Sie sind nun ComCom-Chef und Postreg-Chef ? Economiesuisse findet, in der Bahnbranche brauche es auch noch einen Regulator. Sind Sie offen für das Amt?

Marc Furrer: Den Bahnregulator gibt es schon. Den Job macht Andreas Herczog.

Herczog ist aber nur Chef der Schiedskommission im Eisenbahnverkehr, welche über den Netzzugang wacht.

Furrer: Ich würde auf keinen Fall einen zusätzlichen Regulatorenjob machen. Erstens bin ich genügend ausgelastet. Zweitens ist es in vielen EU-Ländern Usus, dass die Regulierungen für die Telekom- und die Postbranche zusammen sind.

Gibt es für den Postregulator per se wenig zu regulieren und nicht nur, weil ihm derzeit Kompetenzen fehlen?

Furrer: Jetzt haben wir tatsächlich sehr wenig Kompetenzen. Wir versuchen, innerhalb der neuen Verordnung für die Senkung des Briefmonopols per April 2009 die gesetzliche Grundlage zu verbessern.

Welche Massnahmen können Sie gegen Quersubventionierung ergreifen? Einen Konzessionsentzug etwa?

Furrer: Wenn man etwas öffentlich an den Pranger stellt, wird das in der Regel auch geändert. Der Post können wir natürlich nicht die Konzession entziehen. Eigentlich haben wir wenig Sanktionsmöglichkeiten, darum braucht es so schnell wie möglich das neue Gesetz. Auch bei Monopolmissbrauchsvorwürfen sowie Streitereien zwischen dem Staatsbetrieb und Privaten haben wir wenig Sanktionsmöglichkeiten.

Gibt es einfach eine weitere Liberalisierung ohne entsprechende Regulierung?

Furrer: Das Postgesetz will eine Marktöffnung, und eine Marktöffnung ohne Regulierung macht keinen Sinn. Der Zugang zu Postfächern, Sortieranlagen, all das muss im Gesetz geklärt werden.

Die Privaten wollen für einen allfälligen Einstieg in den Briefmarkt jetzt wissen, wie diese Zugangsfragen geregelt werden.

Furrer: Die nächsten drei, vier Jahre, bis das Postgesetz steht, können wir Fragen des Teilmarktzugangs nicht abschliessend klären. Dazu braucht es das neue Gesetz.

Dann erwarten Sie auch nicht, dass bei der Senkung auf 50 g nächstes Jahr jemand in den Briefmarkt einsteigt?

Furrer: Die Senkung ist grundsätzlich richtig, wird aber nicht viel auslösen.

Und bei der Aufhebung des Monopols?

Furrer: Auch dann wird es nicht riesige Marktanteilsverschiebungen geben. Die Privatanbieter interessieren sich für Massen- und Qualitätslieferungen für Geschäftskunden und weniger für das herkömmliche Briefgeschäft. Die Post wird also nicht untergehen, aber man muss ihr auch die Entwicklungsfreiheiten geben.

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Braucht es dazu eine Banklizenz?

Furrer. Klar ist, dass das Bankengeschäft der Post der Finanzmarktregulierung unterstellt werden muss. Ich habe aber von Anfang klar gemacht, dass es keinen Sinn macht, wenn der Postregulator über das Bankengeschäft befindet. PostFinance ist ein Finanzinstitut. Deshalb will ich mich auch nicht zur Banklizenz äussern.

Wieso muss der Postmarkt weiter liberalisiert werden? Konsumenten zahlen nicht weniger und haben nicht mehr Wahl?

Furrer: Es gilt den Sinn jedes Monopols zu hinterfragen. Es gibt Monopole, die gerechtfertigt sind. Aber dort, wo es keine Gründe gibt für ein Monopol, ist es aufzuheben. Für die KMU und wohl auch für die einzelnen Kunden wird die Postmarktliberalisierung sehr wohl tiefere Preise und mehr Auswahl bringen. Doch es wäre illusorisch zu glauben, dass die A-Post-Briefe am Ende des Briefmonopols auf 90 Rp. sinken. Hinzu kommt aber, dass die Schweizer Post Zugang zu ausländischen Märkten will, da können wir nicht unseren Markt versperren und uns zugleich munter in den freien ausländischen Postmärkten tummeln.

Das heisst, Sie rechnen damit, dass die Gegenseitigkeitsklausel der EU verstärkt auf die Schweiz angewendet wird.

Furrer: Diese Klausel wird in Zukunft hart angewendet werden, das sieht man auch im Telekommarkt. Die ausländischen Player fragen sich, wieso ihre Firmen in der Schweiz eine andere Marktsituation antreffen sollen als die Schweizer in der EU.

Geht es im Telekommarkt zurück zum Monopol?

Furrer: Ich hoffe es nicht. Die Preise sind seit der Liberalisierung 1998 um bis zu 80% gesunken. Gleichzeitig steigt aber der Marktanteil von Swisscom kontinuierlich. Das beobachten wir mit Sorge.

Es geht also in Richtung Monopol?

Furrer: Es gibt Anzeichen dafür. Das Problem in der Schweiz war, dass wir die Liberalisierung viel zu spät vollzogen haben. Nun haben wir eine schwierige Situation. Aber ich will nicht die Hände in meinen Schoss legen und resignieren. Wir müssen unter allen Umständen verhindern, dass Swisscom bald wieder 70, 80 und mehr Prozent Marktanteile hat.

Und wie wollen Sie das erreichen?

Furrer: Es braucht einen vernünftigen Preis und faire Konditionen bei der Entbündelung der letzten Meile. Und wir wollen, dass es bei Glasfaseranschlüssen zu und in den Gebäuden einen offenen Zugang gibt, den alle nutzen können. Ich will keine neue Monopolsituation. Deshalb berufe ich eine Konferenz aller CEO der Telekomanbieter ein, um eben diese Fragen zu diskutieren und daraus die Konsequenzen zu ziehen. Aber ich bin auch nicht so pessimistisch.

Wie bitte?

Furrer: Sunrise und Tele2 etwa haben jetzt sehr aggressive Angebote lanciert, die auch Swisscom bewegen werden.

Aber Sunrise wie Tele2 legen dabei drauf.

Furrer: Das ist wieder eine Frage des Entbündelungspreises. Ob Kupfer oder Glasfaser, es braucht Regulierung. Das fordern inzwischen alle. Andernfalls wird Swisscom den ganzen Kuchen alleine essen.

Nicht nur im Festnetzbereich verlieren die grossen Herausforderer Marktanteile, sondern auch dort, wo sie eine eigene Infrastruktur haben: Im Mobilfunk.

Furrer: Das überrascht mich auch. Aber ich muss auch sagen, dass Swisscom einen guten Job macht ?

? und die nötigen finanziellen Mittel hat.

Furrer: Das stimmt schon. Doch auch mit viel Geld kann ein Unternehmen viel falsch machen. Ein Grund, weshalb es die Herausforderer so schwer haben, sind die Schweizer. Viele wollen ihren Anbieter nicht wechseln. Zudem hatten Sunrise, Orange und nun auch Tele2 beim Bau der Handyantennen erheblichen Rückstand.

Was jetzt?

Furrer: Der Markt spielt und wir können da kaum eingreifen. Ich bin froh, dass es Orange, Sunrise und Tele2 noch gibt. Konkret sehe ich nur eine Möglichkeit, wie die Alternativen ihre Position ausbauen könnten.

Und die wäre?

Furrer: Durch die Reduktion der Infrastrukturkosten, z.B. durch ein gemeinsames Netz. Ich sage das, obwohl diese Idee dem ursprünglichen Konzessionsgedanken widerspricht. Aber nach zehn Jahren darf man seine Prinzipien auch mal überdenken (lacht).

Sie fordern also ein Duopol im Mobilfunk.

Furrer: Keinesfalls. Sunrise und Orange sollten nur ihre Mobilfunknetze zusammenlegen, nicht aber ihre Angebote und Dienste. Das Netz könnte zum Beispiel in eine separate Gesellschaft ausgelagert und damit erhebliche Kosteneinsparungen realisiert werden. Nur wenn Orange und Sunrise ihre Preise, und damit auch ihre Kosten, senken können, gewinnen sie Marktanteile.

Denselben Ansatz könnte man doch auch im Festnetz anwenden.

Furrer: Natürlich. Aber man hat sich vor Jahren für eine andere Lösung entschieden. Trotzdem sollte man sich überlegen, ob man nicht ein Glasfasernetz für alle haben sollte. Zudem müssen die Zugänge von allen benutzt werden können. Hier zeigt sich Swisscom unter der neuen Führung auch wesentlich gesprächsbereiter als unter der alten.

Kein Wunder: Swisscom kontrolliert alles.

Furrer: Swisscom könnte ihre Herausforderer mit deutlichen Preissenkungen aus dem Markt drängen, ja. Das stimmt. Was uns hilft, damit das nicht passiert, ist das Image von Swisscom. Wird dieses durch Klagen von uns oder Abzocker-Vorwürfe angekratzt, handelt das Unternehmen. Der eigene Ruf ist Swisscom wichtig.

Ist den Politikern die Situation im Telekommarkt überhaupt bewusst?

Furrer: Seien wir ehrlich: Mit Vorstössen im Fernmeldebereich gewinnt niemand Wahlen. Trotzdem ist dieser Wirtschaftszweig essenziell für die Schweiz. Deshalb suche ich in letzter Zeit auch wieder vermehrt den Kontakt mit Politikern.

Wie liberalisierungsfreudig erleben Sie die Schweizer Politik?

Furrer: Die ist nicht sehr liberalisierungsfreudig. Der Boden für Marktöffnungen ist hierzulande sehr steinig. Es gibt immer starke Bedenken, die staatseigenen Betriebe könnten im geöffneten Markt vor die Hunde gehen oder der Service Public werde abgebaut. Beides muss man zwar ernst nehmen, trifft aber zumindest bei Post und Telecom nicht zu. Es wäre sicher hilfreich, wenn die Politik liberalisierungsfreudiger wäre. Sonst könnte die Schweiz Gefahr laufen, in wichtigen Märkten an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Ist jeder Wirtschaftszweig für eine Liberalisierung geeignet?

Furrer: Bereiche wie der Bahnverkehr oder die Stromwirtschaft lassen sich nicht auf die gleiche Art öffnen wie der Telekommarkt. Es gibt auch natürliche Mono- pole ? und das ist in einigen Fällen auch gut so.