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Im Blitzlichtgewitter

Digicam Computerhersteller, Unterhaltungselektronikfirmen und Handyhersteller machen den klassischen Fotoanbietern zunehmend das Leben schwer. Eine Innovationsschlacht und fallende Preise sind die Fo

Von Autor:Beat Schmid
am 26.11.2002

Mit Digitaltechnologie werden sich die Jungen herumschlagen müssen», sagt Georges Hoffmann, der Inhaber eines Fotofachgeschäfts in Wädenswil. Für ihn lohne sich der Umstieg nicht mehr, schon gar nicht die Anschaffung eines über 200 000 Fr. teuren digitalen Minilabors, was für viele seiner jüngeren Kollegen eine Frage des Überlebens sei. Er hingegen werde das Geschäft aus Altersgründen in wenigen Monaten schliessen. Da setze er andere Prioritäten ­ zum Beispiel den Ausverkauf von schönen, teuren analogen Apparaten.

Damit liegt Hoffmann exakt im grossen Industrietrend: Die Generation der analogen Fotografie tritt in den Ruhestand, die Digitalfotografie übernimmt das Zepter. Laut Interessengemeinschaft Schweizerischer Fotolieferanten (ISFL) sind die Stückzahlen seit Jahren stagnierend bis rückläufig (siehe Grafik). Zwar sind die analogen Kameras nach wie vor in der Mehrzahl, doch der Vorsprung auf die digitalen Knipser schmilzt. Laut Ernst Widmer, ISFL-Geschäftsführer, hat sich der Digicam-Absatz seit 1996 fast jedes Jahr verdoppelt. Fürs laufende Jahr rechnet er mit 140 000 verkauften Digitalkameras allein durch die Mitglieder seines Verbandes ­ Agfa, Canon, Fuijfilm, Minolta, Nikon, Leica, Olympus, Pentax und viele mehr zählen dazu. Doch die klassischen Fotohersteller sind nicht die einzigen, die Digitalapparate herstellen.

Stark an Bedeutung zugelegt haben Firmen wie Sony, JVC und Panasonic ­ alles klassische Brands der Unterhaltungselektronik. Laut Zahlen von Swico-Geschäftsführer Bernard Loosli, unter dessen Fittiche seit 1999 auch die ehemalige Swiss Consumer Electronis Association (SCEA) gehört, stammt etwa jede vierte in der Schweiz verkaufte Digicam aus Werkstätten seiner Firmen ­ «Tendenz steigend». Im zweiten Quartal liege der Anteil mit 11000 verkauften Einheiten schon bei einem Drittel, hält Loosli fest. Rechnet man nur noch die verkauften Einheiten aus dem Computersektor dazu (Epson, HP, Casio, Logitech usw.), so dürften in diesem Jahr womöglich über 200000 Digitalkameras in der Schweiz verkauft werden.

Dafür geben die technikverliebten Schweizer viel Geld aus: Die 86000 verkauften Digicams vom letzten Jahr generierten Umsätze in der Höhe von 79 Mio Fr. Damit übertrafen sie den Gesamtumsatz von 340 000 analogen Kameras von 57 Mio Fr. ganz deutlich.

Ungewöhnliche Marktkonstellation

Digitalkameras zählen neben DVD zu den wenigen Boommärkten im Retail. Das erklärt die ungewöhnliche Konstellation, dass sich gleich drei verschiedene Branchen um die Konsumenten balgen. Kein Vertreter der Foto-, Unterhaltungs- und Computerbranche mag indessen eine Prognose wagen, wer den Markt für sich entscheiden wird. Ob es Sony sein wird, die sich selbst einen Marktanteil von 50% prognostiziert? Skepsis ist angebracht. Ebenso über Nokias grossspurige Äusserung, 2003 zum Marktführer zu avancieren, weil dann «jedes Mobiltelefon mit einer Linse ausgestattet sein werde». Der Vergleich hinkt so gewaltig, wie wenn Nokia sich zum Uhrenmarktführer aufrufen würde, nur weil jedes Handy nebenbei noch die Zeit anzeigt.

Das Marktgeschrei ist aber ein deutliches Indiz dafür, dass der Digitalkamera-Markt in Bewegung ist und dass niemand genau weiss, wohin die Reise geht. Dieses Bild vermittelte auch die jüngste Photokina, die Leitmesse der Branche: Dort erregten neue Auflösungsrekorde (Anzahl Pixel des CCD-Sensors) erstaunlicherweise weit weniger Aufmerksamkeit als die zahlreichen Sonderfunktionen, mit denen die zu Bildcomputer mutierenden Kameras zunehmend ausgestattet sind. Über Gadgets verspricht man sich offensichtlich eine klarere Differenzierung: Zu den vorgestellten Highlights zählen Kameras mit eingebautem Drucker oder mit einem «Instant Share»-Knopf, der ein geschossenes Bild via Bluetooth an den PC und von dort auf den Drucker oder direkt an eine Website zur Weiterverarbeitung im Fotolabor schickt. Oder Kameras mit eingebautem Adressspeicher fürs Verschicken via Handy und MP3-Spieler zum Abspeichern von Musikstücken. Ein weiterer Trend, der die Fachmesse bestätigte, ist die Verschmelzung von Foto und Video. So hat Fuji eine «Multimedia-Kamera» mit speziellem CCD-Chip vorgestellt, die neben gestochen scharfen Bildern auch Videos in gewohnter DV-Qualität aufnimmt und einen Serienbildmodus aufweist (viele Digicams sind keine Sprinterstars). Umgekehrt zeigte Sony eine Digitalvideokamera mit einem zusätzlich eingebauten CCD-Chip für Standbilder.

Die Digitalkamera-Branche ist dynamisch ­ das zeigt sich auch bei den Preisen, die konstant fallen. Eine Einstiegskamera gibt es heute für rund 250 Fr.; wer mehr Qualität will (4 Megapixel), muss zwischen 700 und 1000 Fr. hinlegen. Dieser Effekt nagt auch an den Handelsmargen, die deutlich in den Keller gefallen sind, wie ISFL-Geschäftsführer Widmer erklärt. Vom Margendruck ist zunehmend auch die analoge Fotografie betroffen: So musste Massenverarbeiter Pro Ciné in Wädenswil kürzlich massiv Stellen abbauen, weil Grosskunde Migros offensichtlich bessere Konditionen beim süddeutschen Grosslabor CEWE herausholen konnte.

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