Unter den Bögen einer Eisenbahn haben sich in den vergangenen Jahren im hippen Londoner Viertel Bermondsey zahlreiche kleine Brauereien eingerichtet.

Die Räume voller schillernder Fässer, Rohre und Ventile sind das sichtbare Zeichen eines Trends in Grossbritannien: weg vom Bier der multinationalen Brauereikonzerne, hin zum individuellen Bier aus lokalen Rohstoffen.

Trinkkultur ändert sich

Die neueste Gründung ist das Unternehmen UBrew, das es angehenden Brauern erlaubt, ihr eigenes Bier zu brauen. «Wir erleben die Weinifizierung des Biers», sagt Will Horsfall, Mitbegründer von UBrew, der Nachrichtenagentur AFP. "In derselben Art, wie Leute seit langem über Traubensorten und regionale Unterschiede sprechen, tun sie es nun bei Bier.»

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Allgemein würden die Briten heute mehr des Geschmacks wegen trinken als wegen der Rauschwirkung. «Der Alkoholgehalt ist Teil des Vergnügens, doch er ist nicht alles», glaubt Horsfall, dem zufolge London gerade zu einem der spannendsten Orte Europas für Bier wird.

Licht im Tunnel

Für die britischen Pubs, die seit Jahren unter einem Rückgang der Besucher leiden und dutzendfach jede Woche zum Schliessen gezwungen sind, ist der neue Trend ein Hoffnungsschimmer. Unabhängige Pubs setzen mit ausgefallenen Sorten darauf, die Krise durch Qualität statt durch Quantität zu überwinden.

Einen wichtigen Schub haben diese Pubs durch ein neues Gesetz erhalten, dass die traditionelle Bindung der Pubs an riesige Betreibergesellschaften unter Kontrolle der grossen Brauereien beendet.

Zwangsjacke wird gelockert

Der Mitbesitzer des Eagle Ale House im Süden Londons, Simon Clarke, sieht in dem seit März geltenden Gesetz eine wichtige Voraussetzung, um die Auswahl in den Pubs zu vergrössern. Zudem reduziere es die Kosten für die Pub-Besitzer, die nicht länger gezwungen sind, ihr Bier über die Pub Companies zu kaufen, sagt Clarke.

Gemeinsam mit anderen unabhängigen Pub-Besitzern hatte er sich für die Aufhebung der jahrhundertealte Bindung der Pubs eingesetzt, der rund die Hälfte der Kneipen unterlagen.

Fixe Preise für Pubs

Gemäss dem System gewährten die grossen Pub Companies als Eigentümer der Kneipen den Betreibern eine deutlich reduzierte Miete. Wie die Präsidentin der British Beer & Pub Association, Brigid Simmonds, erklärt, zahlten sie nur ein Zehntel der eigentlichen Miete.

Im Gegenzug waren die Betreiber aber verpflichtet, von den Gesellschaften das Bier zu festen Preisen abzunehmen. Dies kam die Betreiber langfristig teuer zu stehen und führte ausserdem dazu, dass viele Pubs das gleiche Bier und Essen anboten.

Alkoholkonsum sinkt

Auch wenn am Wochenende die Innenstädte weiter voller Pubgänger sind, ist der Alkoholkonsum seit 2004 offiziellen Zahlen zufolge um 18 Prozent gesunken. Die Pubs leiden unter der Konkurrenz der Supermärkte wie unter dem Rauchverbot und veränderten Trinkgewohnheiten der Briten.

Laut der Lobbygruppe Campaign for Real Ale (Camra) schliessen in Grossbritannien jede Woche 29 Pubs. Die Kneipen, die eigentlich zur britischen Kultur gehören wie Fussball und Fish-and-Chips seien «derzeit bedroht wie nie zuvor».

Industriebier ist langweilig

Laut dem Camra-Mitglied Roger Protz hat die Krise auch mit dem Überdruss der Briten mit dem gleichförmigen Bier der multinationalen Konzerne zu tun. «Zu lange haben die Leute Industriebiere globaler Brauereien getrunken, die nur für Profit gebraut werden», sagt Protz bei einem Pint.

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Da komme der Trend zu individuellem Bier, der in den vergangenen fünf Jahren zu einer Verdreifachung der Gründungen neuer Brauereien geführt hat, gerade recht. «Die Leute suchen nun nach einer Sache allein und das ist Geschmack.»

(sda/mbü)