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Intel: «2003 sollten wir einen Upgrade-Zyklus erleben»

Der weltgrösste Chip-Produzent leidet unter der Ausgabenflaute in der IT-Industrie. CEO Craig Barrett hofft, dass es nächstes Jahr besser wird. Auf die Äste hinauslassen will er sich mit einer Prognos

Von Interview: Matthias Niklowitz
am 26.11.2002

Das Chip-Geschäft dümpelt schon seit längerem vor sich hin. Wie lange noch?
Craig Barrett: In den 30 Jahren, in denen ich im Geschäft bin, ist das die grösste und längste Rezession, die es gegeben hat. Bei Technologie ist das ungewöhnlich, gab es vorher so gut wie nie Rezessionen, wenn die Wirtschaft einen Zyklus erlebte.

Wo steht Intel in diesem Umfeld?
Barrett: Wir spüren natürlich auch die Auswirkungen der Rezession. Die ganze Industrie schrumpfte im vergangenen Jahr um 35%, wir nur um 20%. Relativ gesehen haben wir uns damit besser gehalten als viele andere. Zudem sind wir profitabel geblieben. Es ist aber eine sehr schwierige Zeit.

Oft stehen Angebot-Nachfrage-Phänomene hinter Zyklen.
Barrett: Es sind vier Gründe: Erstens endete ein wirtschaftlicher Boom in den USA, der ungefähr 20 Jahre gedauert hatte. Jetzt haben wir einen Rückgang der Wirtschaft in den USA, in Europa und in Japan gleichzeitig. Das ist das erste Mal seit 30 Jahren, dass die Rezession diese drei Regionen gleichzeitig erfasst. Zweitens hatten wir die Dot-Com-Explosion. Drittens hatten wir die Überinvestitionen in der Telecom- und Kommunikationsindustrie. Der Abbau dieser überschüssigen Kapazitäten geht jetzt mit fehlenden Investitionen in diesem Bereich einher. Firmen wie Lucent, Nortel, Ericsson oder Alcatel leiden jetzt alle darunter. Der vierte Grund sind die Nachwirkungen des Y2K-Überhangs. 1999 wurde viel investiert, danach nicht mehr.

Es könnten aber noch weitere Gründe wie Kundenbedürfnisse oder die Lancierung neuer Software eine Rolle spielen.
Barrett: Neue Applikationen oder Betriebssysteme spielen immer eine Rolle. Ich sehe aber jetzt nichts, was wirklich neu und einzigartig sein sollte.

Welche Chancen ergeben sich hier für Linux?
Barrett: Es gibt proprietäre Unix- oder Microsoft-Lösungen, der Wettbewerb ist sehr hart. Linux hat ein grosses Potenzial, aber nicht nur hier, sondern auch bei Desktops oder bei Embedded-Systemen.

Gibt es Märkte, die sich dem Abwärtstrend widersetzen?
Barrett: In den Emerging Markets wächst das Geschäft. Osteuropa, Mittelosten, Lateinamerika wachsen. Wir haben eine gespaltene Entwicklung: Auf der einen Seite Wachstum, auf der anderen eine Rezession. Gesamthaft ergibt das die stagnierende Marktsituation.

Keine Besserung in Sicht?
Barrett: Wenn man sich jetzt danach fragt, was die Situation verbessern könnte, muss man zwei Dinge nennen. Erstens mehr Wachstum in den Emerging Markets und zweitens einen Upgrade-Zyklus in den entwickelten Ländern im Enterprise-Markt und Geschäftskunden-Markt. Zwar kaufen Privatkunden immer noch, aber die Verlangsamung bei den Enterprise-Märkten macht sich jetzt in den USA, Westeuropa und in Japan auch beim Kaufverhalten der Privatkunden bemerkbar. Die grosse Verlangsamung geht von den Firmenkunden aus.

Wird es nicht einen Zeitpunkt geben, ab dem Firmen ihre bestehende Ausrüstung nicht mehr gebrauchen können, weil sie veraltet ist? Und dann kaufen sie alle wieder?
Barrett: Das ist immer möglich. Einen starken Kaufzyklus hatten wir 1999 erlebt, als Teil des Y2K-Phänomens. Alle diese PCs altern gleich schnell, und wenn wir den üblichen Erneuerungszyklus etwas verlängern, dann sollten wir 2003 wieder einen Upgrade-Zyklus erleben. Wir jedenfalls hoffen, dass das passieren wird.

Dann werden die Ausgaben nächstes Jahr also wieder anziehen?
Barrett: Das ist schwer zu sagen. Ich weiss es nicht.

Wann werden sich die IT-Ausgaben wieder erholen?
Barrett: Die Antwort ist ganz einfach: Die IT-Ausgaben sind ein gutes Zeichen für den Zustand der Gesamtwirtschaft.

Ist das so stark miteinander verbunden?
Barrett: Ja. Die Wirtschaft wird sich erholen, wenn die Konsumausgaben wieder steigen, das steigert typischerweise die Profitabilität und das wiederum die IT-Budgets und die Investments. In den USA gibt es schon Anzeichen für grössere Konsumausgaben, aber es ist viel Geld für den Kauf von Autos, die stark verbilligt worden waren, ausgegeben worden. Das führt nicht zu grösserer Profitabilität von Firmen.

Warten nicht einfach alle auf den anderen, bis er die Wirtschaft wieder in Gang setzt? Firmen warten auf die Konsumenten und diese auf die nächste Gehaltserhöhung?
Barrett: Das ist eine alte Diskussion. Es stellt sich die Frage, ob man sich in eine Rezession hineinreden und hinausreden kann. Zu einem bestimmten Teil stimmt das sicherlich. Wenn alle mit schlechten Zeiten rechnen, stellen sie sich darauf ein und geben weniger Geld aus. Wenn Leute damit rechnen, dass es ab jetzt besser werden wird, geben sie wieder mehr Geld aus. Ich kann Ihnen nur unser Beispiel geben: In den nächsten 12 Monaten werden wir zwischen 30000 und 35000 neue PCs anschaffen. Nicht, um uns aus der Rezession hinauszureden, sondern weil wir glauben, dass das unsere Effizienz und Produktivität steigern wird und wir einen positiven Return erwarten.

Wer bekommt den Zuschlag? Könnte es Dell sein?
Barrett: Das könnte jeder Lieferant sein. Wir lassen uns Offerten machen und nehmen die für uns günstigste. Auch haben die Lieferanten im Laufe der Jahre gewechselt. Der letzte Hauptlieferant war IBM. Das Thema ist etwas delikat, weil wir an alle liefern, wir aber nicht bei allen gleichzeitig kaufen können. Und wenn wir uns jetzt Angebote machen lassen, sagen alle, natürlich haben wir Intel-Modelle. Das Bietverfahren ist umfangreich und läuft, es kommen alle Lieferanten in Frage. Deshalb ist das Einzige, was ich jetzt schon mit Gewissheit sagen kann: Die PCs werden bestimmt keine AMD-Prozessoren haben.

In den Bereichen Communications und Networking schreibt Intel inzwischen rote Zahlen. Wie lange möchten Sie noch mit dieser Situation leben?
Barrett: Wie lange ich damit leben werde oder wie lange ich damit leben möchte? Das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Beide Bereiche waren im Jahr 2000 noch profitabel. Ich mag rote Zahlen gar nicht, um diesen Teil der Frage
zuerst zu beantworten. Solange aber noch einige Gegebenheiten in diesen Bereichen stimmen, können wir mit Verlusten leben, bis die Wirtschaft sich wieder erholt. Wir müssen ein führendes Unternehmen im Technologiesektor bleiben und als solches wahrgenommen werden, wir müssen auch grosse Volumen bewältigen, und wir müssen die Designs der nächsten Generationen definieren und gewinnen. Solange das gegeben ist, werden wir weiter in diese Bereiche investieren, auch wenn diese operativ rote Zahlen schreiben.

Wie weit sind diese Geschäftsbereiche auch strategisch wichtig?
Barrett: Sie sind eng mit der Vision «computing anytime anywhere» verflochten. Das ist auch der Grund, warum wir sowohl bei Wireless Communication und bei Networking an erster Stelle stehen wollen. Wir liefern dann alles, was es für das Internet braucht ? von den Servern bis zum drahtlosen Zugang.

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