Die Finanzmarktkrise hat der Fondsindustrie massiv zugesetzt. Wie gross ist der Mittelabfluss?

Gérard Fischer: Die Investoren setzen vermehrt auf Geldmarktfonds. Alle andern Fondskategorien weisen Rückgänge auf. Im europäischen Fondsmarkt betrug der Mittelabfluss im 1. Halbjahr 2008 insgesamt rund 100 Mrd Euro. Es hat eine starke Absetzbewegung der Anleger stattgefunden. Hauptgrund dafür ist die deutliche Korrektur an den Aktienmärkten und die Flucht in Sicherheit.

UBS und Credit Suisse haben ihre Absolute-Return-Fonds nach massiven Kursverlusten und Geldabzügen liquidiert. Droht das auch bei anderen gleichartigen Fonds?

Fischer: Nein, das muss nicht sein. Es gibt einige Fonds, die über zwölf Monate immer noch eine positive Rendite oder geringe Wertverluste aufweisen. Anleger, die warten können, haben je nach Anlagepolitik durchaus intakte Chancen, ihr Anlageziel einer positiven Rendite über eine mittlere Frist zu erreichen. Es empfiehlt sich, die zu Grunde liegende Strategie und das Portfolio zu prüfen.

Hat das Konzept des Absolute-Return-Fonds mit den vermeintlichen Garantien für Gewinne ausgedient?

Fischer: Absolute-Return-Fonds haben niemals eine Garantie gegeben, im Gegensatz zu kapitalgeschützten Produkten. Die absolute Rendite wurde auch nicht auf eine kurzfristige Periode versprochen. Die ausserordentliche Situation an den Finanzmärkten hat dazu geführt, dass einige Anbieter mit ihrem Ansatz grössere Verluste erfahren haben im Vergleich zu den Erwartungen. Daneben gibt es aber diejenigen Anbieter, die mit einem anderen Ansatz grosse Verluste vermieden haben. Deshalb hat das Konzept, das sich an den Bedürfnissen der Anleger ausrichtet, nicht grundsätzlich ausgedient.

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Die Anleger ziehen ihr Geld teils überstürzt ab. Führt das nicht zu einem Liquiditätsproblem bei den Fondsgesellschaften?

Fischer: Einzelne Fonds waren mit grösseren Abflüssen konfrontiert und mussten zu ungünstigen Preisen ihre Verluste realisieren. Die Mehrheit der Fonds hatte jedoch keine Probleme und konnte die Rücknahmen jederzeit befriedigen.

Die Geldmarktfonds sind in der Gunst der Anleger. Zu Beginn der Subprime-Krise gerieten aber auch solche Vehikel in Schwierigkeiten.

Fischer: Die Geldmarktfonds decken ein breites Anlagespektrum ab, das von kurzfristigen Qualitätsanlagen, die liquide bleiben, bis zu aggressiven Strategien reicht, die über den Einstieg bei hochverzinslichen Konstrukten eine bessere Rendite anstreben. In diesem Sektor gab es einzelne Fonds in den USA und in Europa, die deswegen in Schwierigkeiten gerieten.

Die Aktienfonds haben massive Verluste erlitten. Was braucht es, damit das Vertrauen in diese Anlagekategorie wieder zurückkehrt?

Fischer: Notwendig sind langfristig denkende Anleger, die wieder in Aktien investieren. Derzeit konzentrieren sich die Mittel im Geldmarkt, in Kassenobligationen und in Sparkonti. Bis die Zuversicht zurückkehrt, wird noch einige Zeit vergehen.

Wie viel?

Fischer: Die staatlichen Sanierungsmassnahmen in der Finanzindustrie werden erst in ein bis zwei Monaten greifen. Bei der Wirtschaftsentwicklung sehen einige Prognostiker ganz schwarz, andere sind zurückhaltender, aber insgesamt dominiert doch eine pessimistische Stimmung. Inmitten von solchen Katastrophenszenarios braucht es einige Monate, bis sich der weitere Konjunkturverlauf richtig abschätzen lässt.

Bei einem Konkurs sind die von einer Bank ausgegebenen strukturierten Produkte wertlos, wie der jüngste Fall von Lehman Brothers zeigt. Fonds haben demgegenüber einen Vermögensschutz. Ist das kein Verkaufsargument?

Fischer: Durchaus. Aus diesem Grund haben die strukturierten Produkte auch noch viel grössere Einbussen erlitten als die Aktienfonds. Anlagefonds ermöglichen es dem Anleger, seine Gelder zu diversifizieren. Zudem sind die Mittel eines Fonds ausgesondert und fallen damit nicht unter die Konkursmasse.

Wie charakterisieren Sie die Anlagefonds gegenüber den strukturierten Produkten?

Fischer: Die Anlagefonds drängen sich für das langfristige Investieren auf, während die strukturierten Produkte eher für das Spekulieren geeignet sind. 68% der strukturierten Produkte und Derivate sind sogenannte Hebelprodukte. Das ist nach den jüngsten Erfahrungen nun etwas weniger gefragt. Die strukturierten Produkte sind deswegen nicht überflüssig, aber es wird den Ruf nach mehr Transparenz geben. Die höheren Kommissionen bei diesen Vehikeln dürften ebenfalls unter Druck geraten.

Gibt es einen Trend zu einfacheren Produkten?

Fischer: Ja, das wird bei den strukturierten Produkten und bei den Anlagefonds der Fall sein.

Das Sicherheitsbedürfnis hat nach dem staatlichen Rettungspaket für die UBS nochmals zugenommen. Spricht das für Anlageprodukte mit einem Kapitalschutz?

Fischer: Die Anleger kaufen solche Produkte, weil sie keine Verluste erleiden wollen. Es ist aber nicht möglich, eine zusätzliche Rendite zu erzielen ohne das Risiko eines Verlustes. Die kapitalgeschützten Fonds sind jetzt weniger beliebt, weil die Option auf steigende Märkte fehlt.

Wie sieht es bei den traditionellen Immobilienfonds aus?

Fischer: Das hängt von den einzelnen Märkten ab. In der Schweiz sind die Immobilienpreise sogar nochmals leicht gestiegen, bei stabilen Renditen. Die Immobilienanlagen bleiben weiterhin in der Gunst der Anleger.

Die Exchange Traded Funds (ETF) werden wegen der tiefen Gebühren geschätzt. Hält dieser Trend an?

Fischer: Da gilt es zu unterscheiden. Bei den ETF ist die Preisstellung nicht immer gleich gut wie bei einem Fonds, der ein fixes Pricing hat. Attraktiv sind sicher die Gebühren. Die Anleger sind jedoch zurückhaltend bei Produkten auf Indizes mit wenigen Titeln. Ein SMI, mit sehr vielen Finanzwerten, ist weniger diversifiziert als ein Indexfonds auf den SPI. Die Investoren sollten Indexfonds und ETF mit einer hohen Diversifikation bevorzugen.

Die Rohstoffpreise sind eingebrochen. Ist dieses Anlagethema bei den Fondsproduzenten in den Hintergrund gerückt?

Fischer: Da stellt sich die Frage: War das eine Anlagekategorie oder nur ein Modetrend? Rohstoffanlagen korrelieren nicht vollständig mit Investments in Aktien. Die Klimaerwärmung und die Energieversorgung sind vorübergehend von der Finanzmarktkrise aus den Schlagzeilen gedrängt worden. Tatsache ist aber, dass die Bevölkerung weiter wächst und der Rohstoffbedarf laufend zunimmt. Anlagen in Ressourcen, die für den Aufbau von Infrastrukturen benötigt werden, sind weiterhin sinnvoll.

Wie präsentiert sich die Situation mit den Schwellenländern?

Fischer: Das Angebot an Fonds ist in diesem Sektor bereits sehr gross. Einige Emerging Markets kann man noch entdecken.

Welche?

Fischer: Persönlich würde ich im asiatischen Raum investieren. Die demografischen Gegebenheiten und das Potenzial sind dort am grössten.

Mit dem Masterplan zugunsten des Finanzplatzes Schweiz soll auch die Fondsindustrie Auftrieb erhalten. War die Steuerbegünstigung für Single-Hedge- Fonds ein erster Schritt?

Fischer: Der Masterplan ist nötiger denn je, zeigt doch die Finanzkrise, wie verletzlich ein undiversifizierter Finanzplatz ist. Es ging bei den Hedge-Fonds nicht um Steuererleichterungen, sondern um die Klärung von offenen fiskalischen Fragen. Die Besteuerung dieser Firmen muss à la longue verhältnismässig sein, wie dies übrigens auch bei der Unternehmensbesteuerung der Fall ist. Die Schweiz kann aus dieser Krise durchaus gestärkt hervorgehen. Die bisherigen Offshore-Konstruktionen mit ihrem unregulierten Umfeld werden künftig wesentlich kritischer hinterfragt. Das spricht für einen Finanzplatz mit einer soliden Überwachung.

Ziehen die veränderten steuerlichen Bedingungen nun Hedge-Fonds aus London an?

Fischer: Im Moment findet in dieser Branche eine Konsolidierung statt. Aber bei neuen Anlage-Ideen für Hedge-Fonds kann die Schweiz attraktiv sein.

Die Hedge-Fonds weisen in diesem turbulenten finanziellen Umfeld ebenfalls eine schlechte Performance auf. Was spricht für solche alternative Investments?

Fischer: Die meisten Hedge-Fonds haben im Vergleich zu Aktienanlagen besser abgeschnitten. Es hat jedoch immer wieder Hedge-Fonds gegeben, die schliessen mussten oder eine schlechte Performance aufwiesen.

Die Pensionskassen können gemäss den neuen Anlagevorschriften ab nächstem Jahr in Hedge-Fonds investieren. Belebt das die Nachfrage?

Fischer: Die Vorsorgeeinrichtungen werden auch künftig nach interessanten Anlagemöglichkeiten Ausschau halten. Hedge-Fonds gehören dazu. Die Anforderungen an die Transparenz werden aber zunehmen. Vielleicht sind die Pensionskassen auch nicht mehr interessiert, in einen Hedge-Fonds auf den Cayman-Islands zu investieren, sondern bevorzugen ein Vehikel mit Domizil in der Schweiz.