Sein Testament hat Ikea-Gründer Ingvar Kamprad schon vor mehr als 30 Jahren zu Papier gebracht, vor gut zwei Dekaden erklärte der erfolgreichste Möbelhändler der Welt seinen Rücktritt von der Unternehmensspitze. Ein Abschied auf Raten, denn der Schwede zieht sich nur zögerlich aus den Schlüsselgremien zurück.

Auch die Frage, wer von seinen drei Söhnen ihn als obersten Unternehmenslenker beerben werde, liess der 87-Jährige lange unbeantwortet. Nun ist der neue König gekrönt: Sein jüngster Sohn, der auch schon 44 Jahre alte Mathias Kamprad, wird neuer Präsident des Verwaltungsrates bei der Inter Ikea Holding, dem Herzstück des Ikea-Konzerns (siehe Grafik «Das Ikea-Imperium» unter 'Downloads'). Gleichzeitig hat sich der Senior aus dem Verwaltungsrat zurückgezogen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Im Waadtland tief verwurzelt. Sein Zögern in der Nachfrageregelung erklärt der Möbel-Multimilliardär mit dem Wunsch, dass ihn keiner seiner drei Söhne jemals an der operativen Konzernspitze beerben möge – aus väterlicher Sorge um die Gesundheit der Nachkommen.

Direkte Teilhabe am Tagesgeschäft schliesst denn auch Stammhalter Peter Kamprad (49) kategorisch aus – für sich und auch für seine jüngeren Brüder Jonas (47) und Mathias. Das Trio hat augenscheinlich im mächtigen Schatten des übermächtigen Vaters dessen Philosophie akzeptiert, zwar familienfremde, aber eben doch vertraute Manager im immer grossflächigeren Imperium walten zu lassen.

Die (Aus-)Bildung der Junioren hatte der Patron praktisch von Anfang an seiner dafür als Lehrerin prädestinierten Gemahlin Margaretha überlassen. Mit der Anlandung oberhalb des Genfersees im waadtländischen Dorf Epalinges im Jahr 1978 baute sich für das Familienoberhaupt nämlich eine Sprachbarriere auf: Während sich die Söhne im Welschland schnell akklimatisierten und zügig die Schulsprache Französisch lernten, kapitulierte der Vater. «Untereinander sprechen sie französisch», gesteht Ingvar Kamprad im BILANZ-Gespräch offenherzig sein persönliches Defizit, nämlich seine Nachkommen dann eben nicht zu verstehen. Der Patriarch parliert natürlich schwedisch und, geprägt von seiner deutschstämmigen Grossmutter Franziska, deutsch.

Die Junioren, längst in der Waadt eingebürgert, empfinden Französisch als ihre Muttersprache. Peter, der Erstgeborene, hat in der Schweiz Ökonomie studiert. Der Zweitgeborene, Jonas, absolvierte in Lausanne die Haute école d’art et de design (ECAL). Dass Mathias Kamprad ohne akademische Weihen blieb, dürfte speziell der Vater kaum als Makel empfinden. Hörsäle an Hochschulen betrat der Patron auch erst im hohen Alter, hofiert von Uni-Rektoren, als gefeierter Gastdozent.

Während Peter Kamprad nach seinem Studienabschluss sich noch drei Jahre ausserhalb des Familienunternehmens beim schwedischen Textilriesen H&M weiterbilden konnte, starteten Jonas und Mathias Kamprad ihr Berufsleben im wachsenden Ikea-Imperium. Der Vater akquirierte quasi eine Lehrstätte für die Junioren, als er den britischen Raumausstatter Habitat erwarb. Bei diesem höherpreisig als Ikea agierenden Handelshaus verfeinerte Designer Jonas seine theoretischen Hochschulfertigkeiten.

Komplementäre Talente. Eine Trendwende im zunehmend verlustreichen Tochterbetrieb konnte der Gestalter allerdings ebenso wenig erzwingen wie sein jüngerer Bruder Mathias, der temporär ebenfalls bei Habitat in London mitwirkte, in der britischen Metropole jedoch lediglich als stilloser Einrichter seines eigenen denkmalgeschützten Tudor-Hauses in Erinnerung bleibt. Nach alten Vaters Sitte hatte Mathias Kamprad sein herrschaftliches Quartier mit Möbeln aus dem Ikea-Sortiment ausstaffiert.

Die Krönung von Mathias zum neuen Möbelkönig dürfte bei den drei Kamprad-Erben kaum zu Zwist oder gar zum Zerwürfnis führen. Sie verstehen sich gut, sind oft schon gegen den knorrigen Senior zusammengestanden. Zudem ergänzen sie sich perfekt dank unterschiedlicher Talente und Vorlieben.

Der Finanzfachmann und Administrator Peter, der sich auch in Sachen Ökologie engagiert, kümmert sich als Präsident um den Mischkonzern Ikano, dem Bank- und Versicherungsgeschäfte sowie Immobiliengesellschaften angegliedert sind. Jonas, der mit seiner Familie in London lebt, ist der kreative Kopf des brüderlichen Trios; er sitzt im Aufsichtsrat der Ikea-Muttergesellschaft Ingka Holding und befasst sich mit Design und der Gestaltung von Produkten. Das Nesthäkchen Mathias gilt trotz fehlender ökonimischer Ausbildung als exzellenter Geschäftsmann. Er holte sich an der Front Erfahrungen als mehrjähriger Chef von Ikea Dänemark und kam während zweier Jahre als Assistent seinem Vater nahe.

Wie seine Brüder hat auch Mathias Kamprad mehrmals betont, dass er nicht mehr ins operative Geschäft einsteigen wolle. In der Ikea-Mitarbeiterzeitschrift «Readme» erklärte er vor einigen Monaten: «Unsere Rolle ist vielmehr, sicherzustellen, dass die bestmöglichen Manager an den richtigen Stellen im Konzern wirken.»

Eine Einmischung der Familienmitglieder ins Operative ist sowieso nicht nötig, denn das Geschäft läuft zunehmend hochtouriger. Zuletzt konnte der Ikea-Kassenwart einen Umsatz von 27,6 Milliarden Euro verbuchen, ein Plus von gegen zehn Prozent. Der Reingewinn von 3,2 Milliarden Euro entspricht einer stolzen Marge von 11,6 Prozent. Die – steuerlich bedingte – Lizenzgebühr von drei Umsatzprozenten eingerechnet, stellt sich die Gewinnmarge sogar auf mehr als 14 Prozent.

Graue Eminenz mit Biss. Clanchef Ingvar Kamprad begnügt sich ebenfalls seit langem mit Aufsichtsjobs. Sein Ausmarsch aus dem Verwaltungsrat der Inter Ikea Holding allerdings ist nur ein weiteres Kapitel im Rückzug auf Raten. Denn der Patriarch ist weiterhin im Möbelreich omnipräsent, sei es als Mitglied im Verwaltungsrat der Liechtensteiner Interogo Stiftung oder als Berater der Ingka Holding. Auch im operativen Geschäft dürfte der 87-Jährige weiterhin seine Stimme erheben, wenn ihm etwas nicht passt.

Da kennt Ingvar Kamprad keine Beisshemmungen, wie selbst Mikael Ohlsson, der operative Chef von Ikea, schon mehrmals erfahren musste, letztmals Anfang dieses Jahres. Im BILANZ-Interview vom vergangenen Oktober warnte Kamprad vor einer überhasteten Expansion: «Nach meinem Gefühl sollte Ikea bis zum Jahr 2020 die Zahl neuer Häuser auf zwölf pro Jahr begrenzen.» Ohlsson dagegen will weitaus schneller ausbauen. Bei der Präsentation der letztjährigen Zahlen kündete der Schwede eine Verschärfung des Expansionstempos bei den Einrichtungsmärkten an, und zwar auf jährlich 25 Neueröffnungen. Kamprad gab seine Antwort über eine schwedische Boulevardzeitung; mit ihm abgemacht seien lediglich zehn neue Einrichtungsmärkte pro Jahr, mehr erachte er sowieso als unvernünftig.

Solch verbale Klatschen seines obersten Chefs sind für Ohlsson, der sich vom Teppichverkäufer in einer schwedischen Ikea-Filiale zum Konzernchef hochgedient hat, nichts Neues. Das mag wohl mit ein Grund dafür sein, dass der erst 56-Jährige im Herbst aussteigen wird. Sein Nachfolger Peter Agnefjäll (41) arbeitet aktuell als Ikea-Landeschef in Schweden und ist, wie alle bisherigen CEOs, gebürtiger Schwede.

Einen echten Generationenwechsel wird es im Ikea-Imperium wohl erst geben, nachdem Ingvar Kamprad zu Grabe getragen worden ist. Doch der alte Schwede will in seinem Möbelreich noch lange aus dem Hintergrund die Fäden ziehen. 2009 musste ihm ein Herzschrittmacher eingepflanzt werden. Worauf er trocken meinte, nun bliebe ihm noch viel Zeit bis zur endgültigen Firmenübergabe, schliesslich habe das Gerät 15 Jahre Garantie. Gegenüber BILANZ sagte der Patriarch: «Ach, ich habe noch so viel zu tun und keine Zeit fürs Sterben.»