Sie sind seit 14 Jahren sowohl CEO als auch Verwaltungsratspräsident von Galenica. In dieser Zeit ist die Gruppe um mehr als das Zehnfache gewachsen. Klammern Sie sich an die Macht?

Etienne Jornod: Ich weiss nicht, ob Macht das richtige Wort ist. Was mir gefällt, ist die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

Wo Einfluss zu nehmen?

Jornod: Überall. In der Strategie, der Führung und der Kommunikation. Das habe ich wirklich gern. Meine Macht ist relativ.

Ist ein Doppelmandat noch zeitgemäss?

Jornod: Es ist absolut falsch, zu behaupten, dass ein Doppelmandat generell ungeeignet wäre. Die Trennung der Funktionen ist nicht immer der richtige Weg. Das hängt von der Situation ab. Für Galenica war das Doppelmandat die richtige Lösung - ganz unabhängig von meiner Person.

Sie haben nach einer Drogistenlehre bei Galenica 1975 als Junior Product Manager relativ klein angefangen. Jetzt stehen Sie an der Spitze und verdienen jährlich mehrere Millionen. Sind Sie so viel wert?

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Jornod: Ich verdiene sehr viel, ich weiss. Aber wenn man die Entwicklung der Gruppe betrachtet und mit andern vergleicht - das muss man doch berücksichtigen.

Nach den Angaben der Anlagestiftung Ethos haben Sie letztes Jahr den grössten Lohnsprung gemacht, nämlich inklusive Aktien von 3,1 Mio Fr. im Jahr 2007 auf 5,3 Mio Fr. im Jahr 2008. Ist das schon die erste Tranche Ihres Abschiedsgeschenks?

Jornod: Die Zahlen von Ethos beinhalten ein Element, das erst später wirksam wird. Ich werde zusätzlich zum Lohn 1,6 Mio Fr. für die Altersvorsorge erhalten, aber erst 2011. Dann werde ich 35 Jahre in der Firma sein und mich auf die Aufgabe als Verwaltungsratspräsident beschränken.

Würden Sie eine reglementierte obere Grenze für Löhne befürworten?

Jornod: Nein, denn die Löhne müssen kompetitiv sein. Um eine Novartis oder eine Nestlé zu führen, muss man die Besten holen. Und diese kosten etwas.

Apropos Novartis: Warum beziehen Ihre Apotheken praktisch alle Generika von der Novartis-Tochter Sandoz? Es gäbe ja günstigere. Wo bleibt da der Wettbewerb?

Jornod: Wir haben unter den drei führenden Anbietern jenen ausgewählt, der uns am besten gerüstet schien und uns auch langfristig eine komplette Produktepalette anbieten kann, die auch die Kunden unserer Apotheken befriedigt. Es ist wichtig, dass Patienten in der Apotheke, wann immer möglich, die gleiche Marke erhalten, die gleiche Verpackung, die gleiche Tablette von gleicher Grösse und Farbe. Immer wieder das Produkt zu wechseln ist eine der grössten Fehlerquellen bei den Patienten, insbesondere bei älteren Personen.

Gibt es auch finanzielle Verflechtungen? Wie viele Galenica-Aktien hat Novartis?

Jornod: Novartis ist nicht Aktionärin von Galenica, aber eine exzellente Partnerin unserer Gruppe, sowohl in der Schweiz wie in gewissen ausländischen Märkten.

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Sie sind Pharmaproduzent und Apotheker. Haben Sie nie ein schlechtes Gewissen, weil Sie für die steigenden Gesundheitskosten mitverantwortlich sind?

Jornod: Im Gegenteil. Galenica leistet einen wichtigen Beitrag für das Wohlergehen in der Schweiz. Wir schaffen Mehrwert. Wir beschäftigen rund 6500 Mitarbeiter, davon 6000 in der Schweiz. Das sind auch Konsumenten, die Geld ausgeben.

Auch die Prämien müssen bezahlt werden.

Jornod: Das ist die Kehrseite der Medaille. Deshalb braucht es Kompromisse. Man muss ein gesundes Gleichgewicht finden.

Diese Aufgabe hat Bundesrat Didier Burkhalter, den Sie als Neuenburger persönlich kennen. Was erwarten Sie von ihm?

Jornod: Er wirkt ruhig, klar und bescheiden. Und genau das erwarte ich von ihm als Staatsmann: Distanz, Professionalität, Zurückhaltung, systematisches Vorgehen und einen kühlen Kopf.

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Nun sollen die Medikamentenpreise massiv sinken, nachdem sich die Pharmaindustrie und die Krankenkassen anlässlich einer gemeinsamen Studie angenähert haben. Warum geht das jetzt plötzlich?

Jornod: Es haben inzwischen alle begriffen, dass sie Kompromisse eingehen müssen. Jeder muss einen Beitrag leisten. Aber man darf nicht zu viel Druck auf Preise und Margen machen. Wir dürfen nicht vergessen, dass heute in der Schweiz direkt und indirekt über 1 Mio Menschen vom Gesundheitswesen leben.

Ja, unter anderem die Apotheker, die zusätzlich zu ihrer Marge von 15% jedem Kunden eine Taxe abknöpfen, die sie «Medikamenten-Check» nennen.

Jornod: Früher hatten die Apotheker eine Marge von bis zu 30%. Vor zehn Jahren haben sie auf ein neues System umgestellt: Die Marge wurde auf 15% beschränkt, dafür wurden diese Taxen eingeführt.

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Taxen, die von der Krankenkasse bezahlt werden. Wo bleibt da der Sinn?

Jornod: Die Taxe ist gleich hoch, egal ob ein Medikament teuer oder billig ist. So hat der Apotheker keinen Anreiz, möglichst teure Medikamente zu verkaufen. Und auf den 1. März 2010 wird die Marge auf 12% limitiert. Im Parlament gibt es zudem schon Stimmen, die von 8% reden. Wenn das kommen sollte, würde die Hälfte der Apotheken rote Zahlen schreiben und könnte langfristig nicht überleben. Denn die Konkurrenz unter den Apotheken ist dramatisch. Manche Leute denken immer noch, dass Apotheker viel Geld verdienen, aber das ist längst nicht mehr so.

Vor einem halben Jahr haben Sie die Westschweizer Apothekenkette Sun Store mit 100 Läden übernommen. Damit kontrollieren Sie direkt oder indirekt - via Partnerschaften - 365 Läden und 30% des Marktes. Was kommt als Nächstes?

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Jornod: Uns interessieren nur Apotheken, die mehr als 3 Mio Fr. Jahresumsatz machen. Zudem liegt der strategische Fokus auf guten Standorten, also Einkaufszentren, Bahnhöfen, Flughäfen und zentralen Lagen wie in Zürich die Bahnhofstrasse und das Shopville.

Haben Sie weitere konkrete Pläne?

Jornod: Wir wollen nur noch punktuell unabhängige Apotheken übernehmen oder neue eröffnen.

Wie viele?

Jornod: In den nächsten fünf Jahren etwa 50, also 10 bis 20 pro Jahr.

Fast 80% des Gewinns erzielt Galenica im Bereich Pharma, und dies fast ausschliesslich im Ausland. Wie geht es nach der Übernahme der kanadischen Aspreva und der Genfer OM Pharma weiter?

Jornod: International gesehen sind wir eine kleine Pharmafirma. Also konzentrieren wir uns auf eine Nische, die Eisenmangel-Anämie - also Blutarmut infolge Eisenmangels. Hier haben wir gute Chancen. Dort wollen wir alle unsere Trümpfe spielen.

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Warum interessieren Sie sich eigentlich nicht für den zum Verkauf stehenden Generikahersteller Mepha?

Jornod: Wir sind überzeugt, dass die Generikapreise auch in Zukunft weiter sinken werden und dass in diesem Bereich nur die Grossen weitermachen wie Sandoz, Mylan oder Teva. Sie können von grossen Produktionsvolumen profitieren, nur so kann dieses Geschäft rentabel sein. Mepha hat nicht die kritische Grösse, um langfristig ausserhalb einer grossen Gruppe bestehen zu können.

Welche Kandidaten kommen für Galenica denn in Frage?

Jornod: Pharmabetriebe, die in unserem Bereich produzieren oder über Produkte verfügen, die nahe bei unseren liegen. Aber wir haben genügend Projekte, um auch ohne Akquisitionen zu wachsen. Für die nächsten 15 Monate ist keine weitere grosse Übernahme geplant.

Das 1. Halbjahr war relativ schlecht, der Gewinn nahm nicht mehr wie in den Vorjahren um 20 bis 40% zu. Wie ist das 2. Halbjahr 2009 gelaufen?

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Jornod: Wir rechnen für das ganze Jahr mit 10% Gewinnwachstum. Das Retailgeschäft mit den Apotheken läuft gut, und die Anfangsprobleme mit dem neuen Verteilzentrum in Niederbipp sind gelöst. Bei den rezeptfreien Produkten spüren wir die Zurückhaltung der Konsumenten, zum Beispiel in England. Gut entwickeln sich die Eisenpräparate, aber in gewissen Ländern sind wir mit Generika konfrontiert - dagegen müssen wir uns wappnen.