Nach 176 Jahren im Geschäft hat Ihr Haus fünf Generationenwechsel hinter sich, zwei Weltkriege, die Einführung des Fernsehens und etliche Rezessionen. Nun stecken wir - mal wieder - in der Krise. Blicken Sie ab und zu ins Ringier-Geschichtsbuch, um sich Mut zu machen?

Michael Ringier: (Schmunzelt) Eigentlich nicht. Aber unsere Vergangenheit zeigt die Überlebensfähigkeit des Unternehmens. Sicher muss man aufpassen, dass man sich nicht zu sehr auf die Vergangenheit verlässt, aber sie gibt einem ein gewisses Selbstvertrauen.

Sie sind 60 Jahre alt - wie regeln Sie die Nachfolge?

Ringier: Wir schliessen nichts aus - ausser einen Verkauf. Niemand in der Familie hat ein Interesse daran, Ringier zu veräussern. Ich denke, dass ich als Aktionär und VR-Präsident den Job noch ziemlich lange machen kann. Auch mit 70 kann man noch vernünftige Entscheidungen treffen.

Sie bleiben sicher noch zehn Jahre im Amt?

Ringier: Ich bleibe so lange, wie die andern und ich das für gut halten. In den nächsten Jahren ist das wohl kein Thema.

Einen Verkauf schliessen Sie aus. Wie steht es mit einer Fusion?

Ringier: Ergibt sich eine tolle Gelegenheit, prüfen wir das. Einen Zusammenschluss unter Gleichen mit einem attraktiven Partner können wir uns vorstellen. Da sind wir sehr offen. Aber ein solcher Schritt muss für die Firma sehr sinnvoll sein.

Es gab ja in der Vergangenheit auch Gespräche mit dem Axel-Springer-Konzern, zu dem auch die «Handelszeitung» gehört. Unter welchen Bedingungen könnten Sie sich ein Zusammengehen mit einem Partner vorstellen?

Ringier: Die Familie will die Mehrheit oder zumindest die dominierende Rolle als Aktionärin innerhalb einer börsenkotierten Firma nicht aufgeben. Warum sollten wir uns mit einer Minderheitsbeteiligung zufriedengeben, wenn wir vorher das Unternehmen zu 100% kontrolliert haben? Die Familie begreift sich als unternehmerisch handelnde Inhaberin, nicht als Finanzinvestorin. Deshalb würden wir auch weiterhin entsprechende Mitspracherechte haben wollen.

Wer übernimmt Ihren Posten dereinst an der strategischen Spitze von Ringier, falls es nicht zu einem Schulterschluss mit einem Partner kommt?

Ringier: Es gibt Möglichkeiten innerhalb der Familie, aber noch ist nichts entschieden.

Gehen wir in die Gegenwart zurück. Auch Ringier kämpft derzeit mit dem Gegenwind. Wie schlimm trifft Sie die Krise?

Ringier: Für diese Generation, die über das Schicksal der Firma bestimmt, ist es sicher die schwierigste Phase, die wir je zu bewältigen hatten. Wir Medienunternehmer waren die ersten, die den Beginn der Krise gespürt haben. Bereits im vergangenen Juli haben wir erste Rückgänge bei den Anzeigen registriert. Oktober und November waren katastrophal, man kann von einem Zusammenbruch reden. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres haben wir noch keinen Gegentrend gesehen. Wobei es nach wie vor Produkte und Länder gibt, die relativ gut laufen.

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Wachstumspotenzial sehen Sie, wie viele andere auch, im Online-Geschäft. Tamedia ist mit «Newsnetz» bereits gut aufgestellt. Wo ist Ringier?

Ringier: Immerhin haben wir für einen dreistelligen Millionen-Franken-Betrag Media Swiss gekauft, zu der unter anderem die Scoutgruppe und das Portal gate24.ch, ein Firmenverzeichnis mit Stellenmarkt und Marktplatz, gehört. Das ist ein Investment, das uns auf Stufe Umsatz zur Nummer eins in diesem Segment gemacht hat. Insofern müssen wir fragen: Was machen eigentlich die anderen? «Newsnetz» ist eine spannende Lösung - aber mit «Blick Online» sind wir ebenfalls sehr zufrieden.

Verdienen Sie mit «Blick Online» Geld?

Ringier: Wir waren in den schwarzen Zahlen, doch dann waren wichtige Investitionen nötig. Jetzt damit Geld zu verdienen, hat nicht oberste Priorität. Eine Zeitung braucht einfach eine Website. Wichtig wäre, dass wir endlich einmal Ansätze eines schlagkräftigen Business-Modells erkennen könnten. Da klemmts noch. Betrachten Sie einmal «Spiegel Online», eine hervorragende Seite! Aber: Vergleichen Sie, wie wenig Geld das Online-Portal im Vergleich zum Print-Produkt verdient. Dann wird klar, von welchen Grössenordnungen wir sprechen.

Im Zeitungs- und Zeitschriftengeschäft brechen die Anzeigenvolumen ein, das Online-Geschäft aber kann diese Rückgänge noch bei weitem nicht auffangen. Wo können Sie Online-Benutzer zur Kasse bitten?

Ringier: Was funktioniert, ist E-Commerce, also kostenpflichtige Leistungen im weiteren Sinne, und die Kleinanzeigen wie Immobilien- und Stellenmärkte. Natürlich gibt es hier nur eine überschaubare Zahl von Aktivitäten - wenn man nicht die Nummer eins oder zwei auf dem Markt ist, kann man es vergessen. Im Werbebereich gibt es eigentlich nur einen Player, der abräumt, nämlich Google. Es gibt ganz wenige Internetseiten, die sich über Werbung finanzieren lassen. Woran ich fest glaube, ist, dass das Gratisangebot von journalistischen Leistungen ein Ende finden wird. Es kann nicht sein, dass wir hier «kostenlos» Informationen herstellen und anbieten, während andere Marktteilnehmer wie Google ein dickes Geschäft damit machen. Ich bin überzeugt, dass sich das Copyright von journalistischen Inhalten durchsetzen wird. Das klappt aber nur, wenn es dereinst vernünftige Lösungen für ein Micro-Billing gibt - also wenn ganz kleine Beiträge über die Telefonrechnung oder Ähnliches abgerechnet werden. Kein Mensch holt für einen Artikel der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», der 1.80 Euro kostet, extra seine Kreditkarte raus.

Was halten Sie von Online-Abonnements?

Ringier: Das ist ebenfalls ein Modell, das aber nur mit ganz starken, hochwertigen Marken funktionieren könnte - zum Beispiel bei der «Financial Times» oder beim «Spiegel». Ob das Modell bei einer Seite wie «Blick Online» oder «20 Minuten» aufgeht, bezweifle ich.

Warum?

Ringier: Die «Blick»-Produkte haben eine enorm junge Leserschaft, die die Marke «Blick» sehr schätzt. Aber bezahlen wollen die nicht. Wir hoffen, dass sich diese Imagepflege, die wir heute betreiben, irgendwann auf die Produkte auswirkt, für die wir ein Business-Modell haben ?

? mit anderen Worten: Dass die Jungen irgendwann für Ihre Leistungen bezahlen.

Ringier ? ob die Rechnung dann aufgeht, wird sich zeigen.

Die Marke «Cash» hat hingegen sehr gelitten - zunächst musste die Wochenzeitung schliessen, nun auch noch die tägliche Gratiszeitung. Übrig geblieben ist das Online-Portal. Wie wollen Sie hier endlich Geld verdienen?

Ringier: Die Marke hat nicht gelitten. Für mich war es eine herbe Enttäuschung, dass wir das Gratisblatt «Cash» einstellen mussten. Für mich war es eine der besten Gratiszeitungen, die es in der Schweiz je gab ?

? schliesslich bestand die Redaktionsleitung ja auch aus ehemaligen «Handelszeitung»-Journalisten ?

Ringier: ? das ist richtig! (lacht) Aber leider ist das Finanzierungsmodell letztlich nicht aufgegangen. Das Geschäft mit Wirtschaftsjournalismus ist eben besonders volatil.

Nochmals: Wie wollen Sie mit dem Portal Geld verdienen?

Ringier: Wir konnten die Kosten relativ stark reduzieren, das finanzielle Loch in der «Cash»-Gruppe hat sich ohne das Printprodukt relativ schnell verringert, sodass wir jetzt Land sehen. Wir glauben daran, dass wir mittelfristig Geld verdienen werden.

Es heisst, Sie hätten mit der «Cash»-Gruppe im vergangenen Jahr 11 Mio Fr. Verlust geschrieben.

Ringier: Nein, diese Zahl ist übertrieben. Aber es ist kein Geheimnis, dass die Zeitung ein paar Millionen Franken pro Jahr gekostet hat. Doch wir sind zuversichtlich, die finanzielle Lücke nun schliessen zu können.

Media Swiss und Geschenkidee.ch sind E-Commerce-Portale, Plattformen für Warenhandel ohne journalistische Inhalte. Ist das die Zukunft von Ringier?

Ringier: Wir halten an unseren beiden Standbeinen E-Commerce und Medien fest. Hinsichtlich Online sehen wir derzeit keinen anderen Weg, als unser Geld mit E-Commerce zu verdienen. Im Online-Journalismus sind die Möglichkeiten für Gewinne nach wie vor äusserst bescheiden.

Aber dennoch sind Sie gezwungen, zu jeder Zeitung ein Portal aufzuschalten.

Ringier: Richtig, Sie können es sich nicht leisten, eine führende Zeitung ohne Online-Auftritt auf dem Markt zu haben. «Blick Online» ist für «Blick»-Leser selbstverständlich - würde man auf den Online-Teil verzichten, würde die Marke als Ganzes massiv beschädigt. So sind wir gezwungen, «Blick Online» zu führen, selbst wenn wir derzeit kein Geld damit verdienen.

Profitabel wachsen können Sie im Online-Geschäft also nur mit E-Commerce. Wo sehen Sie Möglichkeiten für Akquisitionen?

Ringier: Wir haben erst kürzlich beispielsweise in Kroatien ein profitables Immobilienportal gekauft.

Bleiben wir doch in der Schweiz. Tamedia hat sich in der Schweiz mit den Zukäufen von Homegate.ch und Search.ch sehr gut positioniert. Ist Ringier zu spät gekommen?

Ringier: Nein, diese Deals waren genau auf Tamedia zugeschnitten und deshalb konnten sie auch einen Preis dafür bezahlen, der sich für uns nicht gerechnet hätte. Wir haben dafür einen höheren digitalen Marktanteil - wir machen Fernsehen, sind mit Teleclub bei einem Pay-TV-Kanal dabei, machen auch Radio. Ich weiss gar nicht, warum Sie so an Tamedia hängen! Wenn ich unsere und deren Aktivitäten vergleichen, dann muss ich sagen: Wir sind breiter aufgestellt. Klar ist Tamedia bei den Immobilienportalen führend, dafür liegen wir bei den Autoportalen mit Abstand an der Spitze.

In der Öffentlichkeit wird Ringier noch sehr stark publizistisch wahrgenommen. Doch beleuchtet man Ihre jüngsten Aktivitäten, wird klar: Ringier wird mehr und mehr zu einem Versandhändler.

Ringier: Warum auch nicht? Der Versandhandel ist ein gutes Geschäft. Hubert Burda verkauft ja auch Schirmständer - was solls? Solange das Geschäftsmodell erfolgreich ist? Zudem geht es ja auch im Versandhandel um Inhalte - «Betty Bossi» gibt es auch als Fernsehsendung, übrigens eine der erfolgreichsten, die das Schweizer Fernsehen im Programm hat. Ich habe nichts dagegen, Gemüseschneider zu verkaufen und diese in unseren Printprodukten zu bewerben. Wir haben viele hunderttausend Leser. Ohne sie würde unser Versandhandelskonzept nicht funktionieren. Deshalb ist es absolut falsch, das Ende der Zeitungen und der Magazine herbei zu reden.

Bestimmt werden Sie derzeit mit Angeboten von E-Commerce-Portalen geflutet, die sich zum Kauf anbieten. Wo sehen Sie Opportunitäten?

Ringier: 90% aller Angebote schauen wir gar nicht an. Was uns interessiert, sind Unternehmen mit einem soliden Geschäftsmodell, die mit der Marketingkraft unserer Medientitel verbunden werden können.

Wie weit würden Sie gehen? Käme auch ein Sexartikel-Versandhandel in Frage?

Ringier: Auf so etwas sind wir nicht wild (lacht).

Verdienen Sie mit Zeitungen und Zeitschriften nach wie vor Geld?

Ringier: Natürlich. Die «Blick»-Gruppe und der «Blick» selber sind profitabel. Das Gratispendlerblatt «Blick am Abend» aber nicht.

Ringier hat bei Gratiszeitungen viel experimentiert: Sie haben «Heute» und «Cash» eingestellt, noch am Markt ist «Blick am Abend». Kommen bald weitere Veränderungen?

Ringier: Bei uns jedenfalls nicht.

Könnte der «Blick» dereinst gratis sein?

Ringier: Nein, im Gegenteil: Wenn schon, muss er teurer werden.

Sind Sie glücklich mit dem aktuellen Zeitungsformat des «Blick»?

Ringier: Überhaupt nicht. Darum werden wir dies auch ändern. Ob es um ein grösseres Tabloid-Format oder um die Rückkehr zum alten Format geht, ist noch offen.

Wann wird entschieden?

Ringier: In den nächsten Monaten.

Ist das Format wirklich das einzige Problem, das der «Blick» hat?

Ringier: Ein Problem kommt selten allein. Wir haben festgestellt, dass das Blatt in diesem Format zu wenig Raum bietet, um Geschichten attraktiv aufzumachen. Wir müssen uns wieder als andersartige Zeitung profilieren. Das Format ist wichtig als Bestandteil der Markenwahrnehmung.