen, desto kleiner wird der damit errungene Wettbewerbsvorteil», ist Thomas Allemann überzeugt, der beim Verband Hotelleriesuisse für Wirtschaftspolitik zuständig ist.

Wellness sei kein Differenzierungsfaktor mehr, pflichtet ihm der Tourismusexperte Thomas Bieger bei. «Es müssen neue Ideen auf der Basis der eigenen Kompetenzen entwickelt werden.» Er kann sich darunter die Verknüpfung des Hotels mit einem Kongresscenter oder anderen Aktivitäten vorstellen.

Ein integriertes Geschäftsmodell dieser Art haben die Grand Hotels Bad Ragaz im letzten Jahr erfolgreich umgesetzt. Dank der Eröffnung und dem erfolgreichen Betrieb eines Casinos konnte der Gruppenumsatz um 20% auf 94 Mio Fr. gesteigert werden. Trotz einem ebenfalls deutlichen Rückgang der Gästefrequenzen konnten die beiden Gruppenhotels Quellenhof und Hof Ragaz ihre Zimmerbelegungsrate auf beeindruckenden 80% halten.

Damit werden die Victoria-Jungfrau-Hotels (52%) oder das ebenfalls an der Börse gehandelte Montreux Palace (53%) bei weitem übertroffen. Ähnlich wie Emanuel Berger setzt auch der Palace-Direktor Michael Smithuis in erster Linie auf Wellness- und Kongressgäste und liegt damit auf der Linie der meisten Schweizer Luxushotels.

Casino, Golf und Medizin

In Bad Ragaz scheint man derweil einen Schritt weiter zu sein. Nachdem der Quellenhof Mitte der 90er Jahre für 60 Mio Fr. vollständig renoviert und mit einem modernen Wellness-Bereich ausgestattet wurde, setzte man auf eine weitere Diversifikation des Angebots. Neben dem Casino können die Hotelgäste auch Golf spielen oder sich im medizinischen Zentrum der Hotelgruppe gesundheitlich versorgen lassen.

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«Medical Wellness» heisst der neuste Trend, mit dem die Grands Hotels Bad Ragaz auf eine breite Nachfrage gestossen sind. «Dank dieser Angebotsvielfalt konnten wir viele neue Stammgäste gewinnen und sind weniger von saisonalen Schwankungen abhängig», meint die Marketingleiterin Carmen Heinrich. Und die Erweiterung des Angebots soll fortgeführt werden: Dieses Jahr stehen der Baubeginn der 9-Loch-Golfanlage sowie die Renovation von 80 Zimmern des Hotels Hof Ragaz auf dem Programm. Rund 100 Mio Fr. werden gemäss Heinrich in den kommenden Jahren investiert.

Im Gegensatz zu den Victoria-Jungfrau-Hotels wird der Verwaltungsrat den Aktionären aufgrund des guten Jahresergebnisses zum ersten Mal seit 1989 eine Dividende von 20 Fr. pro Aktie auszahlen.

Die ganz unterschiedlichen Zahlen von ähnlich gelagerten Hotels belegen, dass neben äusseren Einflüssen wie Krieg oder Konjunkturkrisen in erster Linie die eigene Strategie über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Eine wesentliche Rolle spielen natürlich auch Standorte. «Die Hotels in Bad Ragaz sind krisenresistenter als die Victoria-Jungfrau-Hotels», hält Thomas Allemann fest.

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Das hat mit der generellen Abhängigkeit von Interlaken und Luzern vom asiatischen und nordamerikanischen Gästemarkt zu tun. «Die Zeichen in Japan und den USA stehen für dieses Jahr wieder besser», gibt sich Emanuel Berger optimistisch.

Luxushotels in der Krise Geringere Auslastung, weniger Gewinn

(in Mio Fr., in Klammern Umsatz 2003 Betriebsergebnis Gewinn Auslastung Veränderung zum Vorjahr in %) (Ebit) (in %)

Grands Hotels Bad Ragaz 94,1 (19,7) 10,1 (11) 3,7 (38) * 80 (5)

Grand Hotel Victoria-Jungfrau 50,8 (8,5) 14,1 (15,2) 1,1 (65) 52 (10)

Montreux Palace 32,7 (3,3) 1,9 (240) 3,9 (300) 53 (6)

*2002: Sondererträge von 3,7 Mio Fr., 2003 nur 0,5 Mio Fr.
Quelle: Hoteliers