Gekleidet in schwarzes Jackett und schwarzen Rollkragenpulli trat er vor die Medien. Und ganz Deutschland schaute zu. Fünf Wochen hatte sich Heiner Geissler Zeit genommen. Dann erklärte er, der umstrittene neue Bahnhof in Stuttgart werde gebaut. Der Schlichter und ehemalige deutsche Bundesminister stellte jedoch eine Bedingung: Das Projekt sollte erst einem harten Stresstest unterzogen werden.

Mit der Prüfung will Geissler feststellen, ob Stuttgart 21 wirklich das hält, was die Befürworter versprechen. Das Gutachten erstellt die Schweizer Firma SMA. «Es gibt vermutlich niemanden, der die Leistungsfähigkeit des neuen Bahnhofs besser beurteilen könnte als deren Verkehrsplaner», lobte die «Süddeutsche Zeitung» den Entscheid.

Das 4-Milliarden-Euro-Projekt, das Tausende von deutschen Bürgern in den letzten Monaten auf die Strasse brachte, soll in einer Computersimulation einem Stresstest unterzogen werden. Die Aufgabe von SMA ist es zu zeigen, ob Stuttgart 21 tatsächlich so viele Verbindungen zulässt, wie die Deutsche Bahn heute verspricht. Der kleinen Schweizer Firma mit ihren gerade mal 50 Beschäftigten kommt damit eine entscheidende Schiedsrichterfunktion in dem längst zum nationalen politischen Konflikt eskalierten Projekt zu.

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Ein Bähnler durch und durch

«Dass wir das machen dürfen und dass uns beide Lager vertrauen, erfüllt uns mit Stolz», erklärt Verwaltungsratspräsident Werner Stohler. Der 70-Jährige, der seine Firma vor mehr als zwei Jahrzehnten gegründet hat, gilt als graue Eminenz in der Gilde der Bahnverkehrsplaner. Und er hat die Eisenbahn gleichsam im Blut. Seine beiden Grossväter und sein Vater waren Bähnler. Stohler wuchs in verschiedenen Bahnhöfen auf und konnte schon als Junge direkt am Fenster seines Kinderzimmers beobachten, worauf es ankommt, damit Züge pünktlich fahren. Jetzt soll seine Expertise aufzeigen, worauf es bei Stuttgart 21 ankommt.

Für Professor Ulrich Weidmann vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich steht fest, dass Geissler bei der Wahl des Gutachters richtig entschieden hat. Zwar besetze die SMA mit ihren Engineering- und Beratungsleistungen für Bahnen keine konkurrenzlose Nische, schickt er voraus. Und er zählt mindestens ein halbes Dutzend deutsche Unternehmen wie etwa iRFP Dresden, ETC Transport Consultants, Intraplan Consult, Schüssler-Plan, RMCon oder Hacon mit ähnlichem Tätigkeitsspektrum auf. «Die SMA gehört aber speziell bezüglich Angebots- und Betriebsplanung sowie Systemoptimierung weltweit zu den führenden Firmen; sie ist mit dem deutschen Bahnwesen bestens vertraut und wird die gewünschten sachlichen Entscheidungsgrundlagen liefern», ist Weidmann überzeugt. Der Auftrag bringt viel Prestige, aber kaum viel Geld. «Eher 100 000 Franken als eine Million», schätzen Branchenkenner.

Schweizer Gründlichkeit soll also für klare Verhältnisse in der schwäbischen Metropole sorgen. Allein mit sachlichen Argumenten. «Die Ingenieure werden sich hüten, sich in den Strudel deutscher Politik hineinziehen zu lassen» meint ein Branchenexperte. Die SMA selbst will sich weder zu diesen noch zu den von der deutschen Presse bei der Auftragserteilung verteilten Vorschusslorbeeren äussern. Seriöses lasse sich erst nach der Simulation sagen, gibt Stohler zu verstehen. Firmenchef Giuliano Montanaro macht deutlich: «Im Zusammenhang mit Stuttgart 21 geben wir keine Auskunft.»

Zurückhaltung ist sonst nicht Montanaros Sache. Ehemalige Geschäftspartner beschreiben ihn als «sehr umgänglich und redselig», der Tessiner habe auch «dezidierte Meinungen». Doch ob der Brisanz des Auftrags ist die jetzige Verschwiegenheit durchaus verständlich. Es soll sich schliesslich nicht wiederholen, was schon einmal passiert ist: Dass nämlich ein Gutachten der SMA voreilig von allen Beteiligten vereinnahmt wird und plötzlich im Mittelpunkt des Streits steht.

Konzentration auf den Kern

So geschehen mit einer früheren Studie der SMA, welche die Regierung Baden-Württembergs zwei Jahre unter Verschluss hielt. Bis sie dann im Sommer, als die Auseinandersetzungen um das Projekt mit wüsten Strassenschlachten eskalierten, an die Öffentlichkeit durchsickerte. Als die DB das Dokument endlich offiziell vorlegte, interpretierten es die Projektgegner als Beweis, dass der geplante Tiefbahnhof weniger leistungsfähig wäre als der oberirdische Kopfbahnhof. Die Befürworter hingegen sahen es genau umgekehrt.

Die Zürcher Verkehrsplaner werden sich nicht um die Kommunikation, sondern auf ihr Kerngebiet konzentrieren, nämlich weltweit Verkehrssysteme zu optimieren. Die vor zehn Jahren gestartete Bahn 2000 gilt als logistisches Meisterstück der SMA aus Zürich-Oerlikon. Dank dem SBB-Taktfahrplan, den die Firma mehrmals optimiert hat, fahren unsere Züge pünktlicher als irgendwo. Und die Anschlüsse funktionieren so perfekt, dass es selbst im Bergtal kaum Wartezeiten gibt.

Die Ingenieure der SMA haben dafür ein Instrument entwickelt, die Planungssoftware Viriato. Sie ist längst zu einem Exportschlager geworden und gibt heute auf vielen Bahnnetzen den Takt an. Variablen wie Streckenlängen, Topographie, Transportkapazität, Fahr- und Umsteigezeiten werden so berechnet, dass möglichst viele Menschen möglichst schnell und pünktlich an ihr Ziel gelangen. Drei Viertel des Umsatzes erwirtschaftet die SMA denn auch ausserhalb der Schweiz. Auf der Kundenliste mit rund 200 Namen stehen viele Staatsbahnen in Europa, nebst der Deutschen Bahn zum Beispiel die französische SNCF, die belgische SNCB, die finnische VR und natürlich die SBB.

Arroganz schwingt mit

«Es gibt nur wenige innovative Bahnberater», sagt ein Branchenkenner, «die SMA gehört dazu. Die Firma fühlt sich der Bahn verpflichtet, und sie zielt immer darauf, die Bahn zu stärken.» Das zeigt klar die Handschrift von Bähnlerkind und Gründer Stohler. Kenner bezeichnen ihn denn auch als Hirn der ganzen SMA. Trotz hoher Kompetenz - der Erfolg habe Stohler und seine Leute manchmal auch etwas abheben lassen. Gerne geben sie ihrem Gegenüber zu verstehen, dass man ihnen nicht das Wasser reichen könne.

Mit der Studie zu Stuttgart 21 kann die kleine SMA nun endgültig beweisen, dass sie tatsächlich mehr kann als andere.