Grosser Medienrummel in der Hafenstadt St. Nazai-re, im Westen Frankreichs am Atlantik. Der Grund: Die italienischstämmige MSC Cruises mit schweizerischem Firmensitz lud kürzlich zu zwei für eine Reederei bedeutenden Ereignissen die MSC Fantasia absolvierte ihre ersten Schwimmtests auf dem Meer; die MSC Splendida erlebte ihren Stapellauf und wurde zu Wasser gelassen. Bei den Neubauten handelt es sich um die grössten je für einen europäischen Eigentümer gebauten Kreuzfahrtschiffe.

25 neue Schiffe von zwei Giganten

MSC Cruises ist bei weitem nicht die einzige Kreuzfahrtgesellschaft, die in den kommenden Monaten den Markt aufmischen will. Vor allem die Reederei-Giganten treiben ihre Expansion voran  die Kreuzfahrt-industrie scheint wie kein anderer Tourismussektor sogar den Tiefs der Wirtschaft zu trotzen. Zusammengezählt schicken die Carnival Corporation und die Royal Caribbean Cruise Line bis Ende 2012 total 25 Neubauten ins Rennen.

Neun der bis Ende 2009 noch zu lancierenden 13 Schiffe stammen von den Weltmarktführern. Daneben wirken die Projekte der verbleibenden Anbieter eher bescheiden, obwohl es sich um eine Jacht (Silversea) und einen Segler (Sea Cloud) handelt. Acht dieser 13 Neubauten bringen es auf eine Tonnage von mehr als 100000 BRZ. Besonders spektakulär wird die Premiere der Oasis of the Seas, des mit Abstand grössten Kreuzfahrtschiffs der Welt.

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Nicht zu vergessen, dass 2008 bereits knapp ein Dutzend Neubauten dazugekommen sind. Die 13 weiteren neuen Schiffe bis 2010 entsprechen einer Kapazität von über 34000 Passagieren, für die es zusätzlich Kundschaft zu gewinnen gilt dies im Schnitt Woche für Woche. Bis Ende 2008 dürfte es mehr als 300000 Betten auf über 200 schwimmenden Hotels auf allen Weltmeeren geben, wie den Statistiken der Cruise Lines International Association zu entnehmen ist. In den vergangenen zehn Jahren wurden der amerikanischen Organisation zufolge gut 100 Neubauten in Dienst gestellt.

Letztlich wollen die Investitionen von 0,8 bis 1,4 Mrd Fr. für einen Ozeanreisen mit mehr als 100000 BRZ wieder reingeholt werden. Das Angebotswachstum widerspiegelt sich indes im Nachfragewachstum: Innert zehn Jahren hat sich die jährliche Passagierzahl auf über 15 Mio mehr als verdoppelt, so der European Cruise Council. Spitzenreiter sind die Amerikaner mit rund 10 Mio. Dahinter folgen die Europäer mit fast 4 Mio. Die beliebtesten Kreuzfahrtreviere sind die Karibik (Amerikaner) und das Mittelmeer (Europäer).

Bald 70000 Schweizer Passagiere

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es für die Schweiz keine erhobenen Marktdaten. Basierend auf einer Umfrage unter den hierzulande aktiven Reedereien schätzt die «Handelszeitung», dass 2008 bis zu 70000 Reisende aus der Schweiz eine Hochsee-Kreuzfahrt gemacht haben werden. Das deckt sich als logische Konsequenz mit den Zahlen, welche die Fachzeitung «Travel Inside» recherchiert hat: 60000 bis 65000 Passagiere für 2007, dies bei erneut zweistelligen Zuwachsraten.

In unserem nördlichen Nachbarland gibt es die jährliche Marktstudie des Deutschen Reiseverbands (DRV). Für 2007 verbuchten die befragten Anbieter gegenüber 2006 ein Plus von 8,2% auf 762753 Passagiere. Setzt man dieses Total mit demjenigen aus der Schweiz in Relation, so lässt sich folgern, dass, gemessen an der Gesamtbevölkerung der beiden Länder, jeweils etwas mehr als jeder 100. Einwohner eine Hochsee-Kreuzfahrt macht.

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Weniger eindeutig, aber nicht minder interessant lassen sich die weiteren Fakten der Marktstudie des DRV auf die Schweiz projizieren: Vergangenes Jahr konnten die befragten Reedereien ihren Gesamtumsatz in Deutschland um 5,8% auf 1,44 Mrd Euro steigern, obwohl sich der durchschnittliche Reisepreis von 1928 auf 1885 Euro verringerte. Gleiches gilt für die durchschnittliche Kreuzfahrtendauer, die im Vorjahresvergleich von 9,70 auf 9,35 Tage abnahm. So gesehen dürften die Reedereien in der Schweiz vergangenes Jahr gegen 200 Mio Fr. umgesetzt haben. Die Bandbreite reicht dabei von einer Mittelmeer-Schiffsreise unter 2000 Fr. bis hin zur Antarktis-Expedition von über 30000 Fr.

Die Machtverhältnisse sind dafür unverkennbar: In der Schweiz ist Costa Cruises gehört zur Carnival Corporation seit Jahren die Nummer eins. Die «Handelszeitung» vermutet, dass die Zürcher Niederlassung dieses Jahr an die 30000 Passagiere generieren wird. Dies entspricht einem Marktanteil von beinahe 45%. Dahinter folgt als schärfster Verfolger MSC Cruises mit geschätzten 22000 Passagieren (Marktanteil von über 30%). Auf dem dritten Rang liegt die Royal Caribbean Cruise Line (RCCL) mit vermuteten 5500 Passagieren (Marktanteil von gut 8%). Und die Norwegian Cruise Line (NCL) sieht ihr Stück am Schweizer Kuchen bei 4 bis 5%. Dies würde für einen Wert von 3500 Passagieren sprechen. Dahinter wird das Feld rasch dünn.

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Folgt Offensive aus Deutschland?

Obwohl der deutschsprachige Kreuzfahrtenmarkt vom hohen Norden aus kontrolliert wird, hat das Wirken der Seefahrernation noch nicht allzu starken Einfluss auf unser Binnenland. Aida Cruises gehört zur Carnival Corporation sieht sich in Deutschland eindeutig als Marktführer. Fast jeder dritte deutsche Kreuzfahrtenurlauber verreist mit deren Clubschiffen. Hierzulande ist die expandierende Flotte mit dem roten Kussmund am Heck noch wenig bekannt. Aida scheint mehr mit ihrem eigenen Wachstum im Heimmarkt beschäftigt zu sein.

Einen grösseren Bekanntheitsgrad hat Hapag-Lloyd Kreuzfahrten gehört zu TUI Travel. Vor allem die Premium-Angebote der MS Europa sind ein Begriff. Die Schiffsreisensparte von Hapag-Lloyd, die im Gegensatz zur Frachtreederei nicht vom Reisekonzern TUI abgestossen werden soll, erhält eine Schwester: TUI Cruises. Dabei handelt es sich um ein Joint Venture von TUI und RCCL. Gemeinsam will man den deutschsprachigen Volumenmarkt erobern; ab 2009 mit einem umgebauten Schiff von RCCL und 2011 bzw. 2012 mit je einem Neubau.

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