Verschläft die Schweiz den E-Mobilitäts-Boom?

Thomas Lustgarten: Die Gefahr besteht tatsächlich. Das Thema ist in Fachkreisen präsent, aber noch kaum in der öffentlichen oder der politischen Diskussion.

Warum?

Lustgarten: Offenbar setzt die Regierung in der Klima- und Verkehrspolitik andere Prioritäten - eher in Richtung des öffentlichen Verkehrs. Andererseits hat das Bundesamt für Energie (BFE) im Juni eine erste Grundlagenstudie zur E-Mobilität vorgestellt. Vielleicht kommt dadurch Bewegung in das Thema.

Warum soll sich gerade die Schweiz zu einem Musterland der E-Mobilität entwickeln?

Lustgarten: Unser Land hat ideale Voraussetzungen, eine Pionierrolle einzunehmen. Erstens haben wir kleinräumige Siedlungsstrukturen und kleinere durchschnittliche Fahrstrecken. Damit können wir die Herausforderung der Reichweite - sie ist bei den Elektromobilen noch vergleichsweise tief - gut meistern. Zweitens verbessert der Schweizer Strommix die Ökobilanz von Elektroautos zusätzlich - dank des hohen Anteils der Wasserkraft. Die E-Mobilität könnte demnach in unserem Land effektiver und schneller als anderswo einen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen leisten.

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Was sollen und müssen Staat und Politik zum Aufbau der Infrastrukturen für die E-Mobilität leisten?

Lustgarten: Es braucht kaum zusätzliche Infrastrukturen, aber es gibt andere Möglichkeiten, den Anteil von Elektroautos auf unseren Strassen zu fördern. In der Schweiz könnten fiskalische Anreize für die Konsumenten im Vordergrund stehen, etwa bei der Besteuerung von Fahrzeugen und Treibstoff.

Die Schweizer Zulieferer geben sich in Sachen Staatshilfe mehrheitlich vorsichtig. Sie plädieren für gute Rahmenbedingungen in der Forschung und Entwicklung, aber nicht für mehr. Doch müsste die Schweiz nicht einen ähnlichen Effort leisten wie die Herstellernationen USA, Japan und Frankreich?

Lustgarten: Auf Seite der Konsumenten sehe ich wie gesagt eher fiskalische Anreize als Subventionen. Hingegen kann ich mir gut vorstellen, dass die Förderung von schweizerischer Spitzentechnologie im Bereich der E-Mobilität noch konsequenter entwickelt wird. Vergessen wir nicht, dass die E-Mobilität und deren technische Erfordernisse teilweise neu definieren werden, welche Unternehmen inskünftig zum Kreis der Autozulieferer gehören. Hier werden die Karten neu gemischt. Es gibt Chancen für Schweizer Technologiefirmen, beispielsweise im Bereich der Leistungselektronik, der Software oder der Materialwissenschaften.

Es fällt auf, dass Bain mit sehr optimistischen Prognosen bezüglich E-Mobilität aufwartet: Wie interpretieren Sie die weitaus tieferen Schätzungen des Bundesamtes für Energie?

Lustgarten: Das BFE unterschätzt unseres Erachtens die Entwicklung der Nachfrage. Die BFE-Studie relativiert zu Recht ihre eigenen Szenarien insofern, als diesen keine empirischen Grundlagen für Prognosen über die Entwicklung des Kundenverhaltens zugrunde liegen. Wir haben diese Arbeit in breit angelegten Umfragen geleistet und festgestellt, dass die Kaufbereitschaft schon heute hoch ist. Gerade auch kaufkräftige Menschen sind bereit, ein Elektroauto zu erwerben, sofern das Angebot qualitativ stimmt ist. Umweltfreundliches Verhalten hat insbesondere bei Gutverdienenden hohes Prestigepotenzial.

Woher kommt das Geld für die Strassen, wenn mit der E-Mobilität die Treibstoffsteuern ausfallen? Soll künftig E-Mobilitätsstrom besteuert werden?

Lustgarten: Diese Idee ist technisch nicht umzusetzen. International gibt es zahlreiche Methoden, die Kosten des Verkehrs auf die Fahrer umzulegen, nicht nur die Besteuerung der Energie. Diese Frage ist politisch zu entscheiden.