Little China liegt im Liebefeld. Man spüre den chinesischen Einfluss, sagt Quartierpräsident Markus Kaufmann. Es gebe nicht nur mehr asiatische Lebensmittelgeschäfte und Restaurants. «In den günstigen Wohnungen entlang der Hauptverkehrsachse leben nun auch Huawei-Angestellte.» Der chinesische Telekomausrüster zog vor drei Jahren an den Rand von Bern. In der Gründungsphase habe er noch von einem Büro aus operiert, das in der Nähe der chinesischen Botschaft lag, weiss ein Ex-Mitarbeiter.

Es ist denn auch genau die Nähe zum Staat, die nun die Amerikaner aufschreckte. Huawei kann nicht getraut werden, kommt der Geheimdienstausschusses des Kongresses zum Schluss. Der chinesische Telekomausrüster sei «nicht frei vom Einfluss ausländischer Regierungen» und eine Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten.

Versteckte Funktionen

Der Kongressbericht empfiehlt den heimischen Telekombetreibern, ihren Netzwerkausrüster zu wechseln. Auch dürfe die staatliche Infrastruktur nicht mit Komponenten von Huawei bestückt sein, ebensowenig mit solchen vom chinesischen Anbieter ZTE. Der Ausschuss stützt seine Empfehlungen auf Dokumente ab, die er von früheren Angestellten erhielt. Sie deuteten darauf hin, dass Huawei eine Cyberwar-Einheit der chinesischen Volksbefreiungsarmee mit spezieller Netzwerkausrüstung versorgte.

Die Amerikaner befürchten deshalb, dass Peking im Kriegsfall ausländische Netzwerke sabotieren könnte. Dies über versteckte Funktionen, sogenannte «kill switches», mit denen man die Netzwerkkomponenten aus der Ferne lahmlegen kann. Handfeste Beweise blieben die Amerikaner aber schuldig. Huawei sieht in den «haltlosen Vorwürfen» den Versuch, chinesische Anbieter vom amerikanischen Markt fernzuhalten. Dennoch ziehen auch andere Länder Huawei den Netzwerkstecker. Kanada will den Telekomausrüster aus Gründen der nationalen Sicherheit vom Ausbau eines staatlichen Kommunikationsnetzes ausschliessen. Australien hat dies bereits getan. Indien enthielt den Chinesen bestimmte Staatsaufträge vor. Und in Deutschland schloss das Forschungsnetz Huawei von der Vergabe aus.

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«Ein klarer Fall von Industriespionage»

Harald Klenner arbeitet als unabhängiger Telekommunikationsexperte. Ihm sind drei Fälle von deutschen Netzbetreibern bekannt, die Opfer von Datendiebstahl aus dem asiatischen Raum wurden. Die drei hätten Netzwerkkomponenten eines grossen asiatischen Anbieters eingesetzt, der die Systeme auch wartete. «Über diese Wartungszugänge wurden Daten nach Asien abgezogen», sagt Klenner. Aus Fest- wie Mobilfunknetz seien gezielt Signalinformationen und Sprachdaten von mittelständischen Unternehmen und Konzernen abgegriffen worden. «Ein klarer Fall von Industriespionage», betont Klenner.

Der Verdacht konnte erhärtet werden, nachdem das hohe Datenvolumen auf den jeweiligen Netzwerkknoten bei den Telekomanbietern die Alarmglocken hatte schrillen lassen. Als er mit dem Sachverhalt konfrontiert wurde, stritt der asiatische Systemlieferant sämtliche Vorwürfe ab und sprach von manipulierten Daten. Dass es sich dabei um Huawei handeln dürfte, gilt in der Branche als offenes Geheimnis.

Der Vorwurf, dass Huawei mit Chinas Militär gemeinsame Sache macht, steht schon länger im Raum. So ist Konzernpräsident und Gründer Ren Zhenfei ein ehemaliges Mitglied der Volksbefreiungsarmee. Er diente dem Vaterland knapp zehn Jahre, und dies in einer Informatikeinheit. Nach seiner Entlassung gründete Zhenfei 1987 im südchinesischen Shenzhen den Telekomausrüster. Getreu nach Maos Strategie beackerte der Ingenieur zuerst den Markt in den ländlichen Gebieten, um dann Chinas Städte und schliesslich die ganze Welt zu erobern.

Heute - 25 Jahre später - ist Huawei ein Telekomgigant. In 140 Ländern beschäftigt der Telekomausrüster 140000 Mitarbeitende und macht mehr als 32 Milliarden Dollar Umsatz. Die staatliche Development Bank unterstützte diese Auslandexpansion tatkräftig. Sie gewährte Huawei 2009 eine Kreditlimite über 30 Milliarden Dollar. Auf dass Kunden des Telekomausrüsters zu Vorzugskonditionen finanziert werden können.

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Im selben Jahr erfolgte auch Huaweis Schritt in die Schweiz. Die Chinesen würden ein forsches Expansionstempo vorlegen, attestiert ein Konkurrent. Innert drei Jahren erhöhte sich die Zahl der Mitarbeiter von einigen Dutzend auf mehrere Hundert. Der Umsatz dürfte inzwischen die Marke von 100 Millionen Franken überschritten haben. Somit gehört Huawei heute zusammen mit Ericsson zu den führenden Netzwerkanbietern im Land.

Swisscom als Steigbügelhalterin

Die Swisscom fungierte dabei als Steigbügelhalterin. Der Ex-Monopolist bescherte Huawei vor zwei Jahren das erste Referenzprojekt. Die Chinesen durften ein internes IP-Übertragungsnetz aufbauen. Später folgten weitere Aufträge für Kupfer- und Glasfasernetz-Komponenten. Die Qualität überzeugte offenbar, der Preis auch. Die Huawei-Offerte soll pro Anschluss 75 Prozent tiefer gewesen sein als das, was die Swisscom bis anhin beim westlichen Anbieter bezahlen musste. Dieser musste schliesslich zähneknirschend nachziehen, weiss ein Insider.

Entsprechend seinem Referenzkunden wählte Huawei auch den Hauptsitz. Der schmucklose Gewerbebau liegt praktisch vis-à-vis der Swisscom, die in Bern-Köniz eine grosse Aussenstelle betreibt. Die Nähe zum Kunden sei typisch für Huawei, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter: «Die Chinesen wollen Freunde des Kunden werden.» Um Geschäfte zu gewinnen, werde beim Kunden bewusst Intimität gesucht. Und zwar vom Firmenchef bis hinunter zum einfachen Ingenieur. Dazu würde genau analysiert, was der einzelne Kunde persönlich präferiere: «Was isst er gerne zu Mittag? Welche Sportarten mag er? Wie sieht sein Tagesablauf aus?» Man scheue keinen Aufwand und zeige sich anpassungsfähig. Zur Not werde beim Geschäftsessen auch Fondue verspeist. «Um zum Abschluss zu kommen, ist bei Huawei so ziemlich alles verhandelbar», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.

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Überzeugender Service, hohes Niveau

Doch auch Huaweis Service vermag zu überzeugen. Arbeitswille und Tempo seien ausgeprägt. «Braucht der Kunde ein Software-Patch, wird dafür rund um die Uhr gearbeitet.» Ressourcen seien fast unbegrenzt vorhanden. Während heute alle Netzwerkhersteller in China produzieren liessen, habe Huawei auch die Ingenieurskunst günstig zur Hand. Alleine am Hauptsitz in Shenzhen arbeiten Zehntausende Programmierer und Entwickler. Das Niveau ist hoch. Wer als chinesischer Huawei-Mitarbeiter nach Europa darf, muss ein minutiöses Auswahlverfahren absolvieren. Nur die Besten - meist junge, ehrgeizige Uniabsolventen - dürfen ins Ausland.

Was zählt, ist das Kollektiv

Trotz Internationalisierung sei Huawei aber ein chinesischer Konzern geblieben, sagt ein ehemaliger Schweizer Mitarbeiter. An Suppe schlürfende Kollegen, die Mittagsnickerchen unter dem Bürotisch abhielten, könne man sich ja gewöhnen. Aber die Hierarchie sei streng. Der Spielraum eng. Was zähle, sei das Kollektiv. Offene Fragen würden kaum gestellt. Dafür gebe es viel Bürokratie und Leerläufe. «Bei grossen Geschäften führten die chinesischen Top-Manager in der Nacht meist lange Telefonkonzenferenzen mit Shenzen», erinnert er sich. Am Ende hätten stets die Chinesen das letzte Wort. Die Entscheidungswege seien oft verschlungen. Auch seien die chinesischen Mitarbeiter in der Schweiz kaum integriert. Der Telekomausrüster sorge für billige Wohnungen, Essen und Flugtickets in die Heimat. Dafür seien die Löhne im Vergleich zum hiesigen Personal tiefer. Ein weiterer Stellhebel gegen westliche Konkurrenten, die sukzessiv Marktanteile verlieren. Denn nicht nur die Swisscom erlag der Charmeoffensive aus Fernost.

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Sunrise wollte um jeden Preis die Kosten senken

Auch Sunrise ist seit diesem Jahr mit Huawei gross im Geschäft. Die Chinesen betreiben das Sunrise-Netz und sorgen auch für dessen Ausbau. Ein Auftrag, verteilt über mehrere Jahre und im Umfang von mehreren Hundert Millionen Franken. Dazu eröffnete Huawei eigenes eine Dependance nahe Zürich mit mehreren Hundert Mitarbeitern. «Sunrise wollte um jeden Preis die Kosten senken. Also ging man aktiv auf Huawei zu, sagt eine mit dem Deal vertraute Person. Denn eigentlich hätten die Chinesen keine grossflächigen Referenzprojekte in Europa im Netzbetrieb gehabt. Auch wenn Sunrise die «langjährige Erfahrung des Unternehmens» preist. Auf Sicherheitsbedenken angesprochen, versichert der Telekomkonzern: «Zugriffe auf die Sunrise-Infrastruktur sind Huawei-Mitarbeitern nur über von Sunrise kontrollierte Systeme und Kommunikationsmittel möglich.»

«Als ob der Bäcker seine Brötchen nicht mehr selber bäckt»

Auch Huawei Schweiz betont, dass die Sicherheit durch «technische, vertragliche und organisatorische Massnahmen» garantiert werde. Der deutsche Sicherheitsexperte Klenner warnt jedoch: «Das ist hochgefährlich. Als ob der Bäcker seine Brötchen nicht mehr selber bäckt.» Der Konzern sei auf Gedeih und Verderb vom Netzbetreiber abhängig und könne den Datenschutz nicht mehr vollständig garantieren.

«Schweiz agiert zu passiv»

Auf die Sicherheitsbedenken angesprochen, versichert auch die Swisscom, dass man die Vertrauenswürdigkeit eines Lieferanten im Sinne einer Due Diligence überprüfe. Spricht man mit den Netzwerkausrüstern, zeigt sich ein anderes Bild. Sicherheitsaspekte würden in der Evaluation praktisch keine Rolle spielen, sagt der Chef eines Netzwerkanbieters: «Was zählt, sind die Investitions- und Betriebskosten sowie die technischen Anforderungen.» Gefordert sei der Staat, meint Clemens Kammer vom Sicherheitsspezialisten Omnisec. «Die Schweiz agiert zu passiv. Die Politik hat den Ernst der Lage nicht wirklich erkannt.» Der Bund setze weiter auf die Eigenverantwortung, statt gewisse Standards einzufordern. Grossbritannien hat derweil die Konsequenzen gezogen. British Telecom lässt Huawei-Komponenten durch den Geheimdienst vorprüfen. Denn Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

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