Von wegen, 2003 ein schlechtes Tourismusjahr. Was für die Mehrheit gilt, muss noch lange nicht auf den Einzelnen zutreffen. Das belegen die aktuellen Zahlen im Lindner Grand Hotel Beau Rivage in Interlaken eindeutig. Die Zimmerauslastung hat im laufenden Jahr um sage und schreibe 24%punkte auf 61% zugenommen. Wie ist das in einem rückläufigen Markt (schweizweit ­3%) zu erreichen? Durch Innovation und Tatendrang, wie Hoteldirektor Oliver Stoldt beweist. Er hat seit seinem Amtsantritt am 1. Februar dieses Jahres im inzwischen frisch renovierten Hotel vieles bewegt. Nicht den Kopf in den Sand stecken und sparen, sondern investieren und neue Märkte erschliessen, lautete die Devise des noch nicht 40-jährigen Deutschen. Er hat Gäste aus Russland, Israel, Indien und Korea ins Beau Rivage gebracht. Alte Hauptmärkte wie England und Deutschland hat er mit zusätzlichen Budgets intensiver beworben. Mit Erfolg: 25% mehr Briten sind in diesem Jahr gekommen. Stoldt hat zudem zwei Vollzeitstellen für den Verkauf von Zimmern und Kongress-Räumlichkeiten für Geschäftsreisende geschaffen.

Dank Kooperationen erfolgreich

Auch Kooperationen gehören zu seiner Strategie. Mit den Jungfraubahnen, dem Mystery Park und weiteren Leistungsträgern arbeitet der umtriebige Manager im Marketing-Bereich zusammen und kreiert mit ihnen spezielle Arrangements. Kooperationen, so Hansruedi Müller, Leiter des Forschungsinstitutes für Freizeit und Tourismus (FIF) an der Universität Bern, seien im Schweizer Tourismus anzustreben. Durch sie könnten Kosten gesenkt, die Marketingwirkung erhöht und die Qualität optimiert werden.

Die Erfolge des Hotels Beau Rivage entlarven all jene Hoteliers, die sich in den vergangenen Jahren tatenlos in die Krise ergaben und stets Erklärungen für den Misserfolg parat hatten. Zuerst waren die Wirtschaftskrise und der schwache Euro schuld, dann mussten Irak-Krieg und Sars für schrumpfende Auslastungen herhalten. Fakt ist: Innovative Hoteliers haben auch diese schweren Jahre mit Wachstumsraten gemeistert und ihre Betriebe weiterentwickelt. Dass Stoldts Erfolg in Interlaken keine Eintagsfliege ist, beweist sein vorhergehendes Engagement beim Hotel Eigerblick in Grindelwald, wo er ähnliche Wachstumsraten erzielte.

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Auch in anderen Schweizer Bergregionen gibt es Hoteliers, für die Krise ein Fremdwort ist. Zum Beispiel das Ferienart Resort und Spa in Saas Fee. Nach einem aufwendigen Umbau im Wellness-Bereich hat das Haus in diesem Jahr den fünften Stern erhalten und die Preise um 3 bis 5% angehoben. Dennoch kommen die Buchungen haufenweise rein. «Wir stehen im Moment um 7% über dem Vorjahresniveau», freut sich Hoteldirektor Beat Anthamatten. Die Umsätze sind noch mehr gewachsen. Auch er hat in die osteuropäischen Märkte investiert und erntet dafür die Früchte. Das Ferienart trägt auch dem wachsenden elektronischen Vertrieb Rechnung und gewährt diesen Winter pro Internetbuchung 3% Rabatt.

Einzigartig ist der Erfolgsausweis des Hotels Belvédère in Scuol im Engadin. Inhaber und Direktor Kurt Baumgartner kaufte das Haus vor fünf Jahren und hat seither 7,5 Mio Fr. investiert. «Die Hotelierkollegen rieten mir dringend davon ab, den Betrieb auf die schwachen Monate auszudehnen», erinnert sich Baumgartner. Er liess sich nicht beirren und behielt Recht: Im vergangenen November war sein Hotel mit Wellness-Gästen sehr gut ausgelastet, während die umliegende Konkurrenz Fenster und Türen noch verriegelt hatte. Heute kann er sich über eine sensationelle Zimmerauslastung von 82% bei einer Öffnungsdauer von 365 Tagen freuen.

Turnaround im Winter?

Inzwischen haben sich aber auch diese Hotels rausgeputzt und blicken erwartungsfroh auf die anstehende Wintersaison. Das Weihnachtsgeschäft läuft traditionell überall gut. «Ich höre aus den Destinationen, dass die Buchungsstände sogar leicht über dem Vorjahr liegen», berichtet der Direktor von Wallis Tourismus, Urs Zenhäusern. Positiv tönt es auch im Bündnerland. Wie im Wallis deutet auch dort alles auf einen positiven Winter hin. «Für Februar melden die meisten Verkehrsbüros Buchungszuwächse von 5% gegenüber dem Vorjahr», sagt Gieri Spescha von Graubünden Ferien. Insgesamt rechnet er mit einem Logiernächte-Zuwachs von knapp 2% in diesem Winter.

Weniger gut sind die Aussichten fürs Berner Oberland und die Zentralschweiz. Diesen Regionen stellt die Basler Konjunkturforschungsstelle (BAK) einen weiteren Rückgang von 0,6 bzw. 0,9% in Aussicht. Für das Wallis (0,1%) und Graubünden (0,3%) geht sie hingegen von Wachstum aus. Gesamtschweizerisch soll die touristische Nachfrage laut BAK nochmals um 0,6% sinken.

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Optimistischer zeigt sich da Thomas Allemann, Leiter Wirtschaftspolitik beim Hotelier-Verband Hotelleriesuisse. «Wenn die Schneeverhältnisse mitspielen, kann das Vorjahresergebnis egalisiert werden», denkt er. Noch einen Schritt weiter geht man bei Schweiz Tourismus. «Wir hoffen auf ein leichtes Wachstum in diesem Winter», gibt sich Sprecherin Daniela Bär zuversichtlich. Immer unter der Voraussetzung, dass das Wetter mitspielt.

Tatkräftige Hoteliers mit wetterfesten Strategien könnten tatsächlich für neue Besucherströme sorgen und das teils angekratzte Image der Destination Schweiz aufpolieren. Denn wenn die Wirtschaft wieder wächst, gibts keine Ausreden mehr.

Reiseverhalten

Fernreisen und Balkonien: Steuerten vor 30 Jahren knapp 60% aller Ferienreisenden ein Schweizer Ziel an, sind es heute nur noch rund 40%. Ferne Länder ausserhalb Europas legten im gleichen Zeitraum von 1 auf 10% zu, wie der Studie «Reisemarkt Schweiz» der Universität St. Gallen zu entnehmen ist. Das hat vor allem mit den stark gesunkenen Flugpreisen zu tun. Beim Reiseveranstalter Kuoni beispielsweise kann diesen Winter schon ab 700 Fr. eine Woche mit Flug und Hotel in Brasilien gebucht werden. «Der Flieger ist bis Ende Februar ausgebucht», sagt Sprecherin Eve Baumann.

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Neben der Konkurrenz durch Fernreisen ist gemäss dem St. Galler Tourismusexperten Thomas Bieger auch feststellbar, dass mehr Leute als früher zuhause bleiben und Tagesausflüge unternehmen. «Anders ist nicht erklärbar, dass im letzten Winter die Logiernächte in den Hotels um 3% zurückgingen, die Schweizer Bergbahnen aber ein Plus von 8% schreiben konnten», so Bieger. Auch finde eine Abwanderung von Hotels zu Ferienwohnungen statt. «21% der Schweizer besitzen eine Ferienwohnung oder haben privilegierten Zugang zu einer solchen.» Dies wer-de in wirtschaftlich schwierigen Zeiten viel mehr genutzt. (row)

Österreich

Euphorisch: Österreichs Touristiker planen einen weiteren Rekordwinter. Das Wirtschaftsministerium rechnet mit einem Logiernächte-Plus von gegen 2%, die Umsätze sollen sogar um 4% steigen. Weiter zunehmen soll die Zahl Schweizer Gäste ­ nach einem Plus von 8% im letzten Jahr. Gelockt wird mit dem Preis der Gastfreundschaft und Familienangebote. Laut einer Studie der Firma Brugger und Partner in Zürich sind österreichische Angebote im Schnitt 30% günstiger. (row)

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