Die Wand leuchtet in neonpinken Farben. Davor stehen ein Tisch, ein Büchergestell, ein Sofa – und Reto Waidacher. Der Interio-Chef beobachtet den neuen Auftritt auf der Promofläche der Filiale in Dübendorf ZH genau. Er nimmt selbst kleine Änderungen vor, richtet hier ein Kissen und dort einen Stuhl. «Wir zögerten anfänglich, mit Neon­farben zu arbeiten», sagt Waidacher. Aber schliesslich müsse Interio wieder etwas mutiger werden.

Die Migros-Tochter hat schwierige Jahre hinter sich. Das Star-Image im Konzern ist verblasst. Der Umsatz sank in den letzten drei Jahren um einen Viertel auf 196 Millionen Franken. Zwar leidet der Grossteil der Möbelbranche unter sinkenden Umsätzen. 2012 lag das Minus laut verschiedenen Branchenkennern im Schnitt im unteren einstelligen Prozentbereich. Anbieter, die wachsen, wie Pfister, sind rar.

Bei Interio sind viele Probleme hausgemacht. Die einstige Stellung als trendige Marke verlor Interio. Der Versuch, Interio mit der Wohnaccessoires-Kette Depot aufzumöbeln, scheiterte. Das schnell drehende, günstige Dekor-Sortiment vertrug sich nicht mit dem Möbelgeschäft. Inzwischen gehen Interio und Depot wieder getrennte Wege. Das Nachsehen hatte Interio. 24 Standorte in Innenstädten gingen an die ehemalige Partnerin Depot über. Damit hat Interio erst noch mehr Konkurrenz in Bereichen wie Geschirr und Heimtexti­lien. Diese führt auch Depot im Sortiment.

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Massimo Dutti der Möbelbranche

Die Trennung der beiden Migros-Töchter kostete Interio letztes Jahr viel Umsatz. Minus 19,3 Prozent lautete das Resultat. Davon entfielen laut Interio-Chef Waid­acher rund 10 Prozent auf den Wegfall der 24 Geschäfte. Dazu kam die zweimonatige Schliessung der Filiale Dübendorf wegen eines Hagelschadens. Minus 6,7 Prozent seien aber auch nicht berauschend, sagt er. «Wir haben unser ursprüngliches Konzept nicht mehr erfüllt», lautet seine Analyse. Der Jurist und Design-Freak leitet Interio seit gut zwei Jahren. Er hat die grosse Aufgabe, «das Dornröschen aus dem Schlaf zu wecken», wie er selber sagt.

«Wir sind etwas stehen geblieben und haben den Zeitgeist verpasst», sagt er. Nun müsse Interio gänzlich wieder Interio werden. «Wir wollen individueller und mutiger werden», sagt er. Waidacher zeigt in der Filiale in Dübendorf auf ein Bettgestell im Beton-Look oder die grüne Kommode im 1960er-Jahre-Stil – es dürfe auch mal etwas gewagter sein. Design-Möbel sollen die Kunden überzeugen, dass die neue Interio wieder ganz die alte ist. Interio könne zwar kein Trendsetter sein, aber neue Trends schnell umsetzen. Was ein Massimo Dutti oder Zara in der Textilbranche ist, könne Interio im Möbelbereich darstellen, erklärt der Interio-Chef.

Einige Änderungen hat Waidacher bereits vorgenommen. Er führte zum Beispiel eine neue Linie namens «Edition Interio» ein. Andere stehen noch an. Im August soll der Onlineshop ans Netz gehen. Auch eine Zusammenarbeit mit Schwesterfirma Micasa in der Logistik wird diskutiert – um Kosten zu sparen, wie Kenner sagen. Ein Zusammengehen der beiden sei aber kein Thema.

Respekt von Konkurrenten

Die Konkurrenz nimmt die neue Handschrift zur Kenntnis. «Was Interio in der Sortimentierung seit letztem Herbst zeigt, verdient Respekt», sagt ein Konkurrent. Es gelinge, an alte Stärken anzuknüpfen. «Bis die Kunden das bemerken, dauert es aber Jahre», so der Experte weiter. Zudem habe Interio sehr viele Wechsel im Top-Kader hinter sich. Waidacher tauschte seit seinem Antritt fast die ganze Geschäftsleitung aus.

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Im Zuge des Depot-Abenteuers verliessen auch Einkäufer Interio. «Ich habe beim Kader recht eingegriffen», meint er, «ich möchte mit Leuten zusammenarbeiten, die vom Interio-Virus angesteckt sind.» Während Waidacher das sagt, richtet er die Bücher im Gestell vor der pinken Wand neu aus.