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«Ich bin traurig wegen Kuoni»

Geoffrey Kent: «135'000 Dollar pro Person - ein Schnäppchen»   Martin Guggisberg

Geoffrey Kent gründete Abercrombie & Kent Reisen und organisiert Urlaubsreisen für Superreiche. Im Interview spricht er über Kuoni, Elon Musks SpaceX und die seltsamen Wünsche seiner Kunden.

Von Andreas Güntert und Marcel Speiser
am 25.03.2015

Welche Reise empfehlen Sie jemandem, der alles gesehen hat und schon überall war? Geld spielt keine Rolle.
Geoffrey Kent*: Solche Leute sollen mit mir auf eine meiner Reisen um die Welt ­kommen. Alle 18 Monate nehme ich eine Gruppe von maximal 50 Personen auf eine exklusive Weltreise im Privatjet mit. Ich garantiere: In den 26 Tagen erleben Sie Dinge, die Sie noch nie erlebt haben. Sie sehen Orte, die Sie noch nie gesehen ­haben. Im Mai 2016 geht es wieder los. Die ersten 22 Plätze haben wir zwei Tage nach der Lancierung der neuen Reise bereits fest vergeben. Aber wenn Sie mitkommen möchten, es hat noch Platz.

Wohin führt die Reise denn?
In die Mongolei, nach Usbekistan, Grönland, Kolumbien und auf die Salomonen, um nur einige Destinationen zu nennen. Wir reisen in einer Boeing 757 mit reiner Firstclass-Bestuhlung und ausschliesslich mit den besten lokalen Reiseführern. Die Gäste müssen sich um nichts kümmern. Weder ums Gepäck noch um irgendein ­Visum oder sonstigen Kram. Sie können einfach mitkommen und geniessen.

Und was kostet der Spass?
135 000 Dollar pro Person, sofern Sie in ­einem Doppelzimmer wohnen.

Und wenn jemand alleine reist?
Der Einzelzimmerzuschlag liegt bei 16 500 Dollar. Wichtig zu wissen: Wir reden hier von Preisen, die alles enthalten. Flug, Hotels, Getränke, Ausflüge, Festivals, Mahlzeiten, Trinkgelder, einfach alles.

All-inclusive für Superreiche?
All-inclusive auf Sechs- oder Sieben-­Sterne-Niveau. Übrigens: Meine Kunden wissen, dass sie ein Schnäppchen machen, wenn sie mit mir kommen. Ein Geschäftsmann, der mich auf meiner letzten Weltreise begleitet hatte, rechnete mir vor, was ihn der Trip gekostet hätte, wenn er ihn in seiner eigenen «Gulf­stream 5» unternommen hätte. Er kam auf über 2 Mil­lionen Dollar. Und sein Pilot sagte ihm, dass es sowieso viel zu kompliziert sei.

Sie bedienen eine anspruchsvolle Klientel. Wie schwer ist es, sie zufriedenzustellen?
Wir lernen immer dazu. Auf meiner letzten Weltreise haben einige die Weinauswahl an Bord kritisiert. Wir hatten zwar gute Weine dabei, nehmen künftig aber nur noch absolute Spitzentropfen mit. Gutes Essen ist für unsere Kunden wichtig. Deshalb haben wir neu auch zwei Küchenchefs dabei. Einer reist mit der Gruppe, der andere ist der Gruppe immer einen Tag voraus.

Die Reichen wollen auch auf der Oster­insel teure Bordeaux trinken. Und sonst?
Ein Kunde wünschte sich für die kom­mende Weltumrundung eine Nespresso-Maschine an Bord. Er sagte mir, dass er nur mitkomme, wenn ich das sicherstelle. Also haben wir von British Aerospace eine Airline-taugliche Maschine bauen lassen. Noch wichtiger für unsere Kunden aber ist das Thema Sicherheit.

Sie haben zehn Bodyguards an Bord?
Nein, aber überall, wo wir landen, stellen unsere eigenen lokalen Mitarbeiter sicher, dass unsere Kunden und ihre Familien nichts zu befürchten haben.

Gruppenreisen – so, wie Sie sie anbieten – ­haben an sich einen schlechten Ruf. ­Warum tun sich das Ihre Kunden, Bill ­Gates, ­Hillary Clinton oder Cameron Diaz, ­überhaupt an? Geld spielt ja keine Rolle!
Schauen Sie, Top-Manager, Politiker, ­Hollywood-Grössen und reiche Familien leben im Alltag sehr isoliert. Die freuen sich, ein paar Tage mit ihresgleichen unterwegs zu sein und sich auszutauschen. Üblicherweise gehen unsere Kunden in ein gutes Hotel, lassen es von ihren Bodyguards checken und bleiben dann dort. Wir hingegen bieten ihnen die ganze Welt an, ohne Abstriche bei der Sicherheit.

Haben Sie auf Ihren High-End-Trips Gäste aus der Schweiz?
Ja. Wir hatten schon Schweizer bei uns. Der grösste Teil unserer Kunden kommt aber aus Amerika.

Der Reisebranche ging es in den letzten Jahren eher mittelprächtig. Gerade Schweizer und europäische Unternehmen verdienen kaum noch Geld. Wie läuft das Business bei Abercrombie & Kent?
Wir reden eigentlich nicht über Zahlen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wir im letzten Geschäftsjahr um 30 Prozent gewachsen sind und gutes Geld verdienen.

Basierend auf der Mitarbeiterzahl von rund 2500 Leuten, schätzen wir den ­Umsatz auf rund 700 Millionen Dollar.
Das ist die richtige Grössenordnung. Und wenn wir schon dabei sind: Die operative Marge liegt bei 5 bis 6 Prozent.

Sie haben gesagt, Sie wollten bald auf 3000 Leute ausbauen. Sind in der Zahl die Leute von Kuoni England schon mit­gezählt?
Hahahahahaha.

Also ja?
Nein. Mein Geschäftspartner Hans Lerch und ich, wir wissen zu viel über Kuoni, als dass wir interessiert wären. Kuoni passt sowieso nicht zu uns. Aber es macht mich traurig, dass Kuoni das Reisegeschäft verkauft. Es war eine grossartige Firma, die Marke ist immer noch grossartig.

Hat man Ihnen Kuoni angeboten?
Nein.

Wenn der Rubel zum Dollar verliert oder der Euro zum Dollar, spüren Sie das?
Wir bieten alles unsere Reisen ausschliesslich in Dollar an. Ich habe noch nie einen Kunden gehört, der noch einen Nachlass wollte, weil der Euro zum Dollar an Wert verloren hatte. Aber: Auch bei uns schwankt die Nachfrage je nach Wirtschaftslage ein bisschen. Nicht im HighEnd-Segment, aber bei unseren Premium-Angeboten der Marke Connections.

Das ist Ihre Billig-Linie.
Billig ist relativ. Aber ähnlich wie Kuoni mit Helvetic Tours andere Kunden anspricht, machen wir das auch. Allerdings auf höherem Niveau. Auch bei Connections kostet eine Reise 7000–8000 Dollar.

Wer bucht Connections?
Unter anderem die Kids der Kunden meiner Weltreisen.

Sie müssen immer etwas Neues bieten. Werden Reisen ins All das nächste grosse Ding?
Da kann ich klar antworten: Nein.

Weshalb sind Sie da so sicher?
Weil ich selber dort war.

Sie waren wo?
Im All natürlich. Seit ich A&K gegründet habe, ist sich ein Teil des Geschäfts­modells immer gleich geblieben: Zuerst probiere ich selber aus, was später meine Gäste erleben sollen. Gleich als Reisen ins All zum Thema wurden, schaute ich mich in New Mexico um, wo die Space-Ports entstehen, und traf dort auch Tesla-Gründer Elon Musk, der ja mit seiner Raumfahrtfirma SpaceX hier sehr aktiv ist. Richard Branson kam erst später dazu.

Also wollen Sie doch Reisen in den Weltraum anbieten?
Anfangs war ich enthusiastisch, gründete die Abteilung «A&K Space» an und schaffte es 2004, zu Probezwecken in Kapstadt an Bord einer zweisitzigen «English Electric Lightning» zu kommen. Das ist ein zweistrahliger Abfangjäger, welcher doppelte Schallgeschwindigkeit hinbringt. Die Sache war dann so gefährlich, dass ich einen Scheck hinterlassen musste, damit im Todesfall mein Sarg von Südafrika nach England verfrachtet würde. Der Jet brüllte lauter als tausend Ferraris und zischte in einer Minute senkrecht auf 12 000 Meter hoch. Dann ging es weiter auf 21 000 Meter. Ich habe schon einiges gemacht im Leben. Aber das war ganz bestimmt die unglaublichste Erfahrung – und die gefährlichste.

Dann müsste es Ihre Kunden entzücken.
Möglicherweise ja. Aber es ist zu gefährlich. Ich habe zig Fachleute gefragt, wie hoch die Unfallwahrscheinlichkeit bei solchen Space-Trips sei. Die Antwort, die ich mehrfach erhalten habe: 100 Prozent. Da wusste ich, dass wir mit «A&K Space» ein riesiges Problem haben werden – zu gefährlich. Kommt dazu: Bei einem solchen Flug wirken gewaltige Fliehkräfte auf den Körper, das halten nur trainierte Athleten aus. Das sind unsere Gäste in der Regel nicht. Es geht um Menschenleben, da ist nicht zu spassen. Und es geht um viel Geld: Bei Todesfällen vermögender Passagiere kämen riesige Schadenersatzforderungen auf uns zu. Und so brachen wir das Programm wieder ab. Ich glaube nicht, dass der All-Tourismus je abheben wird. Wissen Sie, was mit dem Piloten geschah, der mich 2004 ins All brachte? Ein Jahr später starb er bei einem Flugunfall.

* Geoffrey Kent ist Gründer und Chairman von Abercrombie & Kent Reisen (A&K). Aufgewachsen in Kenia, besuchte Kent die Königliche Militärakademie im englischen Sandhurst. Mit seinen Eltern gründete Kent 1962 A&K als Safari-Firma und expandierte später zum weltweiten Luxusreisen-Anbieter. 2'500 Mitarbeiter erwirtschaften einen geschätzten Umsatz von 700 Millionen Franken.

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