Es ging um den guten Ruf. Kaum ein Land eröffnete die Jagd auf die gefallene Elite Tunesiens schneller als die Schweiz. Der Bundesrat veröffentlichte vergangene Woche eine schwarze Liste des Clans rund um Ex-Diktator Ben Ali. Bald sperrten die Banken erste Konten. Im Visier haben die Behörden auch Tunesiens Wirtschaftsmag nat Belhassen Trabelsi, Bruder der verhassten Präsidentengattin Leila. Er gilt als der  korrupteste von allen. Ausgerechnet Trabelsi profitierte jahrelang von der Schweizer Wirtschaftshilfe in Tunesien. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hatte Staatsgelder via die Fondsgesellschaft Tuninvest in Firmen vor Ort investiert. Eines dieser Unternehmen ist die tunesische Fluggesellschaft Nouvelair – geführt von Grossaktionär und Präsident Belhassen.

Investiert in geächteten Firmen

Die Chartergesellschaft war einst die erste ihrer Art in Tunesien und trug zum Aufschwung der  Tourismusbranche bei. Ihr Erfolg weckte Begehrlichkeiten bei den Mächtigen. Diktatorenschwager Trabelsi
stampfte eine staatlich geförderte Konkurrenzfirma aus dem Boden. 2008 kam es schliesslich zur Fusion, und Trabelsi stieg zum Verwaltungsratspräsidenten der neuen Nouvelair auf. «Er hat darauf bestanden, obwohl er nur 13 Prozent der Gesellschaft hielt», erzählt ein damaliger Investor. «Doch keiner der Investoren und Verwaltungsräte spielte den Helden und kämpfte laut dagegen an. Man muss die Umstände verstehen.» Die Fondsgesellschaft Tuninvest ist noch heute bei Nouvelair investiert, und so auch die Schweiz.
Das Seco vertraute tunesischen Fonds rund 20 Millionen Franken an. In mindestens drei weiteren Fällen floss das Geld in Firmen, deren Besitzer oder Verwaltungsräte auf der schwarzen Liste des Bundesrates stehen. Dazu gehört etwa der Versicherungsriese GAT, der von der Familie Mabrouk kontrolliert wird. Betroffen ist auch der Finanzdienstleister Tunisie Factoring, deren Muttergesellschaft TLG seit Jahren der ebenfalls bundesrätlich geächteten Familie Ben Yedder gehört.

Auch beim Privatjet ist Bern dabei

Im Fall der Fluggesellschaft Tunisavia ist der Schweizer Staat indirekt beteiligt. Die Firma betrieb bis zuletzt den Privatjet der Ben-Ali-Familie. Die Falcon 900 steht momentan auf dem Flughafen Genf-Cointrin. Der Bundesrat prüft, ob er die Maschine als Vermögenswert des Ex-Diktators konfiszieren kann.
Laut Seco sucht die Fondsgesellschaft im Fall Nouvelair den Ausstieg, bei Tunisie Factoring ist sie bereits nicht mehr dabei. «Die vom Seco beauftragte Gesellschaft Sifem führt bei allen Investitionen eine Kaufprüfung durch, um zu verhindern, dass Entwicklungsgelder zum Ausbau der Macht oder zur Bereicherung des herrschenden Regimes missbraucht werden», sagt Seco-Abteilungsleiter Ivo Germann, «allerdings lässt sich auch bei der besten Prüfung nicht jede Eventualität vermeiden.» Bereits droht der nächste Brandherd. Eine Protestwelle erschüttert Ägypten. Das Seco ist dort über den Fonds Sphinx Turnaround investiert.

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