Welche Folgen hat die Kehrtwende des Bundesrats für den Schweizer Finanzplatz?

Patrick Odier: Es wurde einfach die Grenze für die Strafbarkeit ausländischer Bankkunden verschoben. Jetzt leisten wir auch Amts- und Rechtshilfe, wenn ein begründeter Tatverdacht auf Steuerhinterziehung besteht. In der Beziehung zu den USA haben wir diese Grenze schon früher angepasst. Wir leisten bereits heute Amts- und Rechtshilfe für «Steuerbetrug und Ähnliches», worunter auch grobe Steuerhinterziehung fällt. Mit dem Entscheid hat die Schweiz klar gemacht, dass Kriminalität nie gedeckt wurde und nicht gedeckt wird.

Lange hat sich die Branche gegen diesen Schritt gewehrt. Ivan Pictet warnte, dass sich damit das Private-Banking-Geschäft in der Schweiz halbieren könnte. Hat er übertrieben?

Odier: Es gibt gute Argumente für die gefundene Lösung. Die Privatsphäre des Kunden bleibt gewahrt. Es wird auch weniger Fishing-Expeditions geben, mit denen versucht wird, ohne begründeten Verdacht an Kundendaten heranzukommen. Wir haben Vorkehrungen getroffen, dass künftig alles im Rahmen der Rechtshilfeverfahren abläuft.

Mit welchen Konsequenzen für das Offshore-Geschäft? Stimmt Pictets Einschätzung ungefähr?

Odier: Es stimmt, es gibt Banken, die noch immer sehr stark von undeklarierten Geldern abhängig sind. Aber ich kann Ihnen sagen, die Steuerhinterzieher nehmen viel mehr Risiken auf sich, wenn sie ihre Gelder aus der Schweiz abziehen. Es hängt auch davon ab, wie sich die Steuerhinterzieher verhalten. Wenn sie damit angeben, wird die Steuerbehörde eher auf sie aufmerksam. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein unbekannter Bürger ins Visier der Steuerbehörden gerät, ist ohnehin sehr klein. Die Regierungen der Hochsteuerländer haben nur Interesse an den grossen Fällen.

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Also alles kein Problem? Die Schweiz bleibt internationaler Spitzenreiter im Offshore-Banking?

Odier: Im besten Fall werden tatsächlich keine undeklarierten Gelder aus der Schweiz abfliessen, zumal unsere grössten Konkurrenten wie Singapur, Hongkong oder Luxemburg die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung ebenfalls aufgeben. Es wird jetzt aber leider in der internationalen Presse einiges vermischt, sodass die Kunden ängstlich werden könnten und ihr Geld abziehen, weil sie irrtümlicherweise glauben, dass die Privatsphäre in der Schweiz nicht mehr gewahrt ist.

Wie sieht die längerfristige Zukunft aus? Wird der Finanzplatz Schweiz an Attraktivität verlieren?

Odier: Dies hängt davon ab, wie gut die Schweiz jetzt verhandelt. Es werden 72 Doppelbesteuerungsabkommen mit verschiedenen Ländern neu ausgehandelt. Die internationale Gemeinschaft muss verstehen, dass die Schweiz etwas aufgegeben hat und dafür neue Vorteile verdient. Die Rahmenbedingungen für den Schweizer Finanzplatz dürfen sich nicht verschlechtern, damit wir insgesamt im Vergleich zu anderen Finanzplätzen keine Nachteile haben.

Ist die Schweiz in einer guten Verhandlungsposition?

Odier: Unser Steuersystem ist demjeni-gen vieler anderer Länder überlegen, was uns in eine gute Verhandlungsposition bringt. Die angelsächsischen Länder haben Instrumente, die dem Schweizer Bankgeheimnis sehr ähnlich sind, und sie zeigen sich in keiner Weise kompromissbereit. Wir sollten mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten haben, zu verhandeln. Wir müssen fair sein, aber nicht dumm. Wenn wir schlecht verhandeln, kostet dies für die Wirtschaft mehr als für die Banken. Findet ein Kunde in einem anderen Land bessere Bedingungen, dann gehen die Institute vor Ort zu den Kunden. Und in der Schweiz gehen damit Arbeitsplätze verloren.

Können Sie die Folgen für die Schweizer Wirtschaft und die Beschäftigten abschätzen, wenn schlecht verhandelt wird?

Odier: Die direkten Folgen für die Schweizer Wirtschaft sind schwer zu bezif- fern. Die Frage ist momentan sicherlich, wieweit sich der Reputationsverlust des Finanzplatzes Schweiz, den wir in den letzten Tagen vor allem in den internationalen Medien erlitten haben, wieder gut machen lässt.

Die Schweiz hat im entscheidenden Punkt nachgegeben. Werden die EU-Staaten noch mehr fordern?

Odier: Das kann ich nicht vorhersehen. Das Ziel der Verhandlungen ist es, dies zu vermeiden. Wir wollen den automatischen Informationsaustausch nicht. Dann wäre das Bankkundengeheimnis gefallen. Das können wir nicht tolerieren. Ich glaube auch, dass der automatische Informationsaustausch in der Europäischen Union nicht richtig funktioniert.

Besteht die Gefahr noch immer, dass die Schweiz auf der schwarzen Liste der OECD landet?

Odier: Ganz sicher kann man nie sein, obwohl uns Gordon Brown nun am Wochenende seine Unterstützung zugesagt hat. Es wäre aber nicht akzeptabel. Die Schweiz hat den internationalen OECD-Standard übernommen, ebenso andere Länder wie Österreich oder Luxemburg. Wenn alle diese Länder drauf stehen, wären wir auch gerne auf dieser Liste. Es wäre eine Farce.

Wie wirkt sich der Entscheid auf die Diskussionen aus, die zwischen den USA und der Schweiz wegen der Zivilklage gegen die UBS geführt werden?

Odier: Bei der Zivilklage handelt es sich um eine Fishing-Expedition. Dies widerspricht nach wie vor dem Schweizer Recht, und die Amerikaner wissen das. Auch das Doppelbesteuerungsabkommen mit den USA muss neu ausgehandelt werden. Es wird wahrscheinlich einfacher als erwartet, aber es wird Zeit brauchen. Die US-Behörden wollen nur die Steuern bei ihren Bürgern eintreiben. Ich glaube nicht, dass sie damit einen Präzedenzfall gegen die Schweiz kreieren wollen.

Verschiedene Privatbankiers sind verärgert, weil alle unter den Fehlern der UBS leiden müssen. Zu Recht?

Odier: Man darf nicht vergessen, dass die UBS in den USA unter der Aufsicht der SEC stand, die nichts davon gemerkt hat. Aber ja, die UBS hat in den USA grobe Fehler gemacht, die eingestanden wurden und die jetzt zum Teil der gesamte Sektor ausbaden muss. Ja, wir fühlen uns schlecht wegen der UBS und wir leiden darunter. Aber wir müssen jetzt in die Zukunft schauen und alle zusammen wieder die Qualität des Finanzplatzes sichern.

Wie? Braucht es einen neuen Masterplan für den Finanzplatz Schweiz?

Odier: Ja. Kurzfristig müssen wir unsere Strategie sicher anpassen und uns überlegen, was wir als Finanzplatz Schweiz offerieren können.

Bis wann steht der neue Masterplan?

Odier: Wir arbeiten daran. Bis wann der Plan steht, kann ich nicht sagen.

Wird Lombard Odier jetzt noch stärker direkt im Ausland Niederlassungen aufbauen?

Odier: Wir haben das Onshore-Geschäft schon in den letzten fünf Jahren vo- rangetrieben. Dabei stehen derzeit vor allem die Emerging Markets im Fokus. Die Onshore-Standorte bringen neue Gelder über die gesamte Gruppe. Die Entwicklungen des regulatorischen Umfeldes ändern nichts an unserer Expansionsstrategie.

Wie reagieren Sie auf den steigenden Ertragsdruck? Werden Kosten reduziert?

Odier: Ja, wir werden die Kosten reduzieren. Das haben wir unseren Leuten gesagt. Wir werden nichtvorrangige Projekte stoppen.

Wird Personal abgebaut?

Odier: In den Bereichen Hedge-Fonds, strukturierte Produkte und Handel gibt es Veränderungen, aber dafür bauen wir in anderen Sparten auf. Wir suchen vor allem Mitarbeiter in den Bereichen Portfolio Management, Investment Management und Beratung. Vorantreiben wollen wir auch unser Angebot im Bereich IT-Lösungen, die wir externen Banken zur Verfügung stellen, wie etwa der Valiant Bank.

Lombard Odier beschäftigt derzeit 2000 Mitarbeiter. Wie viele werden es per Ende Jahr sein?

Odier: Die ganze Industrie verändert sich. Wir wollen in diesem Jahr fitter werden. Wie viele Mitarbeiter per Ende Jahr beschäftigt sein werden, hängt von den Finanzmärkten ab und kann man heute noch nicht sagen.

Was erwarten Sie von den Finanzmärkten in diesem Jahr?

Odier: Wir rechnen nicht damit, dass sich die Märkte bereits in diesem Jahr erholen. 

Seit Sie letztes Jahr aus dem Sabbatical zurückgekehrt sind, bleibt in der Finanzwelt kein Stein auf dem anderen. Wie gehen Sie mit den sich ständig verschlechternden Rahmenbedingungen um?

Odier: Die Auszeit hat mir sehr viel gebracht. Ich wollte damit auch andere ermuntern, das Gleiche zu tun. Jetzt sind wir in einer sehr spannenden Phase. Als Bank müssen wir uns die Frage stellen, was die Kunden von morgen wollen. Wie können wir uns differenzieren? Auf diese beiden Fragen müssen wir sehr schnell Antworten finden, denn die Märkte verändern sich rasant.  

Welche Anpassungen haben Sie als Reaktion auf die Finanzkrise vorgenommen?

Odier: Wir haben die Due Dilligence und die Risikokontrolle weiter verbessert, auch beim Portefeuille des Kunden. Wir haben gemerkt, dass vielen Kunden nicht klar war, welche Risiken sie eingegangen sind. Man muss den Kunden besser erklären, was in ihren Depot drin ist und warum.

Sie sind seit anfangs Jahr Senior Partner von Lombard Odier. Hat sich das Geschäft ähnlich entwickelt wie im letzten Jahr oder spüren Sie eine Verunsicherung bei den Kunden?

Odier: Genaue Zahlen haben wir zwar noch nicht, der Beginn des neuen Jahres wird aber nicht viel anders ausgefallen sein wie im letzten Jahr. Die Neugelder haben sich wahrscheinlich ähnlich entwickelt wie 2008. Wir werden noch immer als sicherer Hafen gesehen. Wir gewinnen vor allem in den Emerging Markets viele Neukunden, die sich ihr Vermögen selbst erarbeitet haben. Diese Kunden haben gemerkt, dass sie in ihren Heimatländern nicht die richtige Beratung erhalten haben. Jetzt suchen sie einen guten Arzt, der ihr Portefeuille wieder auf Vordermann bringt.

Wie schätzen Sie die Gewinnaussichten in diesem Jahr ein?

Odier: Das Vermögensverwaltungsgeschäft wird mit kleineren Margen leben müssen. Das letzte Jahr war schon schwierig und dieses Jahr wird noch schwieriger werden. Das wichtigste Ziel in diesem Jahr ist, dass wir als Bank profitabel bleiben, um das Geschäft weiter entwickeln zu können. Wir Partner haften alle mit unserem gesamten Privatvermögen und müssen das Eigenkapital intakt halten. Es ist im Moment nicht einfach, aber in den letzten 200 Jahren hat die Bank auch manche schwierige Zeiten überstanden.