Reisen Sie gern?

Harry Hohmeister: Ja! Nur schon berufsbedingt bin ich sehr viel unterwegs. Gerade eben war ich in Tokio, jetzt befinde ich mich auf dem Erstflug mit der A330-300 nach New York. Und am Wochenende werde ich dann mal wieder selber fliegen.

Was fliegen Sie denn?

Hohmeister: Ach, nur Leichtflugzeuge, einmotorige Zweisitzer. Ich fliege mit Karte und nach Sicht, also nichts Kompliziertes.

Was fasziniert Sie am Airline-Geschäft?

Hohmeister: Zum Beispiel, dass ich es mit sehr vielen Menschen zu tun habe. Statistisch gesehen sind drei Viertel unserer Angestellten im Service-Bereich tätig, ob im Verkauf, in der Kabine oder im Cockpit. Sie stehen in direktem Kundenkontakt, und damit bin auch ich sehr nahe am Tagesgeschäft dran. Ich bekomme viel über unsere Produkte mit, auch ausserhalb der Bürozeiten. Wann immer ich mich privat mit Menschen treffe, haben die etwas zu unserem Unternehmen zu sagen. Das ist bei Swiss so, war aber auch während meiner Zeit bei Lufthansa und Thomas Cook so.

Sie nehmen Reklamationen entgegen?

Hohmeister: Privat sind Menschen oft ehrlicher (schmunzelt). Aber ich kriege durchaus auch positive Rückmeldungen.

Eine Fluggesellschaft profitabel zu führen, ist ein echtes Kunststück. Liegt Ihnen diese Herausforderung?

Hohmeister: Ich mag Herausforderungen und versuche, viele komplexe Themen unter einen Hut zu bringen. Es gilt, aus unterschiedlichen Informationen die richtigen herauszufiltern, die es für einen Entscheid braucht. Dazu braucht es auch Glück, aber ist sicher auch gelernt. Schliesslich ist Swiss meine mittlerweile siebte Airline in 20 Jahren, für die ich arbeite.

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20 Jahre Erfahrung sind noch kein Garant für Erfolg.

Hohmeister: Das stimmt und deshalb ist mein Blick auch immer in die Zukunft gerichtet. Meine Arbeit ist auch mein Hobby. Ich gehe jeden Tag gerne und motiviert ins Büro - auch wenn wir jetzt unter schwierigen Bedingungen arbeiten.

Kommen Sie bei Ihren Angestellten gut an, weil Sie ein Flugzeug lenken können?

Hohmeister: Das müssen Sie die Angestellten fragen. Es ist sicher ein Vorteil, wenn man die gleiche Sprache spricht. Viele unserer Angestellten arbeiten an der Front und sind mit unseren Kunden jeden Tag in Kontakt. In Gesprächen mit ihnen erhalte ich so wichtige Feedbacks und Impulse. Aber auch die Mitarbeiter erfahren dabei, welche Themen das Management beschäftigten. Dialog ist wichtig. Deshalb führe ich sehr gerne Gespräche mit unseren Angestellten und nutze daher jede Gelegenheit dazu.

Sie arbeiten für die mittlerweile siebte Airline, sagten Sie. Was bedeutet Ihnen die Swiss?

Hohmeister: Sie ist mir ans Herz gewachsen. Als ich 2005 zu Swiss kam, war ich mir nicht sicher, wie lange ich bleiben würde und ob das überhaupt funktioniert. Ich sagte damals zu meiner Familie, die noch in Frankfurt wohnte: «Ihr bleibt mal schön alle da, wo ihr seid. Ob wir dann wirklich in die Schweiz umziehen, werden wir dann sehen.» Nach ein paar Monaten war dann klar, dass das eine Erfolgsgeschichte werden kann. Was ich bei Swiss unter anderem sehr positiv erlebe, ist, dass wir in allen Funktionen sehr kompetente Leute haben, die einen hervorragenden Job machen, die zum Teil mehr leisten als sie müssen, und die ein hochgradiges Vertrauen in die Führungsmannschaft setzen. Das ist aussergewöhnlich.

2005 war die Stimmung aber anders.

Hohmeister: Stimmt, damals gab es noch die unterschiedlichen Camps - Swissair, Crossair und so weiter. Aber das hat sich weitestgehend gelegt. Wir haben etwas erreicht, was ich bei keiner anderen Airline gesehen habe: Wir haben eine gemeinsame neue Identität geschaffen. Ich glaube, dass sich die überwiegende Mehrheit der Angestellten heute als Teil der Swiss-Familie fühlt. Mir geht das genauso.

Was haben Sie dazu beigetragen?

Hohmeister: Ich habe meine Erfahrungen mitgebracht. Aber das hätten vielleicht auch Berater tun können. Wichtig war und ist für mich eigentlich mehr, dass wir uns im Managementteam auf eine Linie gestellt haben und das Unternehmen ohne Egoismus und ohne eigene Agenden nach vorne bringen konnten.

Was wollen Sie beruflich noch erreichen?

Hohmeister: Ehrlich gesagt, persönlich habe ich bereits mehr erreicht, als ich mir ursprünglich vorgenommen habe.

Was war Ihr Bubentraum?

Hohmeister: Also früher, als ich bei der ersten Airline angefangen habe, habe ich mir gesagt: «Wenn du mal Stationsleiter am Flughafen Bremen wirst - da komme ich her - oder gar eine kleine Airline leiten kannst, bist du doch ganz gut im Leben aufgestellt.» Nun bin ich bei einer Top-Airline, mit Top-Angestellten und in einer Top-Position. Irgendwer hat das organisiert (schmunzelt).

CEO-Angebote anderer Airlines haben Sie in Ihrer Zeit bei Swiss abgelehnt?

Hohmeister: In den vergangenen drei, vier Jahren habe ich einige Mal Nein gesagt, richtig. Ich wollte nicht CEO von irgendeiner Airline werden, nur damit ich weiterkomme. Lieber bin ich bei Swiss geblieben, damit ich das Unternehmen weiter auf seinem Erfolgsweg begleiten konnte.

Welche Führungsprinzipien leben Sie?

Hohmeister: Ich will Ziele setzen und diese transparent vermitteln. Das ist gerade dann unerlässlich, wenn man in ständig wechselnden Teams arbeitet. Wichtig ist mir zudem die Personalentwicklung. Ich lasse Angestellte zum Beispiel ganz bewusst im Unternehmen zirkulieren - wer veränderungsfähig ist, bleibt motiviert und kümmert sich um unsere Firma. Dann lese ich mir regelmässig die zehn Gebote des Airline-Geschäfts durch.

Zehn Gebote - eingerahmt über Ihrem Schreibtisch?

Hohmeister: Nein, das Blatt habe ich meistens in Griffnähe. Jetzt liegt es in meiner Aktentasche.

Was war Ihre erste Handlung bei Swiss?

Hohmeister: Ich habe mir ein Blatt Papier genommen und in ein paar Punkten aufgeschrieben, was ich mit den Angestellten und für Swiss erreichen will.