Am 21. September, Punkt 9.30 Uhr, war für den Geschäftsmann Stefan K. nichts mehr so wie früher. Polizisten durchsuchten sein Wohnhaus in einem Vorort von Frankfurt. In seinem Arbeitszimmer beschlagnahmten sie sein Notebook sowie kistenweise Akten. Selbst im Keller fanden die Ermittler verwertbare Unterlagen.

Die Razzia war kein Einzelfall. Mehr als 160 Beamte stürmten am selben Tag Büros und Privatwohnungen in verschiedenen deutschen Städten und im österreichischen Kitzbühel. Bei mehreren Dutzend Verdächtigen suchten sie nach Beweisen für einen besonders pikanten Börsenskandal. Ausgerechnet Aktionärsschützer der Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger sollen vor Jahren mit dubiosen Börsenbriefschreibern und Unternehmern gemeinsame Sache gemacht haben. Mit Kursmanipulationen und Insiderhandel sollen sie mindestens einen Gewinn von 9 Mio Euro kassiert haben, ist die Münchner Staatsanwaltschaft überzeugt. Insider gehen gar von deutlich mehr aus. Drei Verdächtige sitzen bereits in Untersuchungshaft.

Schweizer Firmen involviert

Die Affäre zieht immer grössere Kreise - bis in die Schweiz. Die Münchner Ermittler untersuchen Handelsgeschäfte mit Aktien von zwei Schweizer Firmen. Und zwei Börsenbriefe, mit denen angeblich die Papiere preistreibend hochgelobt wurden, haben ihren Sitz in Zürich. Ob bereits Rechtshilfe in der Schweiz beantragt wurde, wollte die Münchner Staatsanwaltschaft «aus ermittlungstaktischen Gründen» nicht offenlegen.

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Das kriminelle Netzwerk startete seine Tricksereien vor fünf Jahren. Im Zeitraum zwischen Februar 2005 bis Januar 2008 fanden die Ermittler insgesamt 20 Fälle, bei denen mit bezahlten Jubelmeldungen ein zum Teil um das Hundertfache überteuertes Aktienkursniveau erzeugt wurde, heisst es in Fahnderkreisen.

Die zumeist wenig werthaltigen Papiere hatten die Drahtzieher zuvor billig erworben. Ahnungslose Anleger, die auf die Empfehlungen der Börsenbriefe vertrauten und ebenfalls kauften, blieben nach dem Ausstieg der skrupellosen Zockerbande auf riesigen Verlusten sitzen. Die Staatsanwälte analysieren in diesem Zusammenhang auch Transaktionen mit Aktien von zwei kleinen Schweizer Firmen. Die eine stammt aus der Solarbranche. Bei der zweiten handelt es sich um ein Private-Equity-Unternehmen, das junge Firmen finanziert.

Die Kursmanipulation lief immer nach demselben Muster ab. Anschauungsunterricht liefert der Fall der Biotechklitsche Nascacell Technologies aus München. Im Jahr 2006 empfahl laut «Spiegel Online» der Schweizer Börsenbrief International Stock Picker die Aktie. Das Papier sollte laut den Zürcher Experten bis auf einen Kurs von 20 Euro steigen. Stattdessen stürzte der Preis am Ende auf einen Wert von wenigen Cent ab. Die Bandenmitglieder hatten bei einem Kurs von rund 8 Euro Kasse gemacht.

Ahnungsloser Schweizer Anwalt

In die dubiosen Marketing- aktionen für die Ramschpapiere waren laut Ermittlern 18 Börsenbriefe verstrickt, zwei davon in Zürich. Sowohl der International Stock Picker wie auch der Swiss Cap Scout publizierten bestellte Meldungen. Beide gehören laut Impressum zur ISCR Independent Small Cap Research AG. Deren Geschäftsführer war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Im Verwaltungsrat von ISCR sass bis Sommer 2009 der Zürcher Anwalt Daniel Fischer. «Ich hatte keinerlei Verdachtsmomente», sagt Fischer, «verliess den Verwaltungsrat aber sofort, als solche eintraten.» Er habe der zuständigen Staatsanwaltschaft seine «Kooperation angeboten».