Bereits arbeiten in den hoch entwickelten Industrie-
nationen 30% aller Erwerbstätigen im Kreativsektor – also in Wissenschaft, Technik, Forschung und Entwicklung, Kultur, Medizin, Finanzwesen und Recht. Und glaubt man dem Zukunftsforscher Matthias Horx, so wird das Prinzip Kreativität in Zukunft sogar das gesamte Arbeitsleben dominieren: Kreativitätsökonomie nennt er diese Zeit, in der es keine gemütlichen Schreibtische mit Gummibäumen und Sachzwängen gibt, hinter denen sich verbeamtete Anzugträger verschanzen können.

Doch seien wir mal ehrlich: Mit Begriffen wie Brainstorming und Mind Map schmeisst jeder um sich, der innovativ wirken will. Aber kaum einer weiss, wovon er eigentlich spricht. Zum Beispiel der Begriff Brainstorming: Laut einer amerikanischen Studie haben zwar 38% aller befragten US-Firmen eine ungefähre Vorstellung von der Methode, aber nur 11% besitzen ein umfassendes Wissen darüber.

Ohne Übung geht nichts

«Brainstorming ist ein sehr technisches Verfahren und geht weit über das hinaus, was die Leute üblicherweise darunter verstehen, nämlich das Sammeln von Ideen», warnt Annette Kluge, Professorin am Lehrstuhl für Organisationspsychologie der Universität St. Gallen. «Brainstorming erfordert eine unglaubliche Disziplin beim Umsetzen der vier Brainstormingregeln sowie beim Anwenden der Checklisten», meint sie.
Der zweite Fehler sei, dass Brainstorming oft gleich in der Gruppe gestartet werde, anstatt zuerst individuell Ideen zu entwickeln. «Und drittens hört man dann einfach auf, wenn einem nichts mehr einfällt. Stattdessen sollte vorher ein Ziel gesetzt werden, wie viele Ideen mindestens erarbeitet werden», so Kluge.
«Um relevante Techniken anhand von unternehmungsinternen Fragstellungen zu erlernen, sollte man allermindestens zwei bis drei Tage am Stück investieren», weiss Thomas Annen. Er ist Geschäftsführer des Instituts für angewandte Kreativität in Zug und leitet Kreativitäts- sowie Innovationsworkshops für Führungskräfte. «Es hat sich bewährt, kurz darauf zusätzlich ein konkretes Ideengenerierungsprojekt durchzuführen, um die gelernten Inhalte gezielt umzusetzen», so Annen weiter. Kluge rät Moderatoren von Kreativitätssitzungen ausserdem, sich regelmässig supervisieren zu lassen und die Ideen-Sitzungen zur Selbstkontrolle aufzuzeichnen.

Anzeige

Für viele Betriebe nebensächlich

Letztlich mangelt es aber nicht nur an der richtigen Umsetzung und Schulung von Kreativitätstechniken: Auch die Vielfalt der Methoden lässt zu wünschen übrig. «Die Palette der nicht angewendeten Methoden ist auf jeden Fall grösser als die Anzahl der genutzten Methoden», beobachtet die St. Galler Expertin.
Das verwundert nicht. Denn für etliche Betriebe sind Kreativitätstechniken etwas Nebensächliches. Nicht einmal Werbeagenturen, die gemeinhin als Hort der Kreativität gelten, beschäftigen sich systematisch mit Kreativitätstechniken. «Wir wenden zwar bewusst Kreativitätstechniken an, aber nicht systematisch», sagt etwa Stefan Erhart, Geschäftsleiter der Zürcher Agentur Exxtra Kommunikation. «Wir nutzen sie allenfalls als Lockerungsübung für zwischendurch. Denn sie führen in der Regel sehr rasch zu vielen, aber auch sehr oberflächlichen Resultaten, die dann oft unrealistisch abgehoben oder zu banal sind», glaubt Erhart.
Als Schulung genügen ihm die Begegnungen mit Kreativitätstechniken während der beruflichen Aus- und Weiterbildung seiner Mitarbeitenden. Er hält denn auch mehr von der intuitiven, angeborenen Kreativität als von Methodik.

Kreative Forschung

Methodischer befasst sich der Rückversicherer Swiss Re mit dem Thema Kreativität. Kreativitätsmethoden werden hier hauptsächlich im Bereich der Produktentwicklung und des Risikomanagements sowie zunehmend bei Projektleitungen verwendet. Die Mitarbeitenden von Swiss Re arbeiten dabei meist mit Mind Map, Visual Explorer und Brainstorming.
In verschiedenen Bereichen wird zudem die Szenario-Planning-Technik eingesetzt. Neben Kursen zur Arbeitsmethodik bietet Swiss Re erfahrenen Führungskräften ein spezifisches Training für das Thema Innovation an. Dieses beinhaltet auch eine sogenannte Innovation Roadmap, einen Prozess zum Generieren von neuen Ideen.
Auch im Industrieunternehmen ABB Schweiz werden gezielt Kreativitätstechniken eingesetzt. Dabei werden laut Mediensprecherin Melanie Nyfeler alle bekannten Methoden angewandt. «Kreativitätstechniken werden insbesondere in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sowie im Marketing genutzt», so Nyfeler.

Anzeige

-----

NACHGEFRAGT | Thomas Annen, Geschäftsführer des Instituts für angewandte Kreativität, IAK, Zug: «Oft fehlt es an Mut, Neugierde und Risikobereitschaft»

Gibt es bestimme Arten von Unternehmen, die systematisch Kreativitätstechniken einsetzen?

Thomas Annen: Es sind oft Organisationseinheiten von Grossfirmen und KMU mit «technischen» Produkten, die intensivem Wettbewerb ausgesetzt sind.

Welche Fehler sind häufig?

Annen: Oft fehlt es in Unternehmen an der grundlegenden Einstellung zu Kreativität und Innovation. Damit meine ich Offenheit, Neugierde, Mut, Risikobereitschaft, Durchhaltevermögen.

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial bezüglich Kreativitätsmethoden in Unternehmungen?

Annen: Der erfolgreiche Einsatz von Techniken und Methoden basiert in erster Linie auf der Lust und Freude des Einzelnen, neue Wege zu entdecken und zu wagen, sowie einer förderlichen Innovationskultur des Umfelds. Der Schaffung dieser Rahmenbedingungen und der Belohnung von «kreativen» Ergebnissen wird noch zu wenig Beachtung geschenkt.

Gibt es auch Situationen, wo Kreativität gar nicht gefragt ist?

Annen: Gelegentlich werden kreative Ansätze für Probleme gesucht, bei denen eine pragmatische Lösung auf der Hand liegt und einfach umsetzbar ist.

Wird manchmal auch einfach die falsche Methode angewendet?

Annen: In Unternehmen sind oft nur einzelne Techniken bekannt, die zudem wenig stringent angewendet werden. Erst der gezielte Einsatz unterschiedlicher Techniken zur gleichen Fragestellung schafft Perspektivenwechsel und führt zu ungewohnten Ansichten als Basis für neue Ideen.

Was sind die Voraussetzungen für kreativen Erfolg?

Annen: Eine relevante Vision, klare Ziele und Rahmenbedingungen, schlanke Innovationsprozesse, genügend Ressourcen, eine kreativitätsförderliche Einstellung der Personen und eine innovative Kultur im Unternehmen.

------

Fakten: Einige bekannte klassische Methoden

Brainstorming
Beim «Geistesblitz» (zu Deutsch) wird in einer moderierten Gruppensitzung nach neuen Ideen gesucht. Zuerst wird das Problem analysiert und präzisiert. Anschliessend werden bekannte Lösungen diskutiert. Dann nennen die Teilnehmenden neue Ideen; diese werden protokolliert und danach vorgelesen, bewertet und sortiert. Vier Regeln: Kritik oder abfällige Bemerkungen sind verboten, jede Idee ist willkommen, viele Ideen sind gut, Versuche, auf Ideen anderer aufzubauen. Anwendung: Probleme mit geringer Komplexität.

Mind Map
Diese grafische Darstellung zeigt die Beziehungen zwischen verschiedenen Begriffen. Das Thema wird in der Mitte eines Blattes aufgezeichnet und beschrieben. Nach aussen werden verschiedene Haupt- und Unteräste in Schlüsselworten dargestellt. Im Gegensatz zum Brainstorming wird eine vernetzte Struktur erzeugt. Anwendung: Anregung beider Gehirnhälften beim Erfassen und Erinnern komplexer Sachverhalte.

Osborn-Checkliste
Die Osborn-Checkliste ist eine Frageliste. In einem ersten Schritt werden mit Hilfe einer Checkliste mit Fragen zum Problem systematisch alle Variationsmöglichkeiten notiert. Gefragt wird typischerweise nach Anpassungsmöglichkeiten, nach Substitutionsmöglichkeiten oder nach neuen Verwendungen von Produkten oder Prozessen. Anschliessend werden die durchführbaren Lösungen ausgewählt.
Anwendung: Suchprobleme.

Sechs Hüte
Ein Problem wird in frei wählbarer Reihenfolge aus sechs verschiedenen und mit farbigen Hüten symbolisierten Perspektiven betrachtet. Weiss: analytisches Denken, rot: emotionales Denken, schwarz: Kritik und Risikobetrachtung, gelb: Effektivität und Nutzen, grün: assoziatives Denken und Kreativität, blau: Überblick und Kontrolle. Anwendung: Fördern des kreativen, parallelen und Querdenkens, Debatten vermeiden.