Schon zur Römerzeit sollen auf dem Gebiet der zur sogenannten Bündner Herrschaft zählenden Weinbaudörfer Maienfeld, Fläsch, Jenins und Malans sowie der weiter rheinaufwärts gelegenen Gemeinden Reben kultiviert und deren Trauben zu Wein verarbeitet worden sein. Bis ins 17. Jahrhundert baute man vornehmlich weisse Sorten an, vor allem Elbling und Completer. Zur Zeit des 30-jährigen Krieges (1618-1648) brachten Söldner aus dem Burgund Pinot-noir-Reben mit, die auf den kalkhaltigen Schieferböden und im milden, sonnigen Föhnklima gut gediehen und innert kurzer Zeit die weissen Sorten zurückdrängten. Heute sind im Bündner Rheintal 324 ha mit Blauburgunderreben bestockt, was einem Rebflächenanteil von 77% entspricht.

Vom Neben- zum Haupterwerb

Doch trotz der langen Weinbautradition wurde bis in die 1980er-Jahre im Bündner Rheintal kaum professioneller Weinbau betrieben. Die Winzer, die sich ganz auf den Weinbau konzentrierten, und nicht auch noch Felder bestellten und Vieh hielten, waren an einer Hand abzuzählen. Zu den Pionieren gehörte damals Thomas Donatsch aus Malans, der 1973 erstmals seinen Pinot noir der Lage «Spiger» in drei gebrauchten Burgunder-Pièces ausbaute, die er vom Kellermeister der Domaine de la Romanée-Conti geschenkt bekommen hatte.

Frischen Wind in das von Traditionsstarre gekennzeichnete Gebiet brachte in den 1980er-Jahren das Fläscher Quereinsteigerpaar Daniel und Martha Gantenbein, deren selbstgesetztes Ziel es war, gehaltvolle, langlebige Weine zu erzeugen. 1982 kelterten sie ihren ersten Blauburgunder, einen im Stahltank ausgebauten Landwein, der sich im Charakter zwar nicht von den anderen Erzeugnissen der Region unterschied, der aber dank strikter Traubenselektion und Mengenbeschränkung um eine Spur besser war und sie in ihrer Überzeugung bestätigte, dass noch viel mehr möglich sei. Die extraktreichen, samtigen Burgunder Pinot noirs als Referenz vor Augen, reduzierten sie den Ertrag nochmals drastisch, verlängerten den Maischekontakt des Traubenmos-tes und liessen ihren Blauburgunder von nun an in kleinen Fässern reifen. Daniel und Martha Gantenbeins stoffig-komplexer Pinot noir avancierte zum Referenz-Gewächs für die ehrgeizigen Exponenten der bestens ausgebildeten, jüngeren Winzergeneration.

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Beeindruckend grosse Elitetruppe

Inzwischen sind etliche Jahre ins Land gegangen, und wie in anderen Weinbaugebieten der Schweiz hat sich auch im Bündner Rheintal eine beeindruckend grosse Elitegruppe von Selbstkelterern herangebildet, die mit ihren qualitativ hochstehenden Pinot-noir-Gewächsen den internationalen Vergleich nicht mehr zu scheuen brauchen.

Neben dem dominierenden Blauburgunder und der weissen Hauptsorte Riesling x Silvaner, mit der 32 ha bestockt sind, werden auf insgesamt 40 ha die weissen Spezialitäten Chardonnay, Grauburgunder, Weissburgunder und Sauvignon blanc kultiviert. Nur noch gerade auf 2 ha bringt es dagegen die autochthone weisse Sorte Completer, die bereits im Jahre 926 erstmals urkundlich erwähnt wird. Seinen Namen soll dieser ebenso körperreiche wie säurebetonte Wein dem Brauch der Chorherren des Churer Stifts verdanken, die sich jeweils nach dem Abendgebet, dem Completorium, einen ordentlichen Schluck dieses kräftigenden Rebensafts gönnten.

Wegen seiner markanten Säure und seiner Frostanfälligkeit im Frühjahr fiel der Completer jedoch Ende des 19. Jahrhunderts in Ungnade. Überlebt hat er nur auf einigen wenigen kleinen Parzellen. «Wenn man den Completer an guten Lagen pflanzt und den Ertrag tief hält, kann man aus ihm vielschichtige, langlebige Weine keltern», verrät der Fläscher Winzer Peter Hermann, dessen in 500-l-Fässern ausgebauter Completer zu den Vorzeigeerzeugnissen dieser Sorte gehört.