Die bisherige Champions-League-Saison verläuft für den FC Basel nicht nur sportlich erfolgreich - auch die Kasse klingelt: Zum Startbonus von 3,9 Millionen Euro schüttet die Uefa pro Spiel weitere 550'000 Euro aus. Hinzu kommen Punktprämien (im Fall der «Bebbi» für zwei Siege und zwei Unentschieden) von gesamthaft 2,4 Millionen Euro.

Mit anderen Worten: 9,6 Millionen Euro hat der amtierende Schweizer Meister seitens Uefa bereits auf sicher - Zahlungen aus TV-Rechten und Netto-Matcheinnahmen nicht eingerechnet. Gewinnt der FCB am 7. Dezember im ausverkauften St. Jakob-Park das letzte Gruppenspiel gegen Manchester United, würden die daraus resultierende Achtelfinal-Qualifikation weitere Millionenzahlungen auslösen.

Das Spiel gegen Manchester United (ManU) steht 0:0 – und der Schiedsrichter pfeift in der 90. Minute einen Penalty für den FC Basel. Was geht Ihnen punkto Finanzen durch den Kopf?
Bernhard Heusler: Ist diese Frage ernst gemeint? In Spielen stehen der Sport und die Emotionen, nicht die Finanzen im Zentrum meiner Gefühlswelt.

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Kein Gedanke ans Geld?
Natürlich macht man sich rund um entscheidende Spiele auch Gedanken über die finanziellen Konsequenzen - beispielsweise, wenn es um die Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League (CL). Da kann es in einem Spiel gut und gerne um 20 Millionen Franken gehen, womit der Jahresumsatz um rund die Hälfte erhöht würde.

Wir reden aber auch gegen ManU von 3,8 Millionen Euro - 800'000 als weitere Siegprämie, 3 Millionen für die Achtelfinal-Qualifikation -, die auf den Schultern des Penaltyschützen lasten.
Auf dem Schützen lastet ein ganz anderer Druck: Mit dem Penalty bei diesem Spielstand könnte er einen der grössten Erfolge im Schweizer Clubfussball realisieren. Ich empfinde grossen Respekt vor der Belastbarkeit der Spieler, die solche Drucksituationen bewältigen. Zu der von Ihnen erwähnten Uefa-Prämie käme die Aussicht dazu, im Februar ein weiteres Topspiel austragen zu können.

Von welchem Betrag reden wir dabei?
Ein CL-Heimspiel generiert - ohne Prämien der Uefa - einen Netto-Deckungsbeitrag von 1,5 Millionen Franken, was rund dem Vierfachen eines Meisterschaftsspiels entspricht.

In dieser Saison konnten Sie dank erstmaliger Direktqualifikation die CL-Einnahmen bereits fix budgetieren.
Das ist nicht ganz richtig, da wir das Budget jeweils pro Kalenderjahr und nicht pro Saison erstellen. Die im Mai sichergestellte Direktqualifikation führt Mitte Jahr zur erhofften Budgetkorrektur nach oben. Allerdings fehlen uns im Vergleich zum Vorjahr die 4 bis 5 Millionen Franken, die in einem Play-Off-Spiel, wie heuer jenem des FC Zürich gegen Bayern München, eingenommen werden können. Dies ist eine Folge des Marketpool-Systems der Uefa, das sich bei Vereinen aus Ländern mit einem kleinen TV-Markt als Strukturfehler erweist.

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Wie ist dieser Fehler entstanden?
Wer direkt für die Gruppenphase qualifiziert ist, kassiert automatisch aus dem TV-Pool der Uefa. In der Bundesliga erhielten die beiden Erstklassierten, Dortmund und Leverkusen, als quasi «Ausfallentschädigung» für die «entgangenen» Play-Off-Spiele je 50 Prozent von rund 18 Millionen Euro, die Deutschland zustehen. Wir als direkt Qualifizierter der Schweiz erhielten zwar aus jenem TV-Topf 100 Prozent – reden hier aber aufgrund des vergleichsweise bescheidenen TV-Preises der CL-Spiele in der Schweiz von wenigen Hunderttausend Franken.

Der Fussball hat zuletzt leider auch für viele negative Schlagzeilen gesorgt - insbesondere im Zusammenhang mit Ausschreitungen vor und in den Stadien.
Ich bitte um Differenzierung. Zum Teil wird ganz gezielt ein negatives Bild gezeichnet. Ich habe bei gewissen Medienberichten den Eindruck, dass sich eine Wahrnehmungsdifferenz entwickelt zwischen dejenigen, die wirklich im Stadion sind und sich mit dem Fussballsport auseinandersetzen, und jenen, die sich nur über die Medien informieren. Interessant ist, dass dieser Graben auch zwischen Sportjournalisten und den Journalisten anderer Bereiche derselben Medien feststellbar ist.

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Eine Verzerrung, die zu Übertreibungen führt?
Zu Übertreibungen und - etwa im Bereich der Sicherheit - zu realitätsfremden Erwartungen: Der Fussball und mit ihm die Vereine können gegenüber den Zuschauern weder als Staatsgewalt auftreten, noch versäumte Erziehungsaufgaben wahrnehmen. Wir bieten eine Plattform, die Emotionen weckt und fördert. Natürlich wäre ideal, es würden dadurch nur positive Emotionen frei. Das funktioniert nicht, da es sich bei den Zuschauern um Menschen unserer Gesellschaft handelt. Der Fussball nimmt eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Zusammenleben ein – und da gibt es bis zu einem gewissen Punkt auch negative Auswüchse. In der ganzen Diskussion geht die Bedeutung des Fussballs für unsere Gesellschaft völlig vergessen.

Tönt das nach Frustration?
Auf keinen Fall. Wir arbeiten hart daran und dürfen uns nicht durch negative Einflüsse vom eingeschlagenen Weg abbringen lassen. Da braucht es auch mal etwas Rückgrat und Nehmerqualitäten - und vor allem viel Energie, um uns immer wieder für den Fussballsport und die Fans einzusetzen. Denn je mehr die verzerrte Aussensicht zur Meinung des «Mainstream» wird, desto grösser ist die Gefahr, dass sich die Leute vom «Ereignis Fussball» abwenden und den Spielen fernbleiben.

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Wie in Italien...
... was wir uns als abschreckende Beispiel vor Augen halten müssen. Der Zuschauerschnitt in der «Serie A» ist mittlerweile niedriger als beim FCB. Allerdings hängen dort die Clubs nur zu 15 Prozent von den Matcheinnahmen ab – bei uns sind es gut und gern 70 Prozent.

Eine dieser vielleicht verzerrten Aussensichten ist die, dass sich die Clubs gegen Massnahmen wehren.
Richtig. Wenn wir eine Sicherheitsmassnahme in Frage stellen oder ablehnen, dann nicht, weil wir die Interessenvertreter einer kleinen Gruppe von Fans sind, sondern weil wir über eine gewisse Erfahrung verfügen und schon schmerzhaft haben erleben müssen, dass nicht durchdachte Massnahmen kontraproduktiv für die Sicherheit sein können. Und so lange man in letzter Konsequenz in der Schweiz - im Gegensatz zu Deutschland und England - die Clubs für die Polizeikosten zur Kasse bitten will, muss unser Wort entscheidendes Gewicht haben.

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Trotzdem ist es ein Kampf gegen einen möglichen Imageschaden.
Ja, aber auch hier müssen wir ein Mindestmass an Fairness bewahren und unterscheiden: Wenn der FCB Spiele kaufen, Gesetze verletzen oder sich Spieler und Exponenten Übergriffe leisten würden, dann wäre die Glaubwürdigkeit des Unternehmens FC Basel betroffen. Heute wird das in der Wahrnehmung komplett vermischt: Man hat das Gefühl, dass ein Club für das Verhalten aller Zuschauer haften soll - am liebsten auch ausserhalb der Spiele, so wie ein Arbeitgeber für seine Angestellten einstehen muss. Das ist nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich höchst fragwürdig. Fussballclubs sind aufgrund der Durchführung der Spiele eben keine Zustandsstörer, auch wenn diese und dort behauptet wird.

Sie haben Fussball als «Plattform der Emotionen» bezeichnet. Was bedeutet dies im Bezug auf das Spiel gegen ManU?
Wir verkaufen emotionale Erlebnisse, auch Träume - keine nackten Resultate. Nur schon zu spüren, wie dieses Spiel seit Tagen das Thema in der Stadt ist, ist für mich Bestätigung dafür, warum wir uns für diesen Club einsetzen. Das Spiel selbst werde ich einfach geniessen.

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Und nach einem Sieg kommt ihr Wunschgegner Real Madrid im Achtelfinal?
(lacht) Stimmt. An diese Aussage bei der Gruppenauslosung in Monaco habe ich gar nicht mehr gedacht. Das könnte Realität werden.

Die Achtelfinals nur als Konjunktiv: Falsche Bescheidenheit?
Nein, ausgeprägter Realitätssinn. Bis heute habe ich noch keinen Zusammenhang zwischen den Erfolgen einer Mannschaft und den vollmundigen Ansagen auf den Chefetagen feststellen können - eher das Gegenteil.

Sie «freuen» sich lediglich auf das Spiel. Ist das nicht eine gefährliche Ansage eines Firmenchefs an die Angestellten?
Nein. Freude ist der wichtigste Antrieb für Menschen unter Leistungs- und Erfolgsdruck. Spieler - wie auch «normale» Angestellte - bringen dann die beste Leistung, wenn sie diese mit Freude abrufen können – und nicht durch den Aufbau von Druck. Wir funktionieren nicht nach dem andernorts gelebten System, möglichst einen Lautsprecher an der Spitze des Clubs zu haben, der nach Niederlagen beleidigt reagiert und in der Garderobe seine Spieler zusammenstaucht, weil alle verwöhnte Millionäre seien.

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Und nach der Achtelfinal-Qualifikation ist Xherdan Shaqiri seine 16,5 Millionen Franken wert, wie auf Transfermarkt.ch schon heute nachzulesen ist.
(lacht) Auf dieser Plattform schätzen Journalisten und Agenten die «Werte» der Spieler, in der realen Welt wird der Marktwert durch Angebot und Nachfrage bestimmt.

Trotzdem ist das von der Börse bekannte Sprichwort «Buy low, sell high» im Falle eines Shaqiri nicht einfach anzuwenden. Haben Sie nie Angst, den richtigen Verkaufszeitpunkt zu verpassen?
An der Börse beeinflussen rein wirtschaftliche Überlegungen den Verkaufsentscheid – im Fussball ist das komplexer. Wer heute 8 Millionen und im Sommer vielleicht «nur» noch 6 Millionen wert ist, trägt vielleicht entscheidend zu einer CL-Qualifikation bei und generiert so weit mehr als die negative Differenz auf einen möglichen Verkaufserlös. Dazu kommt die sportlich-emotionale Komponente: Für viele Fans ist der Abgang eines Spielers eine Art Verletzung eines Treueschwurs, der dem Verein und dem Spieler übel genommen wird.

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Bleiben wir bei der Analogie zur Börse: Ein Spieler wie Shaqiri ist ja weniger eine Aktie, denn viel mehr eine Option. Sprich: Irgendwann kann er ablösefrei gehen, der Zeitwert läuft gegen Sie.
Genau deshalb ist das Vertrags- und Personalwesen die wichtigste Führungsaufgabe eines Schweizer Club-Präsidenten.

Gerade in dieser Beziehung können Sie das Jahr 2011 vergleichsweise ruhig ausklingen lassen. Ihre Belegschaft ist an Bord und funktioniert.
Das stimmt nur bedingt, da derzeit die im 2012 und 2013 auslaufenden Verträge angeschaut werden müssen. Hinzu kommen, dass wir uns aktuell sehr gegen Avancen von Clubs aus den Top-Ligen für Spieler unserer Nachwuchsabteilung wehren müssen.

2011 wird sportlich und wirtschaftlich sehr erfolgreich sein.
Der wirtschaftliche Erfolg ist natürlich Resultat der sportlichen Leistungen. Ja, ich bin entspannt...

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... auch weil Sie wissen, niemanden verpflichten zu müssen.
(lacht) Für die letzten Spiele im Dezember?

Nein, mit längerfristiger Optik – insbesondere auch an der Seitenlinie...
... (lacht) Sie merken, ich weiche aus. Die Gespräche werden plangemäss geführt – wir stehen in engem Kontakt zu allen. Heiko Vogel macht eine hervorragende Arbeit. Dessen ungeachtet halten wir uns an den Vorgehensplan und fällen den Entscheid, wenn er reif ist. Nicht die Medien, sondern wir bestimmen unsere Agenda.

Lesen Sie mehr zum FC Basel als KMU-Unternehmen und den wirtschaftlichen Herausforderungen im nationalen und internationalen Fussballgeschäft in der neuen «Handelszeitung», am Donnerstag am Kiosk.