Edgar Oehler ist Optimist. «Wir haben Köpfe zum Denken, nicht zum Schütteln», pflegt der Chef des Arboner Bauzulieferers AFG Pessimisten zu belehren. Abschwung in der Bauindustrie? «Nicht bei uns», kontert Oehler. «Die Bücher für das laufende Jahr sind voll, wir sind sehr gut aufgestellt.» AFG werde mit Küchen, Fenstern und Türen vom Bodensee die internationalen Märkte erobern. 2008 bläst der Vollblutunternehmer zum Feldzug in Osteuropa und Russland. Später will er sich Fernost vorknöpfen. Die erlahmenden Bauaktivitäten in Westeuropa beunruhigen ihn nicht, sie scheinen ihn eher zu motivieren: Wie zum Beweis liess Oehler für 40 Mio Fr. in Rekordzeit auf Arboner Wiesen ein ausladendes Konzernhauptquartier errichten, stolz wie eine Trutzburg, nachts hell beleuchtet, unwirklich wie ein Raumschiff.

Die Belegschaft ist begeistert, die Investoren aber bleiben skeptisch – AFG hat seit Juni 2007 im Strudel der Immobilienkrise nahezu 50% des Börsenwerts verloren. Dieses Schicksal ereilte fast alle Schweizer Industriefirmen: Die Entwicklung der Aktienkurse hat sich in den vergangenen Monaten von den Fundamentaldaten der Firmen abgekoppelt. Hauptgrund: Finanzinvestoren, den Atem des Konkursrichters im Nacken, verscherbelten ihre Beteiligungen und schickten die Titel auf Talfahrt. Unzählige Kleinanleger sprangen in Panik hinterher. Prominentes Beispiel: Der klamme US-Hedge- Fonds Focus Capital, der seine millionenschweren Aktienpakete an diversen Schweizer Industriefirmen auf einen Schlag veräussern musste und den Titeln so Verluste von bis zu 40% zufügte (siehe auch Seite 16).

USA haben wenig Einfluss

Die Quintessenz dieser Entwicklung lautet zumindest vorläufig: Gute unternehmerische Leistung führt nicht automatisch zu steigenden Kursen. Dass gerade in diesen Wochen die Jahreszahlen anstehen, kommt Firmenchefs gelegen. Mit guten Nachrichten können sie das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen. Und ihre Chancen stehen gut. Denn die Aussichten der Schweizer Industrie sind nach wie vor positiv. Zwar schwächeln die USA, doch das trifft die Firmen nur am Rande – sie sind breit abgestützt, im Schnitt exportieren sie nur gut 10% ihrer Produkte in die USA. Mit 28% viel wichtiger ist Deutschland.2007 sandten Schweizer Industriefirmen Waren im Wert von 78 Mrd Fr. ins Ausland (siehe Grafik), 12% mehr als im Vorjahr. Auch für 2008 sind die Unternehmen zuversichtlich: «Trotz Turbulenzen auf den Finanzmärkten haben sich die Aussichten für die MEM-Industrie kaum verändert», heisst es beim Branchenverband Swissmem. Sehr positiv sind die Perspektiven für die Hersteller von Präzisionsinstrumenten. Gut positioniert sind auch global stark aufgestellte Bauzulieferer wie der Zementhersteller Holcim (siehe «Nachgefragt»). Die Anlagen- und Maschinenbauer weisen per Ende 2007 rekordhohe Auftragsbestände aus, die Abwicklung wird mehrere Monate bis einige Jahre in Anspruch nehmen. Der Anlagenbauer Schlatter etwa nimmt bereits Bestellungen für 2009 entgegen.«Auch unser Auftragspolster dürfte uns über 2008 hinaus beschäftigen», sagt Ton Büchner, CEO des Industriezulieferers Sulzer. Per Ende 2007 lag der Bestellungsbestand bei rekordhohen 1,97 Mrd Fr., der Umsatz erreichte 3,53 Mrd Fr. Eine Vorschau auf die Auftragslage 2009 gibt Sulzer nicht, Büchner lässt aber durchblicken, dass der Konzern mindestens mit dem Markt wachsen dürfte. Zwar werde die Nachfrage moderat abkühlen – doch Sulzer reagiert spätzyklisch, eine Abkühlung dürfte erst in ein bis zwei Jahren sichtbar werden. Ein tieferes Marktwachstum erwarte man hauptsächlich im umsatzmässig weniger wichtigen Papier- und Zellstoffgeschäft. Im Pumpenbereich dagegen, der gut 50% zum Umsatz beiträgt und vorwiegend die Öl- und Gasindustrie beliefert, rechnet Büchner auch mittelfristig mit einer starken Nachfrage.

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Höhere Kosten drücken Marge

Manche Firmen kämpfen derzeit mit Kapazitätsengpässen, darunter der Zulieferer Georg Fischer (GF) und der Aufzug- und Fahrtreppenhersteller Schindler. Bei GF versagte das Projektmanagement, als die Autosparte mit Aufträgen überflutet wurde. Resultat: 15 Mio Fr. Verlust und eine tiefere Betriebsmarge. «Die Lage normalisiert sich aber im 1. Halbjahr 2008», sagt CEO Kurt Stirnemann.Neben Engpässen bremsen steigende Energie- und Rohwarenpreise sowie ungünstige Währungsstrukturen das Wachstum der Firmen. «Wir werden 2008 aufgrund von Währungseffekten zwei bis drei Prozentpunkte einbüssen», bestätigt etwa Schindler-CEO Alfred N. Schindler. Trotzdem ist er sicher, die Ebit-Marge 2008 von 9,2 auf 10% steigern zu können. Wie andere Firmen auch kann Schindler dank seiner Preismacht steigende Preise fast vollständig auf die Kunden überwälzen. «Höhere Energiepreise, etwa für Treibstoff, bewältigen wir mit Flottenmanagement», erklärt Jürgen Tinggren, CEO des Schindler-Lift- und -fahrtreppengeschäfts. Negative Währungseffekte und höhere Personalkosten würden mit Effizienzsteigerungen kompensiert. Zudem werde man die Forschung und die Entwicklung vorantreiben. Auch mit neuen Nischen lässt sich die Rendite steigern. So beliefert die GF-Rohrleitungssparte neu den US-Solarkonzern Sunpower mit einem Produktpaket aus Rohren, Ventilen, Messgeräten und Serviceleistungen. Die Ebit-Marge auf solchen Aufträgen dürfte gegen 15% betragen. Zum Vergleich: Die GF-Rohrleitungssparte erzielte 2007 mit 11,5% die höchste Ebit-Marge aller drei Konzernsparten.