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Finanzplatz
HSBC-Skandal: «Der Aufschrei überrascht mich»

Der Genfer Ableger der HSBC soll Steuersündern aus aller Welt geholfen haben. Bankenexperte Janssen warnt vor einer Vorverurteilung des hiesigen Finanzplatzes. Auf die Schweiz würde oft eingedroschen.

Von Dominic Benz
am 09.02.2015

Wie schätzen sie den Skandal um die HSBC Schweiz ein?
Martin Janssen*: Sollte es sich so zugetragen haben, wie es in den Medien beschrieben wird, ist es unhaltbar und nicht akzeptabel. Doch was wir bisher erfahren haben, sind lediglich Vermutungen und Behauptungen. Ich bin überrascht, was angesichts der wenigen Informationen für ein Aufschrei gemacht wird.

Die Vorwürfe wiegen aber schwer, vor allem gegen die Bank selber.
Ich habe nichts von einer Anklage gehört, nichts von einer Verteidigung und schon gar nichts von einem Gerichtsurteil, wie das in einem Rechtsstaat üblich ist. Das sind vorerst alles nur Vermutungen und Behauptungen. Ich bin mir aber bewusst, dass es auf der Welt Leute gibt, die mit illegalen und moralisch verwerflichen Methoden Geld verdienen. Auch diese Leute lagern ihre Vermögen bei irgendwelchen Banken rund um den Globus. Man muss daher davon ausgehen, dass solche Gelder auch auf einem grossen und erfolgreichen Finanzplatz wie jenem der Schweizer landen – trotz aller Vorsichtsmassnahmen und obwohl wir international gesehen wahrscheinlich die höchsten Geldwäschereistandards haben.

Was bedeutet der Fall HSBC Schweiz für den hiesigen Finanzplatz?

In der jetzigen Situation sollte man mit Rückschlüssen auf den Finanzplatz Schweiz vorsichtig sein. Die Daten sind ja schon 2007 gestohlen worden. Wollte man Rückschlüsse auf die Schweiz ziehen, müssten vergleichbare Informationen anderer Finanzplätze – ich denke insbesondere an Frankfurt, Miami und London – zur Verfügung stehen. Ich bin überzeugt, dass die Schweiz schon damals im Bereich Geldwäsche eine viel höhere Qualität erreicht hat als die genannten Finanzzentren.

Dennoch wirft die Affäre einmal mehr ein schlechtes Licht auf die Schweizer Banken.

Diesen Schluss ziehe ich nicht. Wir stehen sicher besser da als beispielsweise Deutschland, wo das deutsche Parlament 2013 auf der eigenen Internetseite Vorwürfe eines italienischen Mafiajägers publizierte, dass sich Deutschland nicht an die internationalen Regeln hält und ein Paradies für Geldwäscher sei. Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse und weniger erfolgreiche Finanzplätze gerne auf dem kleinen und erfolgreichen Finanzplatz Schweiz herumtrampeln. Mich wundert höchstens, dass auch schweizerische Zeitungen an dieser Stimmungsmache mitwirken, statt – mit mindesten so guten Argumenten – Gegensteuer zu geben.

Unter den Kunden sind viele berühmte Namen. Geben diese dem Skandal mehr Gewicht, als er eigentlich hat?

Ich möchte nochmals betonen: Derzeit wissen wir praktisch nichts, was wirklich geschehen ist. Ich erinnere mich an die ersten Untersuchungen dieses Internationalen Konsortiums investigativer Journalisten, die nun die HSBC-Daten ausgewertet haben. Damals hat man dem verstorbenen Gunter Sachs Steuerhinterziehung vorgeworfen. Am Ende ist von den Anschuldigungen nichts übriggeblieben. Und jetzt kommen die gleichen Medien und machen wieder Stimmung gegen die Schweiz und ihren Finanzplatz. Der Verdacht liegt nahe, dass es wieder falsche Behauptungen sind.

Die HSBC Schweiz selber sagt, sie habe seit 2012 zwei Drittel der Konten seine geschlossen worden, Bargeldbezüge von über 10'000 Dollar unterlägen jetzt eine «strikten Kontrolle». Zudem habe HSBC sich in den letzten Jahren von 70 Prozent ihrer Kundenbasis verabschiedet. Ist nun alles wieder gut?

Das weiss ich nicht. Früher haben Schweizer Banken teilweise Hand geboten zur Steuerhinterziehung, was ein grosser Fehler war. Heute übertreiben viele Banken auf die andere Seite und machen sich selber zum verlängerten Arm der ausländischen Steuerämter. Das ist noch der grössere Fehler. Es ist richtig, dass die Banken bei der Entgegennahme von Geldern die notwendigen Vorsichtsmassnahmen walten lassen. Aber es geht meiner Ansicht nach nicht an, dass eine Bank bei den Auszahlungen Schwierigkeiten macht. Warum die HSBC Schweiz angeblich 70 Prozent ihrer Kundenbasis verloren hat, weiss ich nicht. Vielleicht auch ganz einfach deshalb, weil es sich bei den kleineren Kunden nicht mehr lohnt, alle die neuen bürokratischen Kontrollen durchzuführen.

Wenn sich nun aber die aktuellen Vorwürfe bei der HSBC Schweiz bewahrheiten sollten, dann ist das ein schwerwiegender Skandal.

Wenn jemand wirklich etwas Falsches gemacht hat, dann will ich das nicht entschuldigen. Man muss aber die jetzigen Informationen mit Augenmass betrachten. Wir wissen ja nicht einmal genau, wie alt die Zahlen sind und ob sie wirklich stimmen.

* Martin Janssen ist Bankenexperte und emeritierter Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich und ist Inhaber der Software- und Beratungsfirma Ecofin.


 

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