SBB Cargo hat vor Kurzem die Eckpfeiler der neuen Strategie bekannt gegeben: Neben der Auslagerung des internationalen Transitgeschäfts in eine eigenständige Firma will SBB Cargo auch im schweizerischen Wagenladungsverkehr (WLV) eine Kurskorrektur vornehmen - und langfristig rentabel werden.

Eine Auslegeordnung zum Schienengüterverkehr in der Schweiz zeigt, dass in keinem anderen Land so viele Güter auf der Schiene transportiert werden wie in der Schweiz: Der Anteil des Schienengüterverkehrs an der gesamten Transportleistung liegt mit 40% weit über dem EU-Durchschnitt von 19%. Man stelle sich - als kleines Gedankenspiel - einmal vor, alle auf der Schiene transportierten Güter würden auf der Strasse befördert. Die Stauzeiten auf den Autobahnen im Mittelland und am Gotthard würden massiv zunehmen. Und eine deutliche Zunahme des CO2-Ausstosses wäre zu spüren, denn die Bahn entlastet die CO2-Emissionsbilanz der Schweiz jährlich um über 4 Mio t.

Güterverlagerung weiterführen

Ziel der Schweizer Verkehrspolitik ist daher, den Anteil der auf der Schiene transportierten Güter weiter zu erhöhen. Das Verlagerungsziel wird durch verschiedene regulatorische Massnahmen unterstützt, etwa das Nacht- und Sonntagsfahrverbot für Lastwagen oder die Einführung der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe LSVA. Mit der Finanzierung der Bahninfrastruktur schafft der Bund zudem die Voraussetzung dafür, dass der Güterverkehr auf der Schiene im Wettbewerb mit der Strasse konkurrenzfähig bleibt. Die günstigen Rahmenbedingungen sind allerdings auch mit erhöhten Anforderungen an das Angebot verbunden. Der Leistungsauftrag verlangt eine flächendeckende Versorgung bei einer gleichzeitigen Eigenwirtschaftlichkeit des ganzen Systems.

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Aber nicht nur die eidgenössische Politik, auch die Schweizer Industrie setzt stark auf die Bahn als ökologisches und ökonomisches Verkehrsmittel. Mit jährlich rund 20 Mio Fr. investieren Schweizer Unternehmen etwa gleich viel in die Anbindung ih- rer Industriestandorte und Umschlagszentren wie der Bund als Eigner der SBB Infrastruktur. Etwa 90% aller Güter im Wagenladungsverkehr werden über private Anschlussgeleise transportiert. Unternehmen wie Migros, Holcim oder Esso besitzen zudem eigene Rangierfahrzeuge sowie eigenes Rollmaterial und haben ihre Logistikabläufe stark auf den Schienen- oder den Kombinierten Schienen-/Strassentransport ausgerichtet.

Der Schienengüterverkehr kann seine Vorteile als leistungsfähiger Verkehrsträger vor allem dann verstärkt ausspielen, wenn Güter direkt - also ohne Wechsel des Transportmittels - zugestellt werden. Dazu braucht es zwingend Anschlussmöglichkeiten und effiziente Umschlagsanlagen. Für SBB Cargo als grösster Schweizer Schienengütertransporteur sind deshalb die privaten Investitionen in die Infrastruktur essenziell für einen effizienten Betrieb.

Berechenbare Angebote

Die Investitionen der Kunden in das System Schiene bedeuten für SBB Cargo aber auch eine Verpflichtung zu strategischer Stabilität und Berechenbarkeit des Angebots.

Wo aber können die Verantwortlichen bei SBB Cargo nun ansetzen, um das Unternehmen in die Rentabilitätszone zu führen? Die Angebotsqualität des Wagenladungsverkehrs umfasst neben dem Bediennetz auch Leistungsmerkmale wie Bedienhäufigkeit und Zuverlässigkeit, also Pünktlichkeit und Liefertreue. Und wie in anderen Märkten sind die Anforderungen der Kunden sehr unterschiedlich und wachsen stetig. So wird heute immer häufiger die Integration des Lieferanten in die Supply-Chain des Unternehmens verlangt - mit entsprechend engen Bedienfenstern und präzisen Anforderungen an die Pünktlichkeit. Oder es werden spezifische Lösungen für Industrien entwickelt, die sich bisher stark auf die Strasse konzentrierten - zum Beispiel in der Abfallbewirtschaftung. Während einige Branchen nach festen Routinen planen und disponieren müssen, kommt es bei anderen auf höchste Flexibilität an, die sich verschieden präsentiert.

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Kurzstrecken in der Schweiz

Die Ansprüche der Kunden treffen faktische Rahmenbedingungen, welche die Freiheitsgrade für SBB Cargo bei der Gestaltung des Angebots weiter erheblich einschränken. So sind nirgendwo die Transportdistanzen so kurz wie hierzulande: Im Schnitt ist eine Ladung in der Schweiz nur 145 km unterwegs, in der EU sind es 250 km. Der kleinflächige Markt beschränkt sowohl die Skalierbarkeit des Angebots als auch die Expansionsmöglichkeiten. Das Bekenntnis der SBB zu einem starken und nachhaltigen Wagenladungsverkehr ist bei der Schweizer Wirtschaft auf positive Resonanz gestossen.

Bevor jedoch definitive Entscheide gefällt und Massnahmen zur Umsetzung getroffen werden, sind noch viele Abklärungen notwendig. Die neue Strategie im Schweizer WLV wird in den nächsten drei Jahren schrittweise umgesetzt. Ziel von SBB Cargo ist es, dass der Schweizer Wagenladungsverkehr bis Ende 2013 ein positives Ergebnis erzielt, das auch die Re-Investitionen in Rollmaterial und den Finanzaufwand abdeckt.

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