Die grosse Rezession haben wir soeben hinter uns gebracht. Nun droht am Horizont das nächste Unheil: Eine Reihe europäischer Staaten - allen voran Griechenland, Spanien und Portugal - kämpft ums Überleben. Wie gefährlich ist das?

Bo Risberg: Ich glaube, dass das gravierende Folgen hat. Nicht nur für die Krisenherde, zu denen ich Südeuropa zähle, Irland und die baltischen Staaten. Ich sehe für den gesamten europäischen Wirtschaftsraum grosse wirtschaftliche Herausforderungen. Der Bausektor wird in den nächsten fünf Jahren nicht so schnell wachsen, wie manche das erwarten.

Sind die Überkapazitäten in Europa so gross?

Risberg: In Spanien, Irland, in den baltischen Staaten sind riesige Blasen geplatzt. Die fehlende Produktivität in diesen und weiteren Ländern in Europa und ihre zum Teil hohe Staatsverschuldung haben dazu geführt, dass die Erholung jetzt nur sehr langsam einsetzt und möglicherweise nicht nachhaltig ist, weil sie von Subventionsprogrammen befeuert wird.

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Könnte eine Reihe von Staatspleiten in Europa in einer nächsten, schweren Rezession münden?

Risberg: Staatspleiten sind unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Wir glauben, dass die solide wirtschaftliche Stellung Europas in den nächsten Jahren abbröckeln wird. Es wird Überraschungen geben und manche Staaten dürften in sehr schwierige Situationen kommen. Massive Sanierungen werden nötig sein. Das wird dem Wirtschaftsraum Europa einen herben Dämpfer versetzen.

Europa ist für Hilti nach wie vor ein Hauptabsatzmarkt. Wie begegnen Sie der Herausforderung?

Risberg: Wir haben hier eine starke Marktposition, die wir ausbauen wollen. Unsere Zahlen im vergangenen Geschäftsjahr haben gezeigt, dass wir Marktanteile gewinnen konnten. Auch wenn sich die Bauwirtschaft seitwärts entwickelt: Wir sind zuversichtlich, dass wir erfolgreich sein werden. Parallel wollen wir unsere Ressourcen in Wachstumsregionen wie Lateinamerika, Asien und Osteuropa ausbauen. Darüber hinaus investieren wir stark in neue Geschäftsfelder.

Was sind das für neue Geschäftsfelder?

Risberg: Wir möchten mit neuen Applikationen die Energiebranche, die Öl- und Gasindustrie und den Bergbau erschliessen. Bis 2015 sollen diese neuen Geschäftsfelder einen zusätzlichen Umsatz von rund 1 Mrd Fr. generieren.

Was genau plant Hilti im Energiesektor?

Risberg: Hier herrscht weltweit ein riesiger Bedarf nach alternativer Energieerzeugung, konkret meine ich die Solarenergie. Für Hilti wird sich dieser Sektor zu einem Multi-Milliarden-Markt entwickeln.

Mit welchen Produkten beliefern Sie die Solarbranche?

Risberg: Wir verfügen über Befestigungs- und Montagesysteme für die Installation von Solarpanels in Solarparks oder auf Dächern. Diese Produkte liefern wir hauptsächlich an Montagefirmen oder direkt an die Betreibergesellschaften.

Gibt es bestimmte geografische Märkte, die Sie im Auge haben?

Risberg: Kurzfristig profitieren wir von den Subventionsprogrammen in Nordamerika und Europa. Langfristig sehen wir auch in Lateinamerika und Asien ausgezeichnete Wachstumsmöglichkeiten.

In ehemaligen Boommärkten wie Spanien ist heute aber nicht mehr viel los - der Subventionstopf wird aus genannten Gründen für anderes gebraucht.

Risberg: Ja, kurzfristig stimmt das. Aber der Solarmarkt wird je länger je unabhängiger von Subventionen. Die Wirtschaftlichkeit der Energieerzeugung steigt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Solarstromproduktion auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig ist. Dann werden die noch jungen Märkte weiter wachsen.

Wie schnell wird das Solargeschäft zusätzlichen Umsatz für Hilti bringen? Risberg: Sehr schnell.Ein ehemals boomender Absatzmarkt war Dubai - sowohl für Baufirmen als auch für Solarunternehmen. Das Emirat geriet allerdings an die Grenzen seiner Finanzierungsmöglichkeiten und stürzte in eine Krise. Was passiert jetzt dort?

Risberg: Ja, in Dubai ist eine gewaltige Blase geplatzt. Hilti war in viele Bauprojekte involviert und verzeichnete daher in den ersten Monaten des vergangenen Jahres einen massiven Einbruch. Jetzt legen wir in den Vereinigten Arabischen Emiraten wieder zu, wobei das Wachstum verstärkt von Abu Dhabi - Dubais Nachbar - generiert wird. In Dubai werden jetzt die Bauprojekte fertiggestellt. Allerdings nur die Fassaden, damit das Stadtbild erhalten bleibt. Auf den Innenausbau wird teilweise verzichtet. Für den Energiesektor sind wir deutlich zuversichtlicher. Es gibt wieder vermehrt Öl- und Gasprojekte, etwa in Katar, Kuwait und Saudi-Arabien.

Hilti hat in den vergangenen zwei Jahren stark ins Öl- und Gasgeschäft investiert. Was liefern Sie in diese Industrie?

Risberg: Zum Beispiel Gewindebolzen für die Direktbefestigung. Mit diesem Produkt können Sie schnell, sicher und ohne Zerstörung bestehender Oberflächen Bau-teile kombinieren. Weitere Produkte sind Brandschutzsysteme oder rostfreie Schienen-Montagesysteme für Ölplattformen.

Neu ist auch das Minengeschäft. Welche Ziele haben Sie dort?

Risberg: Das Bergbaugeschäft soll bis 2015 einen zusätzlichen Umsatz im dreistelligen Millionen-Franken-Bereich generieren. Unsere Produkte liefern wir hauptsächlich in sicherheitsrelevante Bereiche, wie zum Beispiel für Deckenbefestigungen in Kohleminen. Zudem verfügen wir über Bohrlösungen für Sprenglöcher in Goldminen.

Warum erschliesst Hilti diese Märkte eigentlich erst jetzt? Risberg: In der Vergangenheit waren wir sehr stark auf das Baugeschäft fokussiert. Mittlerweile haben wir in Europa teilweise hohe Marktanteile erreicht und möchten unser Gesamtwachstum beschleunigen. Deshalb gehen wir in neue, verwandte Märkte. Wir wollen aber auch in der Bauindustrie weitere Marktanteile gewinnen und regional expandieren.Wie beeinflussen die volatilen Rohstoffpreise Ihre Anstrengungen, in neue Märkte vorzustossen?

Risberg: Zwischen 2006 und 2008 sind die Rohmaterialpreise stark gestiegen, 2009 gaben sie leicht nach. Nun steigen sie wieder. Der Preis für Eisenerz etwa hat um 100% zugelegt, für Stahl um 15%. Die grosse Frage ist, wie nachhaltig die Preissteigerungen sind und ob es sich nur um eine spekulationsgetriebene Blase handelt. Was uns zudem beschäftigt, ist die fortschreitende Konzentration in der Stahlindustrie. Immer weniger Produzenten verfügen über eine wachsende Preismacht. Das ist ein grosses Problem für die gesamte Industrie, denn wir haben kaum Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

Welche Auswirkungen hat dies auf Ihre Pricing-Strategie?

Risberg: Wir können die Entwicklung der Rohmaterialpreise nur zum Teil mit unseren Kunden teilen. Aber es ist uns mit zusätzlichen Kostensparmassnahmen gelungen, unsere Margen zu halten.

Welche Erwartungen haben Sie für das laufende Geschäftsjahr?

Risberg: Wir erwarten einen leicht höheren Umsatz in Lokalwährungen. Unklar ist noch, wie nachhaltig die Erholung ist. Zudem erwarten wir eine deutlich bessere Umsatzrendite auf Stufe Betriebsergebnis. Unser Ziel ist, bis 2011 zurück auf unsere frühere Betriebsmarge von 8 bis 10% zu kommen. Für das laufende Jahr erwarten wir eine Umsatzrendite von 6 bis 7%.

Wie gehen Sie mit dem starken Schweizer Franken um?

Risberg: Wir wollen den Währungseffekten auf natürlichem Weg begegnen. Das heisst, wir möchten verstärkt in den jeweiligen Währungsräumen einkaufen, produzieren und verkaufen - deshalb die jüngsten Expansionen in Mexiko und China.

Kommen für solche Verlagerungen auch Akquisitionen in Frage?

Risberg: Eine Vorbemerkung: Wir wollen nicht Umsatz dazukaufen, sondern neue Technologien, Marktpräsenz und Wertschöpfung erwerben. Wir verfolgen also eine komplementäre Akquisitionsstrategie. Derzeit haben wir diverse Projekte in der Pipeline, die wir prüfen. Mit einer Liquidität von sehr hohen 1,1 Mrd Fr. und einer Eigenkapitalquote von 55% können wir problemlos Zukäufe tätigen.

Wie viel wollen Sie in Zukäufe investieren?

Risberg: Wir haben von den 1,1 Mrd Fr. Liquidität rund 200 bis 300 Mio Fr. für Akquisitionen reserviert.