Die Converium-Aktien haben letztes Jahr 43% zugelegt, dieses Jahr rund 10%. Wie gehts weiter?

Inga Beale: Es gibt gewisse Finanzanalysten, die meinen, die Aktie sei zu teuer. Dazu möchte ich keinen Kommentar abgeben nur so viel: Ich bin von der Zukunft Converiums überzeugt.

Sie sehen also Aufwärtspotenzial?

Beale: Durchaus.

Überzeugt von der Zukunft ist auch der Hauptaktionär, Martin Ebners Beteiligungsgesellschaft Patinex?

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Beale: Offensichtlich. Für Converium ist es gut, derart wichtige Aktionäre zu haben und sich mit ihnen über die Strategien auszutauschen. Mehr kann ich dazu allerdings nicht sagen, denn wir treffen uns mit dem neu zusammengesetzten Verwaltungsrat im Juni, um unternehmensstrategische Fragen zu erörtern.

Herr Ebners Erfahrung als Financier ist für Sie von Vorteil?

Beale: Jeder grössere Aktionär bringt seine Erfahrungen zugunsten der Firma ein. Das ist für alle Beteiligten eine Chance.

Hat das Unternehmen, das 2004 wegen horrenden Nachreservierungen in den USA knapp vor dem Absturz stand, das Gröbste überstanden?

Inga Beale: Ja.

Was macht Sie so sicher?

Beale: Ich würde unseren gegenwärtigen Zustand als stabil bezeichnen. Was mich zuversichtlich stimmt, sind die beiden letzten Vertragserneuerungsrunden von Januar und April, die sehr gute Resultate hervorbrachten. Wir konnten 97,5% und 99,5% der Verträge erneuern. Das ist für uns enorm wichtig, wenn man weiss, dass wir im Januar drei Viertel unserer jährlichen Gesamtprämien erwirtschaften.

Und welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Beale: Dieses Ergebnis zeigt mir, dass unsere Kunden Converium unterstützen, dass sie uns als Rückversicherer schätzen. Schon als ich bei General Electric tätig war, wurde mir bewusst, welche Wertschätzung Converium in der Industrie geniesst gerade auch in den damals schwierigen Monaten.

Warum?

Beale: Die Kunden wollen eine Alternative zu den grossen Rückversicherern. Sie schätzen einen mittelgrossen, flexiblen Konzern mit kurzen und vor allem schnellen Entscheidungswegen.

Kann sich Converium neben einer Swiss Re oder einer Münchener Rück langfristig behaupten?

Beale: Absolut. Gerade wegen unserer technischen Expertise haben wir bei vielen Kunden ein gutes Ansehen. Wir haben beispielsweise ein langjähriges Joint Venture mit der Medical Defence Union und der Global Aerospace Underwriting Managers Ltd. Das sind wichtige Geschäftsbeziehungen. Zudem sind wir klein und sehr agil.

Die Grossen sagen dasselbe: Wir haben das Know-how, die Expertise und sind schnell.

Beale: Wir sammeln Daten über die unterschiedlichen Reaktionszeiten. Und deshalb würde ich nicht behaupten: Je grösser man ist, desto schneller ist man.

Die Rückversicherungsbranche befindet sich seit einigen Jahren in einer Konsolidierungsphase. Wie geht Converium mit diesem Druck um?

Beale: Wir sind gut positioniert, gut diversifiziert, um dem Druck standzuhalten.

Converium wird also selbstständig bleiben?

Beale: Das weiss man bei einer Publikumsgesellschaft nie. Doch wir setzen mittelfristig auf Stabilität und Konsistenz.

Sie sind voller Hoffnung für die Zukunft?

Beale: Ja. Was wir brauchen, ist Stabilität: Stabile Quartalsresultate und keine bösen Überraschungen. Und diesbezüglich schaut die Zukunft gut aus, aber eines dürfen wir nicht vergessen. Als Rückversicherer sind Risiken unser Geschäft, und wir wissen nie zum Voraus, ob und wann ein Sturm tobt, die Erde bebt oder sich eine Katastrophe ereignet.

Gegenüber 2004 hat sich das Prämienvolumen von Converium um rund die Hälfte auf 2 Mrd Dollar verringert. Sind Sie nicht zu klein?

Beale: Mittelfristig wollen wir natürlich grösser werden.

Wie gross?

Beale: Wir möchten in etwa das einstige Prämienvolumen von 4 Mrd Dollar erreichen. Dazu haben wir die Voraussetzungen.

Wie lange geben Sie sich Zeit dafür?

Beale: Die strategische Diskussion mit dem neu zusammengesetzten Verwaltungsrat werden wir erst noch führen, und zwar im Juni. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nicht konkreter werden.

Wo will Converium wachsen?

Beale: Wir sehen grosses Potenzial im Mittleren Osten und in Osteuropa, aber auch in Asien und Lateinamerika.

Wichtigste Voraussetzung für Wachstum ist, dass die Rating-Agenturen Converiums Kreditwürdigkeit von BBB+ auf A hochstufen.

Beale: Ja, das ist für uns eine sehr wichtige Voraussetzung, und wir arbeiten hart dafür. Quartal für Quartal müssen wir mit positiven, konstanten Zahlen unsere Stabilität unter Beweis stellen

Sie haben sich das A-Rating auf die Fahne geschrieben und schüren damit hohe Erwartungen. Was passiert aber, wenn Sie das Upgrading dieses Jahr nicht erhalten?

Beale: Die Kunden, die im Januar und im April die Verträge mit uns erneuert haben, taten dies mit unserem BBB+-Rating. Und wir waren erfolgreich damit.

Also brauchen Sie gar kein A-Rating?

Beale: Doch, natürlich. Wir wollen ja wachsen. Das A-Rating benötigen wir für gewisse langfristig orientierte Geschäftsfelder und Märkte, für die ein A-Rating Voraussetzung ist, beispielsweise Firmen aus Grossbritannien oder Australien. Das gegenwärtige BBB+-Rating schränkt unsere Wachstumsmöglichkeiten ein.

Die Ratingagentur Standard & Poor's setzt fürs das A-Rating eine Combined Ratio von 102% und Ihr Ausblick geht von 102,5% aus. Ist das nicht etwas mager?

Beale: Eines muss man bedenken. Unser Geschäft setzt sich aus zahlreichen Schätzungen zusammen. Wir bewegen uns in einem Risikoumfeld, auf einem Terrain, das mit gewissen Unsicherheiten behaftet ist. Unsere geschätzte Combined Ratio von 102,5% fürs Gesamtjahr 2006 beinhaltet nach dem Rechnungslegungsstandard US Gaap auch das Risiko von allfälligen Naturkatastrophen.

In welcher Höhe?

Beale: 80 Mio Dollar pro Jahr oder zwischen 4 und 5% der Combined Ratio. Nach jedem naturkatastrophenfreien Quartal verbessert sich entsprechend die Combined Ratio, sodass die 102,5% für uns den Worst Case darstellen.

Dennoch: Merrill Lynch schätzt Converiums Chancen, das A-Rating zu erhalten, auf lediglich 30%.

Beale: Es kommt immer darauf an, ob man optimistisch oder pessimistisch veranlagt ist. Ich bin klar auf der optimistischen Seite und setze alles daran, dass es dieses Jahr klappt.

Der Rückversicherer Scor erhielt Ende letzten Jahres das A-Rating zurück und steigerte die Prämien um 25%. Gehen Sie für Converium von einem ähnlichen Szenario aus?

Beale: Die Finanzgemeinde vergleicht uns gerne mit Scor. Aber ich bin nicht sicher, ob die Grössenordnung stimmt. Ich gehe davon aus, dass unsere Volumen mit einem A-Rating im zweistelligen Bereich wachsen könnte, aber nicht 25%.

Wie viel?

Beale: Das kann ich nicht sagen, das ist Gegenstand von den Gesprächen mit dem Management und den Ratingagenturen.

Wie steht es mit den Reserven? Diesbezüglich hat das Nordamerikageschäft mit den horrenden Nachreservierungen Converium fast das Genick gebrochen.

Beale: Wir analysieren die Reservensituation jeden Monat sehr genau, namentlich in den USA, wo wir unsere Gesellschaft abwickeln. Wir überwachen die Portefeuilles. Zu Beginn des Jahres 2005 hatten wir rund 1,8 Mrd Dollar Verbindlichkeiten, Ende 2005 waren es noch 1,1 Mrd Dollar. Und wir wollen die Verbindlichkeiten nochmals um 375 Mio Dollar senken. Das sind total etwa 60%. Damit senken wir die Volatilität und gleichzeitig den Spielraum für böse Überraschungen.

Wie wichtig ist der Run-off des US-Geschäfts?

Beale: Zentral. Wir müssen verschiedene Lösungsansätze erarbeiten, am besten bereits im Sommer. Denn dies wäre sicherlich ein weiteres positives Zeichen, das für ein A-Rating sprechen würde.

Denken Sie an einen Verkauf?

Beale: Das ist eine der Optionen. Wir haben ein Team zusammengestellt, das mögliche Käufer für die US-Einheit finden und prüfen soll, die bereit sind, den richtigen Preis dafür zu zahlen.

Was wäre der richtige Preis?

Beale: Das teilen wir nicht mit.

Wie schätzen Sie die Chance ein?

Beale: Der Preis dürfte ein kritischer Punkt sein. Aber es gibt etliche Unternehmen, die auf den Aufkauf von Run-off-Firmen spezialisiert sind, Synergien sehen oder ein Standbein in den USA suchen. Es sind Optionen vorhanden, zu denen ich noch nichts sagen kann.

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Steckbrief

Name: Inga Kristine Beale

Funktion: CEO Converium

Alter: 43

Ausbildung: Betriebswirtschaft

Wohnort: Zürich

Hobby: Sport, Reisen

Karriere
- 1982-1992 Underwriter bei Prudential Assurance Company
- 1992-2004 Verschiedene Führungsfunktionen bei GE Insurance Solutions
- 2004-2006 CEO bei Frankona Rückversicherungs AGl
- Seit 2006 CEO bei Converium

Die Firma
Der Rückversicherer, der aus Zurich Financial Services hervorging und 2001 an die Börse kam, erlebte im Sommer 2004 eine existenzielle Krise. In den USA traten bei den Reserven Lücken von 500 Mio Dollar zutage. Die Aktie verlor drei Viertel ihres Werts, 2004 resultierte ein Verlust von 582 Mio Dollar. Der Konzern wurde unter Terry Clarke stabilisiert, der im Februar 2006 zurücktrat.