Wie schlimm wird das Tourismusjahr 2020 für die Stadt Genf?
Januar und Februar waren sehr gute Monate. Wir rechneten für 2020 mit 2 Prozent mehr Übernachtungen als letztes Jahr. Nun gehen wir von einem Einbruch von mehr als 50 Prozent aus. Das ist wirklich schade, weil das Jahr so gut angefangen hat. Und vielleicht werden einige Betriebe nun vorübergehend schliessen müssen. Wie hoch der Rückgang ausfallen wird, ist schwierig zu sagen.

Genf Tourismus 2

Genf: Die Stadt will auch mit ihren Weinbergen bei den Touristen punkten.

Quelle: ZVG

Sie wollen mit Touristen aus der Schweiz das Wegbleiben der ausländischen Touristen etwas ausgleichen. Ihr Ziel seien 300’000 zusätzliche Übernachtungen von Inländern im Jahr 2020, war im «Tages-Anzeiger» zu lesen. Ist das nicht unrealistisch?
Das war realistisch, als die Grenzen geschlossen waren. Nun, da Reisen innerhalb Europas wieder möglich sind, sieht die Situation anders aus. Normalerweise machen Schweizerinnen und Schweizer drei Ferienreisen pro Jahr. Wenn sie eine davon dieses Jahr in Genf verbringen, ist das Ziel realistisch.

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Wollen Schweizer überhaupt in Genf übernachten? Die Stadt lässt sich auch während eines Tages besuchen.
Eine Übernachtung lohnt sich auf jeden Fall. Wir haben genug zu bieten für einen mehrtägigen Besuch. Es gibt tolle Hotels und eine ausgezeichnete Gastronomie, wir pflegen eine Bistro-Kultur. Um das Lebensgefühl der Stadt zu entdecken, sollten Sie auch Genf by Night erleben.

Der Tourismus steckt weltweit in einer Krise. Die Destinationen versuchen mit allen Mitteln, Touristen anzulocken (mehr dazu hier). Hat Genf in diesem Wettbewerb gute Karten? Die Stadt gilt ja als sehr teuer.
Es sollte kein Preiskampf entstehen. Gewisse Preise sind hoch, aber die Qualität ist entsprechend auch sehr hoch. Ich habe in Stockholm gelebt. Das ist auch eine teure Stadt. Stockholm ist dennoch zu einem beliebten Reiseziel für Schweizer geworden. Wenn das Angebot stimmig ist, kommen die Leute.

Werden die Preise in Genf dieses Jahr tiefer sein als üblich?
Die Preise werden attraktiv ausfallen. Die Preissetzung ist ein Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage – und die Nachfrage wird dieses Jahr tiefer sein. Wir sollten jetzt aber nicht einen Preiskampf starten. Das ist nicht unsere Stärke. Wir werden sicher Angebote lancieren und zu einem Vorzugspreis anbieten. Aber in Genf steht das Erlebnis im Fokus, das städtische Flair der Stadt und zugleich die Genfer «art de vivre».

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In normalen Jahren reisen gut 80 Prozent der Touristen in Genf aus dem Ausland an. Ab wann werden ausländische Touristen die Stadt wieder besuchen?
Die Antwort auf diese Frage wüsste ich auch gerne. Ende August dürften die Besucherzahlen wieder steigen, aus Frankreich und Deutschland. Aber wir rechnen mit zwei Jahren, bis wir wieder das Niveau vom letzten Jahr erreichen. 2019 war allerdings ein Rekordjahr mit mehr als 3,3 Millionen Übernachtungen.

Für Genf sind auch die Geschäftsreisenden sehr wichtig. In nächster Zeit werden viele Unternehmen ihre Reisetätigkeit einschränken. Ist das eine Sorge von Ihnen?
Physische Kontakte lassen sich nicht ersetzen. Geschäftsreisen wird es auch künftig geben. Es ist aber gut möglich, dass sich das Modell ändert. Die Leute werden sich für den kreativen Austausch treffen, Veranstaltungen wie Kongresse werden in kleineren Formaten stattfinden.

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Genf ist eine Messestadt, die Messebesucher kommen für einen Viertel der Übernachtungen auf.  Wie stark leidet dieses Segment?
Für die nächsten zwei Jahre waren 56 Messen geplant. Nur 6 davon wurden bisher abgesagt. 13 wurden verschoben.

Die Messen finden statt, aber zu einem späteren Zeitpunkt.
Genau, und das ist logistisch etwas kompliziert. Es stehen derzeit ohnehin weniger Betten zur Verfügung. Vielleicht wird die Messestadt Zürich von diesem Problem profitieren.

Genfs neue Attraktionen

Die Rhonestadt will mit neuen Attraktionen Touristen anlocken. Hier eine Auswahl:

Die Genfer Bucht erhält einen Strand
In Genf werden Strandferien möglich – mitten in der Stadt: 400 Meter breit ist die neue Plage de sable in Eaux-Vives. Direkt daneben finden die Besucher einen zwei Hektaren grossen Park.

Eine neue Zugverbindung ins noble Évian
Der Léman Express fährt Passagiere in 60 Minuten entlang des Genfersees in den französischen Kurort Évian-les-Bains – und zurück.

Pavillon de la danse
Der spektakuläre Holzbau auf der Place Sturm im Quartier Plainpalais bietet ab September Platz für 220 Besucher. Auf der Bühne wird zeitgenössischer Tanz zu sehen sein.

Cité de la musique
2024 wird ein neues Zentrum für die Musik seine Tore eröffnen. Das 300 Millionen Franken teure Gebäude nahe der Place des Nations wird über einen Konzertsaal mit 1750 Plätzen verfügen.

Besucherzentrum am Cern
Das Science Gateway beim Forschungslabor Cern ist der Wissenschaft gewidmet: Ab 2022 wird es Besucherinnen und Besuchern die Welt der Physik näherbringen. Es wird auch aus architektonischer Sicht eine Attraktion, das Gebäude wird vom bekannten Architekten Renzo Piano entworfen.

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Sehen Sie Genf als Konkurrentin von Zürich?
Vielleicht für das nationale Geschäft mit Kongressen. Grundsätzlich ergänzen wir uns. Die Konkurrenz unter Messestandorten spielt in erster Linie innerhalb Europas. Und hier haben wir als Schweiz eine gute Position.

Haben Sie Mitleid mit den Tourismusverantwortlichen von Basel? Die einst weltweit grösste Uhrenmesse Baselworld ist am Ende. Stattdessen ist Genf mit zwei Messen nun das Zentrum der Uhrenwelt.
Die Uhrenbranche hat diesen Entscheid gefällt. Ich bin froh für Genf, aber zugleich enttäuscht für Basel. Für Basel wird es nun schwierig, die Betten zu füllen.

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Was erhoffen Sie sich von dieser Aufwertung der Uhrenmesse Watches & Wonders und der neuen Messe Geneva Watch Days?
Viele Fragen sind noch offen. Wir wissen noch nicht, ob die Messen gleichzeitig stattfinden. Doch klar: Die Hotels profitieren, und das Bild von Genf als Wiege der Uhrmacherkunst wird gestärkt.