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Industrie in der Krise: Ein Sturm zieht auf

Siemens Schweiz: Ein Teil der Produktion wird nach China und Rumänien verlagert. (Bild: Keystone)

Siemens streicht in der Schweiz mehr als 200 Stellen, die Frankenstärke zehrt an der Substanz von kleinen und mittleren Betrieben. Wer überleben will, prüft die Verlagerung der Produktion ins Ausland.

Von Bernhard Fischer
am 19.09.2012

Die Stahlcontainer vor dem Haupteingang der PPC Eletronic in Cham sind rostig. Alte Holzpaletten liegen ungenutzt auf dem Parkplatz herum. Die Nummernschilder der Firmenwagen sind abmontiert. Der Leiterplattenhersteller ist in Konkurs, der Betrieb eingestellt und die Abrissbewilligung liegt bereits vor. «Danke für Ihre Mithilfe», steht auf einem Flugblatt neben dem Personaleingang.

PPC wird kein Einzelfall bleiben. Die hohen Produktionskosten in der Schweiz machen der Industrie zu schaffen. Vor allem die Frankenstärke ist eine Zeitbombe. Der Mindestkurs von 1.20 gegenüber dem Euro sorgte zwar für eine gewisse Entspannung. Doch die Reserven der Firmen schrumpfen. In den kommenden Monaten drohen harte Einschnitte.

Bei Siemens zeigt sich das schon heute: Am Morgen kündigte der Konzern an, in der Schweiz rund 220 Stellen abzubauen. Johannes Milde, Chef der Abteilung Gebäudetechnologie von Siemens, rechtfertigte den Stellenabbau mit der schwächelnden Wirtschaft und dem teuren Franken. Eine Schweizer Arbeitsstunde habe sich um 25 Prozent verteuert.

Die Siemens-Produktion wird teilweise ins Ausland verlagert: Nach China und Rumänien. Milde sagt, die Schweiz könne bei den Kosten zum Beispiel nie gegenüber Rumänien konkurrenzfähig sein. «Wir müssen uns aber fragen, wie die Schweiz mit Ländern wie Deutschland und Italien mithalten kann.»

PPC verlagerte zu spät

Siemens dürfte damit nicht alleine bleiben: «Für eine Reihe Schweizer Firmen gibt es einen hohen Druck, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern», sagt Beatrix Morath, Managing Partner von Roland Berger Schweiz. Der Kostensenkungsbedarf liege bei 20 Prozent aufwärts. 10 Prozent seien mit kleineren Optimierungen auch im Inland realisierbar. Darüber hinaus helfen nur noch neue Geschäftsmodelle und Strukturen.

Auch Berater Bryan De Blanc von KPMG sagt: «Fast die Hälfte der Firmen hat laut unseren Umfragen bereits Teile der Produktion wegen des starken Frankens verlagert. Und viele weitere denken darüber nach – nicht nur aus Kostengründen, sondern auch, um näher beim Kunden zu sein.»

Solche Ratschläge können PPC nicht mehr helfen. Noch vor einigen Jahren war man der grösste Arbeitgeber in Cham mit rund 500 Angestellten. Ab 2008 begann es zu kriseln. Das Unternehmen baute schliesslich 400 Industriejobs ab. Seit August stehen auch die letzten rund hundert Mitarbeiter auf der Strasse. Die Projekte, Teile der Produktion nach China zu verlagern, waren zu spät angelaufen.

Massive Abbauwelle in Sicht

Derweil versuchen andere noch rechtzeitig zu handeln, um sich zu retten. Hektisch geht es derzeit in so manchen Chefetagen von Schweizer Industriefirmen zu. Glaubt man den Aussagen verschiedener Firmenberater, kündigt sich eine massive Abbauwelle an.

Laut Roland Berger können sich etwa Patrons von Maschinenbauern im Berner und Solothurner Raum mit 200 bis 300 Millionen Franken Umsatz vieles vorstellen. Sie spielen mit dem Gedanken, ausländische Töchter in China, Deutschland oder Osteuropa nicht nur als verlängerte Werkbank zu nutzen, sondern komplette Produktionsschritte dorthin zu verlagern.

Zu hoher Stundenlohn

Traditionell handwerkliche Arbeitsschritte wie Schweissen oder Schaltschrankbauen können nicht mehr in der Schweiz gemacht werden, weil der Stundenlohn zu hoch ist. «Im 2. und 3. Quartal dieses Jahres führen wir bereits viele Gespräche über Aus- und Verlagerungen», sagt Beraterin Morath.

Laut dem Präsidenten des Industrieverbands Swissmem, Hans Hess, sind die Auftragseingänge schon seit fünf Quartalen hintereinander negativ. «Nach drei Jahren in der Verlustzone ist eine Auslandverlagerung von Teilen des Einkaufs oder der Produktion möglicherweise ein Lösungsansatz.»

Lesen Sie den ganzen Artikel zu Verlagerungen in der Schweizer Industrie in der aktuellen Ausgabe der «Handelszeitung».

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