Was lesen Sie zurzeit?

Peter Bamert: Ich bin am Nachlesen. Einen Roman von Thomas Hürlimann und die Diogenes-Neuauflage eines Maigret-Krimis als Ferienlektüre.

Lesen Sie den Roman «40 Rosen» von Thomas Hürlimann?

Bamert: Genau.

Wie viel Rabatt geben Sie auf den Hürlimann-Roman?

Bamert: Wir verkaufen den Roman 15% preiswerter als der empfohlene Verkaufspreis des Verlags. Dank der aufgehobenen Buchpreisbindung geben wir seit einem Jahr 15% Rabatt auf alle Bücher und 30% auf Bestseller.

In der Buchbranche wird bezweifelt, dass Sie mit diesen hohen Rabatten noch Gewinn schreiben.

Bamert: Wir verdienen immer noch Geld, weil wir unsere Kosten im Griff haben. Wir sind ein zentral geführtes Unternehmen. Wir erhalten beim Einkauf einen Mengenrabatt und können deshalb sowohl bei Büchern als auch bei Musik- und Filmprodukten mit tieferen Preisen operieren.

Der Gewinn hat sich aber mit den fallenden Preisen geschmälert. Wie hoch ist der Gewinn noch?

Bamert: Pro Buch hat sich der Gewinn reduziert, aber das konnten wir mit den Mehrumsätzen kompensieren.

Also ist das Ganze ein Nullsummenspiel. Nochmals: Wie hoch ist Ihr Gewinn?

Bamert: Gewinnzahlen geben wir, wie alle Migros-Gesellschaften, nicht bekannt. Mit einer Buchpreisbindung liegen die Bruttomargen in der Schweiz bei 30 bis 50%. Die Ex-Libris-Preissenkungen sind eine In- vestition in die Zukunft und werden sich langfristig auszahlen.

Ist Ex Libris mit dem Fall der Buchpreisbindung zu einer Bestsellerbuchhandlung mutiert?

Bamert: Wir haben in den 120 Filialen ein aktuelles, preisattraktives Sortiment. Daneben betreiben wir einen Onlineshop mit einem Vollsortiment, bei dem Sie alle Bücher bestellen können. In diesem Zusammenhang zitiere ich gerne den legendären deutschen Buchhändler Hugendubel, der sagte: «Mit 20% meiner 150000 Bücher mache ich Umsatz und mit 5% verdiene ich Geld.» Pro Jahr kommen 100000 neue Bücher auf den deutschsprachigen Markt. 80% dieser Bücher machen marginalste Umsätze. Mit den Bestsellern erzielt man Umsatz und Geld.

Kleine Buchhandlungen sind darum auch auf Bestseller angewiesen. Diese Kleinen können aber keine Rabatte wie Sie gewähren. Sind Sie der Totengräber der kleinen Buchhandlungen?

Bamert: Keinesfalls. Ich bin der Robin Hood der Kunden und Leser. Ein Jahr, nachdem die Buchpreisbindung weggefallen ist, haben sich die Prophezeiungen nicht bewahrheitet, weder fand ein Buchladensterben statt, noch wurden die Bücher teurer, noch werden weniger Bücher produziert.

Der Buchhändlerverband sagt, dass drei kleinere Buchhandlungen wegen des Fallens der Buchpreisbindung schliessen mussten.

Bamert: Buchhandlungen mussten schon vorher, als es die Preisbindung noch gab, schliessen. Vor zehn Jahren besass fast jedes Dorf und jede Stadt eine eigene unabhängige Buchhandlung. In den letzten Jahren wurden einige geschlossen, viele andere wurden von grösseren Buchhandlungen übernommen, seien es Thalia oder Orell Füssli. Darunter Namen wie Meissner, Jäggi, Stauffacher, Huber, Vogel, Rösslitor und andere. Der Marktanteil der grössten zehn Buchhandlungen liegt heute in der Schweiz bei rund zwei Dritteln. Die kleineren Buchhandlungen stehen unter Druck, aber das hat nichts mit der Buchpreisbindung zu tun.

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Sondern?

Bamert: Vor zehn Jahren musste eine Buchhandlung mindestens 700000 Fr. Umsatz erzielen, damit sie Gewinn abwarf. Heute muss sie 1 Mio Fr. umsetzen, um zu rentieren, weil die Kosten gestiegen sind. Ein viel grösseres Problem für die kleineren Marktteilnehmer sind das Versandhaus Amazon und internationale Filialisten wie Thalia oder Weltbild.

Haben kleine Buchhandlungen überhaupt eine Chance?

Bamert: Kleine, die sich fokussieren, haben auch heute eine Chance. Immer grössere Probleme werden die mittelgrossen Schweizer Buchhandlungen haben. Denn wir erleben im Schweizer Buchmarkt einen Verdrängungsmarkt.

Und in diesem Verdrängungsmarkt profilieren Sie sich allein über den Preis.

Bamert: Heute sind die Kunden preissensibel, dem tragen wir in guter Migros-Tradition Rechnung. Wir bieten aber auch einen guten Service. Sie können zum Beispiel alle Bücher bei uns online bestellen.

Der Kunde kann aber bei Ex Libris ein Buch nicht zur Ansicht bestellen.

Bamert: Das stimmt. Es gibt eine Berechtigung für unterschiedliche Konzepte. Wenn eine Buchhandlung diese Dienstleistung erbringt, ist ein Kunde auch bereit, mehr zu bezahlen.

Was unternehmen Sie, wenn die Buchpreisbindung wieder eingeführt wird? Dann verlieren Sie Ihren Marktvorteil.

Bamert: Die Buchpreisbindung wird nicht wieder eingeführt.

Weshalb sind Sie so sicher?

Bamert: Ich verlasse mich auf Bundesrat Couchepin, der erklärte, die Wiedereinführung sei chancenlos, und Bundesrat Leuenberger, der sagte: «Der Zug ist abgefahren.»

Die Wirtschafts- und Abgabekommission (WAK) wird darüber Ende August entscheiden. Welches ist Ihre Strategie, falls die Buchpreisbindung doch wieder eingeführt wird?

Bamert: Ich besitze keinen Plan B.

Werden Sie neue Filialen eröffnen?

Bamert: Ja, wir planen neue Läden in der Deutschschweiz. Ich sehe ein Potenzial von 15 neuen Filialen. Wenn ich aber die Entwicklung des Internets betrachte, kann es auch durchaus sein, dass wir in Zukunft 90 statt 120 Läden führen werden.

Wir waren überrascht, an der Migros-Pressekonferenz zu erfahren, dass Ex Libris 2007 nur 27 Mio Fr. Umsatz mit Büchern erzielte.

Bamert: Diese Zahl ist nicht korrekt. Der Jahresumsatz von Ex Libris mit Büchern liegt zurzeit bei 40 Mio Fr. Unser Ziel ist es, mit Ex Libris dieses Jahr insgesamt 200 Mio Fr. umzusetzen. Wir konnten den Umsatz im 1. Semester um über 6% steigern.

Wie viel Freiheiten gewährt Ihnen Migros?

Bamert: Ich besitze soviel unternehmerische Unabhängigkeit wie möglich und so viel Nähe wie nötig. Ich führe Ex Libris wie ein KMU mit einer starken Mutter im Hintergrund. Wenn die Zahlen und das Markenimage stimmen, haben Sie als Geschäftsführer grosse Freiheiten.

Bei Büchern hat Ex Libris einen Marktanteil von rund 5%. Wie hoch ist Ihr Marktanteil bei Filmen und Musik?

Bamert: Vom Gesamtmarkt her gesehen liegt der Wert bei gut 20%, in etwa gleichauf mit Media Markt. In den Märkten, im deutsch- und französischsprachigen Markt, in denen wir tätig sind, liegt unser Marktanteil bei 30% und mehr. Bei einem DVD-Titel wie die «Herbstzeitlosen» haben wir einen Marktanteil von 37%.

Mit Musik und Filmen machen Sie mehr Umsatz als mit Büchern ? rund 150 Mio Fr. Wandern Ihnen die Kunden immer mehr in den Online-Bereich ab?

Bamert: Der Online-Bereich wächst, vor allem bei Musik, auch bei Ex Libris stark, deutlich stärker als der klassische physische Kanal. Kommt dazu, dass es viele Überschneidungen gibt: Einige hören sich Musikstücke in unserem Online-Shop an, kaufen aber die CD oder DVD trotzdem im Laden ? wohl auch wegen des Kauferlebnisses, des Booklets und des physischen Besitzens einer «Scheibe». So wie wir auch heute noch weiterhin die alten Vinylplatten verkaufen. Auf der anderen Seite haben wir auch Käufer, die im Laden stöbern und die Musik dann aber zu Hause auf ihren Computer laden oder zumindest übers Internet bestellen.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung des Download-Geschäfts?

Bamert: In der Summe ist das Geschäft noch nicht sehr gross. Ich habe mir die Entwicklung dynamischer vorgestellt, aber ich bin durchaus zufrieden. Jetzt müssen wir zusammen mit der Musikindustrie einfach unsere Hausaufgaben in Sachen MP3 machen. Dann können wir durchstarten.

Über den Apple-Download-Shop iTunes bekomme ich über 7 Mio Titel in einem MP3-ähnlichen Format, ohne strenge Verwendungsbeschränkungen. Der Download-Shop von Ex Libris umfasst rund 5 Mio Titel, und nur 20% als MP3. Verschlafen Sie da nicht einen Trend?

Bamert: Das ist zuletzt eine Kostenfrage. Die Verhandlungen mit den Labels sind nicht einfach ? und als weltweit gesehen kleiner Anbieter haben wir auch nicht eine so starke Verhandlungsposition. Aber Sie haben Recht: Die Zukunft liegt in urheberrechtsfreien Produkten.

Wohin geht der Trend?

Bamert: Wir sehen folgende Trends: Vernetzung zwischen stationärem und Online-Geschäft. Kunden wollen die Wahl zwischen digitalen und physischen Produkten haben und wollen alles einfach und unkompliziert bestellen können. So zum Beispiel auch via SMS-Bestellung, die wir in Kürze einführen werden. Als registrierter Kunde können Sie alle physischen Produkte ? Musik, Filme und Bücher ? direkt per Handy bestellen, ohne Internetzugang.