Rund einen Monat, nachdem Sie in den UBS-Verwaltungsrat gewählt wurden, haben Sie Ihr Aktienpaket von 1 Mio Aktien der Grossbank UBS verkauft, warum?

Rainer-Marc Frey: Nachdem sich die Märkte im Verlaufe des Jahres laufend verschlechtert hatten, ist mit dem Kollaps von Lehman Brothers eine völlig neue, sehr negative Konstellation aufgetreten. Daher habe ich beschlossen, meine gesamten privaten liquiden Aktienbestände zu verkaufen, darunter auch meine UBS-Position. Dies war zudem meine grösste Einzelposition.

Hatten Sie Insiderinformationen, dass sich der Zustand der UBS verschlechtern würde, die Sie bewogen, Ihre UBS-Papiere zu veräussern?

Frey: Selbstverständlich nicht.

Allerdings wurde Ihr Verkauf von einigen Investoren so interpretiert?

Frey: Das ist falsch. Ich habe als Privatperson gehandelt, und zwar in einer aussergewöhnlichen Situation, in der Marktrisiken derart zugenommen hatten, dass ich zum Schutze meines Vermögens handeln musste. Ich bedaure, dass gewisse Leute dies so interpretiert haben. Es ging mir aber einzig und allein um eine private unternehmerische Entscheidung zum Schutz meines selbst erarbeiteten Vermögens. Allerdings habe ich dies ungenügend kommuniziert.

Wenn Sie als UBS-VR in einer Krisensituation Ihre UBS-Titel abstossen, bedeutet dies doch, dass Sie nicht mehr an die Grossbank glauben. Für eine Bank, die in einer Finanzkrise steckt und staatliche Hilfe braucht, ist dies ein katastrophales Signal.

Frey: Ich verstehe, dass das so interpretiert werden kann. Ich hatte zu wenig an diese Wirkung gedacht. Ich bedaure dies sehr. Das war nicht meine Absicht. Für mich ist klar: Die UBS ist eine sehr sichere Bank.

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Es ist etwas anderes, wenn Sie generell Ihren Aktienbestand verkaufen, als wenn Sie als UBS-VR die Papiere der eigenen Bank abstossen. Wieso haben Sie nicht wenigstens diese Titel behalten?

Frey: Mein Aktienverkauf war ein Fehler. Im Rückblick war es aber insbesondere ein Fehler, dass ich im Juli eine so grosse Position an UBS-Aktien gekauft hatte. Damals wollte ich ein positives Zeichen setzen. Ich hatte für 1 Mio Aktien 22 Mio Fr. bezahlt. Das ist enorm viel Geld. Angesichts der Gesamtsituation an den Finanzmärkten, die durchwegs stark gefallen sind, war ich gezwungen, alle Aktien, auch die UBS-Papiere, abzustossen. Ich hätte bei meiner Wahl in den Verwaltungsrat nur eine kleinere Position kaufen und diese dann trotz drohender Verluste behalten sollen. Ich bin der einzige Verwaltungsrat, der aktiv so viel in die eigenen Papiere investiert hat. Tatsache ist: Ich habe mit den UBS-Aktien weit über 4 Mio Fr. verloren. Aber im Nachhinein sind wir immer alle klüger.

Tatsache ist auch, dass Ihr Verkauf den Vertrauensverlust in die UBS verstärkt hat.

Frey: Ich bedaure dies sehr und mir ist bewusst, dass ich damit bei vielen Menschen Vertrauen verloren habe. Dies tut mir für die UBS und insbesondere für ihre Mitarbeitenden, die eine ausserordentliche gute Arbeit leisten, sehr leid. Ich möchte mich bei ihnen entschuldigen. Allerdings bin ich als Experte und Fachmann in den VR der UBS gewählt worden und nicht als Investor. Immerhin bin ich jetzt freier, als VR unternehmerisch wichtige Entscheidungen zu fällen, gerade weil ich nicht mehr nur Aktionär bin und somit die Interessen aller Anspruchsgruppen, also auch diejenigen des Steuerzahlers, im Auge haben kann.

Derzeit halten Sie keine UBS-Aktien mehr. Werden Sie wieder Papiere der Grossbank kaufen, um Ihr Vertrauen zu beweisen?

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Frey: Ich kann mir vorstellen, gelegentlich wieder eine Position zu erwerben.

Der Privatbanker Jacques Rossier hat Sie zum Rücktritt aus dem UBS-VR aufgefordert. Denken Sie darüber nach?

Frey: Nein, ich halte es für grundfalsch, jetzt davonzulaufen. Ich werde meine ganze unternehmerische Erfahrung und Kraft einbringen, um der UBS zu helfen, diese grosse Wirtschaftskrise erfolgreich zu meistern. Die UBS ist mehr als eine Bank, sie ist eine zentrale Institution für die Schweizer Wirtschaft.

Welchen Beitrag leisten Sie im VR zur Bewältigung der UBS-Krise?

Frey: Meine Stärke liegt in der Beurteilung der internationalen Finanzmärkte. Ich bin aus diesem Grund in den Risiko- und den Strategieausschuss gewählt worden. Gerade jetzt fühle ich eine besondere Verpflichtung, mein Wissen und Können für diese Bank einzubringen. Finanzielle Absichten habe ich keine.

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Dann könnten Sie ja gleich auf Ihr VR-Honorar verzichten?

Frey: Das mache ich bereits.

Können Sie genauer werden?

Frey: Ich wollte dies eigentlich nicht öffentlich machen. Ich hatte schon vor meinem Amtsantritt als UBS-VR beschlossen, dass meine gesamten VR-Honorare an meine karitative Stiftung, die Frey Charitable Foundation, geht. Diese wohltätige Stiftung unterstützt unter anderem benachteiligte Kinder in verschiedenen sozialen Projekten und fördert soziales Unternehmertum.

Wie hoch ist das VR-Honorar, das Sie der Stiftung zur Verfügung stellen?

Frey: Im Moment sind es ein paar hunderttausend Franken pro Jahr.

Wie wurde Ihr Aktienverkauf innerhalb des UBS-Verwaltungsrates aufgenommen?

Frey: Er wurde mit Bedauern aufgenommen. Der VR-Präsident hat mit mir gesprochen.

Hat er Druck auf Sie ausgeübt oder Sie zum Rücktritt aufgefordert?

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Frey: Nein. Ich bin völlig unabhängig und damit hat sich meine Handlungsfähigkeit eher erhöht.

Wie handlungsfähig ist denn überhaupt der UBS-VR: Da gibt es auch wegen der öffentlichen Kritik von UBS-Vizepräsident Sergio Marchionne an der UBS-Spitze erhebliche Zweifel.

Frey: Verwaltungsratspräsident Peter Kurer leistet eine ausgezeichnete Arbeit in einem hoch komplexen Umfeld. Elf von zwölf Verwaltungsräten sind externe Mitglieder. Vier sind erst vor wenigen Wochen neu dazu gestossen. Dieses Gremium muss sich zuerst noch finden.

Würden Sie widersprechen, dass der UBS-VR ein ähnlich zerstrittenes Gremium ist wie zeitweise der Bundesrat?

Frey: Wir sind nicht zerstritten. Es wird in unserem Gremium aber hart und offen diskutiert. Es ist logisch und legitim, dass es in einer Phase von hoher Unsicherheit auch oft sehr unterschiedliche Meinungen gibt.

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Wo gab es die grösste Uneinigkeit?

Frey: Dazu kann ich mich verständlicherweise nicht äussern.

Die UBS-Aktien fielen letzte Woche auf ein Allzeittief und haben sich zum Wochenbeginn wieder teilweise erholt. Wie sicher ist die UBS heute?

Frey: Die UBS ist eine sehr sichere Bank. Ich habe selbst viel privates Geld auf Konten bei der UBS deponiert. Durch die Staatshilfe und die Auslagerung von riskanten Papieren wurde die Stabilität nochmals massiv erhöht. Ich bin zuversichtlich, dass die Bank wieder auf Kurs kommt.

Rechnen Sie damit, dass die UBS künftig noch weiteres Kapital braucht?

Frey: Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Wenn sich die Finanzmärkte nochmals verschlechtern sollten, ist aber alles möglich.

Wie kommt es bei Ihnen an, wenn Daniel Zuberbühler, der Direktor der Eidgenössischen Bankenkommission erklärt, eine weitere Stützungsaktion der UBS sei nicht auszuschliessen. Da werden doch auch neue Ängste geweckt?

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Frey: Nein, im Gegenteil: Es ist für den Markt gut zu wissen, dass im Notfall der Staat nochmals Kapital zur Verfügung stellen würde.

Am Markt wurde wegen Ihres Verkaufs des UBS-Pakets auch darüber gemunkelt, dass Sie persönlich und Ihre Horizon21 Finanzprobleme hätten und es darum zu einem Notverkauf gekommen sei.

Frey: Ich bin bei Horizon21 als Aktionär und Verwaltungsratspräsident involviert, bin aber nicht operationell tätig. Die Firma wird von einem hochkompetenten, international erfahrenen Managementteam geleitet. Auch für Horizon21 hat sich die Situation seit dem Kollaps von Lehman Brothers dramatisch verschlechtert. Die Verwerfungen an den Kreditmärkten sind sehr viel schlimmer als an den Aktienmärkten. Unter sehr grossem Zeitdruck haben wir insbesondere die Abhängigkeiten von anderen Gegenparteien massiv reduziert.

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Wie sicher ist Horizon21 aufgestellt?

Frey: Horizon21 ist ein ausgesprochen solides Unternehmen. Wir sind zu 100% eigenfinanziert, haben keine Kredite und keine Schulden. Wir sind auch in diesem Jahr operativ profitabel, und wir werden dies auch 2009 sein.

Immerhin bauen Sie 10% Ihrer Mitarbeiter ab.

Frey: Das müssen wir doch als Unternehmer. Wenn sich die Fakten fundamental ändern, müssen wir unseren Mitarbeiterbestand den neuen Umständen anpassen. Alles andere wäre leichtsinnig. Wir waren in unserem Unternehmen auf Wachstum ausgerichtet und haben erkannt, dass dies in nächster Zeit nicht mehr möglich sein wird. Da haben wir sofort Konsequenzen gezogen.

Ist auch Ihre persönliche Finanzlage stabil?

Frey: Ja, eindeutig. Selbst nach der jetzigen Korrektur geht es mir sehr gut. Aber ich will keine grossen Risiken eingehen, daher habe ich an vielen Fronten reagiert.

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Lesen Sie im weitere Aussagen Rainer-Marc Freys zur Finanzkrise.