Griechenland hat seit dem Ausbruch der Krise erste fiskalische Korrekturen erreicht. Welche Auswirkungen haben die rigorosen Sparmassnahmen auf die Wirtschaft?

Yannis Stournaras: Das Wachstum wurde gebremst und die Arbeitslosenrate ist gestiegen, aber dies war mit dem eingeleiteten Austerity-Programm unvermeidlich. Während praktisch alle EU-Länder beim Bruttoinlandprodukt einen Zuwachs verzeichnen, weist Griechenland ein Negativwachstum auf.

Wie lange wird dieser Abwärtstrend anhalten?

Stournaras: Ich gehöre nicht zur Denkschule, die als Folge der restriktiven Fiskalpolitik auch rasch höhere Wachstumsraten erwartet. Das mag für einen längeren Zeithorizont zutreffen. Für eine unmittelbare Umkehr des Negativtrends braucht es jedoch spezielle Impulse. Der private Konsum, die Staatsausgaben und die Investitionen sind rückläufig. Eine positive Wirkung könnte von den Exporten ausgehen. In der jüngsten Vergangenheit waren erste Zeichen der Erholung zu beobachten, mit einem Zuwachs von rund 4 Prozent für das vergangene Jahr.

Erfolgt 2011 bereits die Rückkehr zu positiven Wachstumsraten?

Stournaras: Nein, die Rezession wird sich fortsetzen, allerdings in einem verminderten Ausmass von knapp minus 3 Prozent. Sofern das Restrukturierungsprogramm wirksam ist, erwarte ich den wirtschaftlichen Aufschwung für 2012. Auch wenn die Troika mit EU, EZB und IWF nun der griechischen Regierung mit Rat und Tat zur Seite steht, gibt es von meiner Seite trotzdem eine gewisse Kritik.

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Was läuft falsch?

Stournaras: Eine Studie aus unserem Haus zeigt, dass die Einschnitte beim staatlichen Investitionsprogramm gravierende Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben. Die Regierung war zu dieser Reduktion gezwungen, weil sie das Haushaltsdefizit wegen der massiven Steuerhinterziehung nicht ausgleichen konnte. Es braucht diese Investitionen in die Infrastruktur, damit Griechenland wieder auf einen Wachstumskurs kommt. Die öffentlichen Ausgaben beinhalten einen Multiplikator von fünf. Mit anderen Worten: Wenn sich dieses Investitionsprogramm um 1 Prozent vermindert, fällt das Bruttoinlandprodukt um 5 Prozent.

Wie muss das Ankurbelungsprogramm konkret aussehen?

Stournaras: Aus verschiedenen Gründen wurde der EU-Strukturfonds mit über 300 Milliarden Euro bisher nicht richtig ausgeschöpft. Das gilt auch für Griechenland, weil die Regierung wegen der niedrigeren Staatsausgaben diese Mittel zur Co-Finanzierung von Projekten nicht anzapfen konnte. Das ist ein Teufelskreis. Die EU sollte deshalb einen veränderten Fahrplan bei der Auszahlung dieser Gelder bewilligen. Griechenland kann über eine Periode von vier Jahren rund 25 Milliarden Euro aus diesem Fonds beanspruchen. Wichtig wäre nun, dem krisengeschüttelten Land zu Beginn eine Co-Finanzierung von mehr als 50 Prozent zu erlauben, um diese Quote am Ende der Laufzeit zum Ausgleich unter dieser Marke anzusetzen. Damit kann die Regierung mehr Geld investieren, ohne den Schuldenberg anwachsen zu lassen.

Gibt es noch andere Hindernisse?

Stournaras: Das Bewilligungverfahren für neue Projekte ist viel zu kompliziert. Für den Bau eines Hotels etwa braucht es die Lizenzen einer Unzahl von Ministerien. Das muss vereinfacht werden.

Seit Jahren ist von einem «One-Stop-Shop» für Investoren die Rede, aber passiert ist nichts.

Stournaras: Ja, das muss sich in der schwierigen Situation nun rasch ändern.

Ist der Druck durch die Troika eine Chance?

Stournaras: Ich kreuze selten die Finger. Aber jetzt muss ich sagen: «God save the Troika.» Das ist für Griechenland die einzige Chance in eine bessere Zukunft.

Spielt die Regierung mit?

Stournaras: Die Administration Papandreou hat ihre Anstrengungen zur Restrukturierung und Entschuldung des Landes intensiviert. Es bleibt ihr auch gar keine andere Wahl. Andernfalls würde sie als jene Regierung in die Geschichte eingehen, die eine Bankrotterklärung von Griechenland signieren musste. Das Problem für Premierminister Papandreou ist allerdings, dass er zu viele Minister in seiner Regierung hat, die der anspruchsvollen Aufgabe nicht gewachsen sind.

Als Schlüsselministerien gelten Finanzen, Wirtschaft und Inneres.

Stournaras: Ja, in Griechenland sind aber auch die Ministerien Umwelt, Energie und Transport besonders wichtig, wenn es um dringend notwendige Investitionen in die Infrastruktur geht. Dort liegt die Entscheidungsgewalt für neue Strassen, Häfen, Airports und die alternative Energiegewinnung. Dabei gilt es, das Bewilligungsverfahren für diese Projekte massiv zu beschleunigen.

Steht die Bevölkerung hinter dem eingeschlagenen Sparkurs?

Stournaras: Wir haben je eine Hälfte, die im öffentlichen und privaten Sektor beschäftigt ist. Gestreikt wird bei den Staatsangestellten, die über ein gutes Einkommen verfügen. Sie haben etwas zu verlieren. Die Arbeitslosigkeit, mit rund 630 000 Leuten ohne Job, manifestiert sich praktisch ausschliesslich in der Privatwirtschaft. Es ist die grosse Herausforderung für die Regierung, dass auch der öffentliche Bereich die notwendigen Opfer für die Gesundung der Wirtschaft erbringt.

Was wurde bis jetzt unternommen?

Stournaras: Bis jetzt gab es im öffentlichen Sektor horizontale Einschnitte: Lineare Beschneidungen bei den Vorsorgeleistungen und eine generelle Lohnreduktion um 10 Prozent. Im laufenden Jahr muss die Regierung nun vertikale Sparmassnahmen treffen, zuerst im Gesundheitswesen und bei den Verteidigungsausgaben. Im medizinischen Bereich wird zu viel Geld unnütz vertan. Es gibt 150 Spitäler, die über kein taugliches Accounting und ein entsprechendes IT-System verfügen. Mit einer verbesserten Administration und Kontrolle können im Gesundheitssektor hohe Millionenbeträge eingespart werden.

Das Exportvolumen bewegt sich trotz einer positiven Tendenz in der jüngsten Vergangenheit noch immer auf einem tiefen Niveau. Wie ist das zu ändern?

Stournaras: Die Wettbewerbsfähigkeit muss sich verbessern. Um dies zu erreichen, braucht es tiefere Löhne und mehr Flexibilität im Arbeitsmarkt. Wir nennen das eine «interne Abwertung». Notwendig sind auch zusätzliche Liberalisierungsbestrebungen in der gesamten Wirtschaft. Unsere Studien zeigen, dass sich das Bruttoinlandprodukt mit offenen Produkt- und Arbeitsmärkten um 17 Prozent steigern lässt. In erster Linie gilt es, geschlossene Berufskategorien, Warenmärkte und den gesamten Energiesektor zu liberalisieren.

In welchen Wirtschaftssektoren verfügt Griechenland über die besten Chancen zur Wachstumssteigerung?

Stournaras: Der Transportbereich bietet gute Möglichkeiten. Es braucht Investments in Strassen und neue Infrastrukturen. Ein wichtiges Wachstumsfeld ist der Tourismus. Erfolg versprechende Projekte werden auf dem griechischen Festland und den Inseln häufig durch die lokalen Behörden blockiert.

Ausländische Investoren zögern mit einem Engagement in Griechenland. Der mögliche Staatsbankrott hängt wie ein Damoklesschwert über der internationalen Finanzgemeinde.

Strournaras: Selbst wenn wir das schlechteste Szenario eines Kollapses nehmen, ist dies weniger gravierend als im Fall von Argentinien. Griechenland ist in der Euro-Zone, und deshalb wird dieses Mitglied nicht fallen gelassen, weil dies einen Dominoeffekt auslösen würde. Irland, Spanien, Portugal und selbst Italien oder Frankreich könnten damit in einen Abwärtsstrudel geraten. Aus meiner Sicht gibt es nur einen gangbaren Weg: Griechenland muss den staatlichen Sektor grundlegend restrukturieren und im Aussenhandel wieder Überschüsse erzielen. Zusammen mit weiteren Privatisierungen und der Realisierung von Tourismusprojekten wird es in einem Zeitraum von fünf Jahren möglich, einen grossen Teil der Verschuldung abzubauen.

Das tönt optimistisch.

Stournaras: Ja, wenn es nicht gelingt, liegt dies an einer mangelhaften Umsetzung durch die Regierung. Premierminister Papandreou wäre gut beraten, wenn er als Beistand ein Management-Office installieren würde, das für die koordinierte Umsetzung all dieser Massnahmen sorgt.

Trotzdem: Kann Griechenland das alles ohne Abschreibungen auf den Staatsanleihen realisieren?

Stournaras: Eine erste Voraussetzung dafür ist die Verlängerung von ausstehenden Schuldverschreibungen mit Hilfe der Troika. Das gibt Griechenland die Möglichkeit, den eingeschlagenen Restrukturierungskurs weiterzuverfolgen. Erste Erfolge sind sichtbar: Das Haushaltsdefizit gemessen am Bruttoinlandprodukt hat sich innert Jahresfrist um 6 Prozentpunkte vermindert.

Wie beurteilen Sie die Chancen im laufenden Jahr?

Stournaras: Wenn die Sanierungsbestrebungen auch im 1. Halbjahr 2011 greifen, wird Griechenland von den Märkten anders beurteilt. Die Regierung Papandreou zeigt den notwendigen Willen für Reformen und die Opposition hindert sie nicht an der Durchsetzung von unpopulären Massnahmen.