Der griechische Ministerpräsident Kostas Karamanlis hat im Dezember im Kreml eine Übereinkunft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Bau einer Pipeline unterzeichnet, die russisches Erdöl vom bulgarischen Hafen Burgas nach Alexandroupoli in Griechenland in der nördlichen Ägäis und von dort zu den Märkten in Westeuropa transportieren soll. Das Erdöl kommt vom Kaspischen Meer, wird per Pipeline zum Hafen von Nowosibirsk transportiert, und von dort mit Tankern nach Burgas. So werden die Meerengen und der Bosporus umschifft, die heutzutage durch den Schiffsverkehr vom schwarzen Meer zum Mittelmeer und umgekehrt überlastet sind.

Präsident Putin brachte bei den Gesprächen mit dem griechischen Premier zum Ausdruck, die südliche Pipeline (South Stream) solle über griechischen Boden nach Zentraleuropa geführt werden. Er schlug auch eine Kapazitätserhöhung der heutigen Pipeline vor.

Hohe Kosten

Die bisherige Ausbaustrecke der Botas-Pipeline verlief unter Wasser im Marmarameer und unterirdisch in Ostthrakien. Sie kostete 103 Mio Dollar und wurde hauptsächlich von der türkischen Regierung finanziert. Die Pipeline von der türkischen Grenze bis Komotoni beansprucht mit 87 km Länge ein Budget von 70 Mio Euro, wovon 54% national und der Rest von der EU finanziert werden. Die Pipeline von Aserbaidschan bis Italien wird von der Türkei, Griechenland, Italien und der EU mit über 1,3 Mrd Euro finanziert und soll das europäische Erdgasnetz ergänzen.

Die EU zielt auf eine energiepolitische Unabhängigkeit ab, indem sie die Erdgaslieferanten am Kaspischen Meer und in Russland breit streut. Die USA wiederum ermutigen die an Kohlenstoffvorkommen reichen Staaten am Kaspischen Meer, sich als Europas Alternativlieferant für Erdgas zu profilieren. Der amerikanische Energieminister Samuel Botman betonte bei der Einweihung der Erdgas-Pipeline in Ypsala, dass die Zusammenarbeit zwischen Griechenland und der Türkei beim Erdgastransport von Aserbaidschan zur Sicherung der westeuropäischen Energieversorgung beitrage und dass sich die europäischen Verbraucher eher auf asiatische Erdgasquellen statt auf russische und iranische verlassen sollten.

Anzeige

Der türkische Ministerpräsident Erdogan und seine Regierung bevorzugen die sogenannte Nabuccoline, die das Erdgas von Aserbaidschan über Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Öster-reich nach Westeuropa bringen soll.

Engpässe

Über die Engpässe der Pipelinekapazitäten für den Transport des aserbaidschanischen Erdgases hinaus hat sich in neuerer Zeit ein russisch-amerikanischer Konkurrenzkampf entwickelt, der aus geopolitischer Sicht nicht unwesentlich ist. Russland unterstützt den Bau des South Stream genannten Erdgas-Pipeline-Netzes, welches das schwarze Meer von Nowosibirsk bis Burgas durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn umgehen soll, um in Österreich zu enden. Ein weiterer Abzweiger soll durch Griechenland nach Albanien verlaufen, und weiter nach Ottranto in Italien. Vor kurzem schloss Putin einen Deal mit Turkmenistan und Kasachstan über den Bau einer neuen Pipeline ab, die ab 2010 jährlich 30 Mrd m3 Erdgas liefern soll. Auch soll die Pipeline von Usbekistan, Turkestan und Kasachstan ausgebaut werden, die noch unter sowjetischer Herrschaft entstanden war.

Die USA unterstützen ihrerseits Pipelines, die Erdgas aus Aserbaidschan, Turkmenistan und Kasachstan nach Westen bringen sollen, die Russland und den Iran aussen vor lassen. Zwischen Asien und den europäischen Märkten liegt Griechenland, das darum kämpft, nicht ins Fadenkreuz der russisch-amerikanischen Differenzen zu geraten. Die griechische Regierung bezieht bereits 2,4 Mrd m3 russisches Erdgas durch die zentrale Pipeline. Das interne Gas-Pipeline-Netz hat einen Umfang von 450 km und versorgt Gebiete in Makedonia, Thrakien, Thessaloniki, Volos, Inofita und den Grossraum Athen. Derzeit wird ganz Athen umgegraben, um das umweltfreundlichere Erdgasnetz in der schmutzgeplagten Hauptstadt zu installieren. In Thessaloniki wird ein Erdgas-Terminal installiert. Das Pipeline-Netz soll zum Peloponnes, nach Antikyra in Böotien (Viotia), Thessalien und Aliveri in Chalkida ausgebaut werden. Geplant ist auch der Bau eines Erdgaswerks auf Kreta.

Anzeige

Beim Erdgasverbrauch wird in Griechenland mit einer Steigerung von 3–4% jährlich gerechnet. Weil Erdgas günstiger ist als Erdöl, denkt die griechische Regierung daran, zusätzlich die alternativen Erdgasversorgungsquellen aus Katar, Libyen und Ägypten und natürlich aus Russland zu nutzen, welches seit Sowjetzeiten Grie- chenlands Hauptlieferant von Kohlenstoffprodukten ist. Obschon Putin sich zurzeit alle Mühe gibt, den griechischen Premier in seine Einflusssphäre zu ziehen, widersetzt sich Kostas Karamanlis den russischen Versuchen, da Griechenland vom Westen abhängig ist. So gerät nun der griechische Premier bei der Energiepolitik zwischen die Fronten. Wird er den Lockrufen aus Russland folgen? Dies ist das derzeitige Dilemma für Griechenland.