Wirtschaftskrise und Klimawandel halten die Automobilhersteller auf Touren: Toyota und Honda entwickeln laufend neue Hybridmodelle. In zweieinhalb Jahren will Renault seine erste komplette Elektroauto-Palette präsentieren. Und auch der deutsche Volkswagenkonzern hofft, schon bald mit besseren Erdgasmotoren von sich reden machen zu können. Ab nächstem Jahr sollen diese aber nicht nur den «Caddy» oder «Touran» vorwärtsbringen, sondern neuerdings auch im Heizungskeller für mehr Schub sorgen. Bis 2012 will VW 100 000 emissionsarme Motoren unter die deutschen Hauseigentümer bringen und, vergleichbar wie einst mit dem VW-Käfer, die effiziente Energieversorgung massentauglich machen.

Klimafreundliches Minikraftwerk

Der VW-Motor fürs Untergeschoss soll Wärme und Strom aus einem liefern und ist somit ein klimafreundliches Minikraftwerk. Sein Wirkungsgrad liegt bei über 90%. Zum Vergleich: Bei einem Automotor sind es weniger als 20%. Der Kohlendioxidausstoss ist um 60% kleiner als bei herkömmlichen fossilen Heizanlagen. Und all dies soll zu einem Preis erhältlich sein, mit dem bisherige Heizsysteme kaum mithalten können: Der Kunde bezahlt einen Einmalbetrag von weniger als 8000 Fr. - und danach ausschliesslich die von ihm bezogene Wärme. Die neuartige Gebäudeheizung aus der Volkswagenfabrik wird ab kommendem Jahr als «Zuhause-Kraftwerk» erhältlich sein. Für den Vertrieb spannt der grösste Autobauer der Welt mit Deutschlands grösstem unabhängigem Energieanbieter - Lichtblick - zusammen. Der gemeinsame Vertrag wurde Anfang September 2009 unterschrieben. Christian Fiege, Vorstandschef von Lichtblick, erhofft sich dadurch nicht weniger als «eine Revolution am Energiemarkt».

Eine behutsame Vorgehensweise ist für den Energiedienstleister, der im nördlichen Nachbarland aktuell über eine halbe Mio Haushalte mit Strom und Erdgas versorgt, dennoch ratsam: Die Lancierung wird nächstes Jahr mit ein paar 100 Anlagen beginnen, so Firmensprecherin Katinka Königstein. Ab 2011 könnten die Minikraftwerke für Zuhause jedoch in Zehntausender-Stückzahlen abgesetzt werden. Und weil sich Lichtblick vor allem mit Ökostromangeboten einen Namen auf dem freien deutschen Markt gemacht hat, soll das Zuhause-Kraftwerk dereinst klimaneutral betrieben werden. Dafür werde der zusätzliche Ausbau der Biogasversorgung angestrebt.

Anzeige

Doch was hat der Firmenverbund sonst Neues zu bieten, was bisherige Teilnehmer am Heizungsmarkt übersehen haben? Es ist weniger der Motor, der im Keller in das Mini-Blockheizkraftwerk eingebaut wird. Jetzt schon produzieren vergleichbare Wärmekraftkopplungsanlagen viel nutzbare Energie und versorgen Häuser oder Siedlungen mit Wärme und Strom. Trotzdem ist der erdgasbetriebene VW-Automotor innovativ: Zum einen kann er schadstoffarm betrieben werden. Volkswagen hat sich dazu der werkeigenen «Bluemotion»-Technologie bedient. Zum andern kennt sich der Autobauer mit dem typischen «Stop and Go» im Heizungsbetrieb bestens aus. Der Motor im Keller steht die meiste Zeit still und wird nur 1 bis höchstens 5 Stunden am Tag angeworfen. Diese kurzen Perioden werden genügen, das «ZuhauseKraftwerk» effizient zu betreiben. Es erzeugt in erster Linie Strom und ist nur in zweiter Priorität darauf ausgelegt, Wärme fürs Heizen abzugeben. Denn das ist eine weitere Eigenheit im Lichtblick-Betriebskonzept. Die Anlagen bleiben im Besitz des Anbieters und der erzeugte Strom wird in eigener Regie vertrieben.

Bis in wenigen Jahren sollen 3 bis 4 Mio dezentral installierte «Zuhause-Kraftwerke» so viel Strom liefern, wie zwei grosse Kraftwerke mit Kohle oder Atom. Gegenüber diesen besitzen kleine Aggregate aber den Vorteil, dass sie innert weniger Minuten hochgefahren werden und so viel Strom produzieren können wie verlangt. Die Energieversorgerin Lichtblick nennt ihr Produkt «Schwarmstrom»: Die vielen 1000 Minikraftwerke gleichen die unvorhersehbaren Schwankungen von Windturbinen gemeinsam und bedarfsgerecht aus. Das Einzige, was es dazu braucht, sind eine digitale Vernetzung und eine koordinierte Betriebssteuerung, um den Strom der «Zuhause-Kraftwerke» aufeinander abgestimmt ins Netz einzuspeisen.

Als Schwarmstrom vertrieben

Hausbesitzer, deren Heizung auch ein Schwarmstromerzeuger ist, haben ihrerseits kaum etwas damit zu tun: Den Strom beschaffen sie sich wie bisher extern, wogegen ihnen die Raummiete und ein Absatzbonus von mehreren 100 Euro im Jahr vergütet werden. Gleichzeitig wird empfohlen, das Minikraftwerk mit einem 2000 l grossen Energiespeicher zu kombinieren (was im Contractingpreis ebenso wie der Rückbau der alten Heizanlage inbegriffen ist). Das Leistungsspektrum von rund 30 kW spricht allerdings nur bedingt für den Einbau in einem Einfamilienhaus, sondern mehr für grössere Wohn- oder Geschäftsliegenschaften. Erschwinglich scheint das Angebot aber auf jeden Fall: Gemäss einer Lichtblick-Mitteilung von Anfang Oktober würde ein Hausbesitzer in Hamburg nicht einmal 8 Rp. pro Kilowattstunde für Wärme aus der Volksheizung bezahlen.

Anzeige